Erst das 4:1 gegen England, nun das 4:0 gegen Argentinien: Eine derart fulminante Woche hat Fußball-Deutschland noch nicht erlebt. Und Michael Ballack muss einsehen, dass sich erst durch sein Fehlen eine passable Mannschaft zu einer zauberhaften Gruppe gewandelt hat.
Michael Ballack saß auf der Tribüne im Kapstadt Green Point Stadion. Er lachte und freute sich bei den Toren der deutschen Mannschaft. Seiner deutschen Mannschaft. Nach Aussagen vieler ist er ja immer noch der Kapitän.
Bild vergrößern
Eine Einheit: Die deutsche Nationalmannschaft beim sogenannten Turmbuilding mit Lukas Podolski als Spitze. (© afp)
Anzeige
Als der 33-Jährige kurz vor der WM von Kevin-Prince Boateng aus dem Turnier getreten wurde, war dies ein harter Schlag. Wer sollte ihn ersetzen? Ist er überhaupt ersetzbar? Der einzige deutsche Spieler, der seit Jahren das Attribut Weltklasse mit sich herumtrug. Das Fußballland haderte.
Sechs Wochen danach weiß es das Fußballland besser. Aus einer passablen Gruppe mit dem riesenhaften Anführer Ballack ist eine zauberhafte Gruppe mit vielen kleinen und großen Anführern geworden. 4:1 im Achtelfinale gegen England, 4:0 im Viertelfinale gegen Argentinien - Deutschland fliegt. Mit jungenhaften, kraftvollen Flügeln segelt es durch die WM, wie das selbst Träumer nicht erträumen konnten. Eine derart fulminante Woche hat es in der DFB-Geschichte noch nicht gegeben.
Fulminantes Feuerwerk
Viele belächelten den Kapitän Philipp Lahm, als er im Vorfeld der Südafrika-Reise die Mannschaft als beste gepriesen hatte, in der er je gespielt habe. Wer will ihm jetzt noch widersprechen? Hat er geahnt, dass Arne Friedrich sich in die Reihe der zähsten deutschen Verteidiger spielt? Dass Bastian Schweinsteiger sich zum König des Mittelfelds krönt, Sami Khedira endlose Lauferei mit gescheiten Pässen verbindet, Mesut Özil das feinste Füßchen der WM hat, Thomas Müller den neuen Spielertypen des freigeistigen Räumesuchers erfindet? Dass Lukas Podolski und Miroslav Klose sich abermals von Bundesliga-Kätzchen in Nationalmannschafts-Löwen verwandeln?
Deutschland muss sehr lange zurückdenken, um eine Mannschaft mit derart vielen Talenten zu finden. Es ist Löws Verdienst, diese Talente gesehen und zur Blüte verholfen zu haben. Die Verletzung von Ballack, so schwer das für den (Ex-)Kapitän ist, kam ihm da gelegen. Damit 33-Jährige schied der letzte Platzhirsch aus, er wollte auf und neben dem Feld den Ton angeben, als Anführer die Entscheidungen treffen. Ohne ihn konnte Löw die Mittzwanziger Lahm, Schweinsteiger, Mertesacker, Podolski neue Verantwortungen geben. Und weil diese Mittzwanziger nicht vom Führungsspieler-Duktus durchdrungen sind, sondern viel Wert auf eine angenehme Atmosphäre legen, in der sich auch die Jüngeren entfalten, entstand ein Team voller Kraft, Energie und Lust am Spiel.
Noch ist nicht ausgemacht, dass die fliegenden Deutschen mit dem Weltpokal zu Hause landen werden. Im Halbfinale warten die Spanier, die seit vielen Jahren kein wichtiges Spiel mehr verloren haben. Doch selbst wenn diese Mannschaft noch scheitert, wird sie in Erinnerung bleiben als fulminantes Feuerwerk des Fußballsports, wie es Deutschland noch nicht gesehen hat.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Thema
- Fußball-WM RSS
- WM 2010: Stimmen zum Spiel "Mir ist gut ums Herz" 03.07.2010
- WM 2010: Einzelkritik Deutschland Die Fliege im Gesicht Argentiniens 03.07.2010
- WM 2010: Deutschland - Argentinien Cry for me, Argentina 03.07.2010
- WM 2010: Deutschland - Argentinien Deutschland einig Zauberland 03.07.2010
- WM 2010: Fehlentscheidungen Gelb fürs Regelwerk 05.07.2010
- WM 2010: Spanien Romantische Begegnung in Öl 05.07.2010
- WM 2010: Nationalmannschaft Endlich unter Großen 05.07.2010
(sueddeutsche.de/dop)
Erster Arbeitstag als Chef der Deutschen Bank
Endlich wieder ein Kommentar aus der Reihe "Ja, alles ganz ok, aber lasst die mal gegen die Engländer/Argentinier/Spanier/Brasilianer/... spielen - da wird man sehen, dass die Mannschaft doch nicht gut ist!"...
Selbst wenn die Mannschaft bei diesem Turnier "nur" 4ter werden sollte, hat sie bewiesen, dass sie wieder zu den besten der Welt zählt. Punkt.
Und nicht dass Sie mich falsch verstehen, die Spanier sind morgen für mich immer noch leichter Favorit (da sie schon länger sehr erfolgreichen Fussball spielen, eine wirklich tolle Mannschaft haben und ich seit 2006 riesiger Iniesta-Xavi-Fan bin). Aber bei dieser WM haben mich alle Spiele der Deutschen begeistert (ja, auch das Serbien-Spiel) und keines der Spanier (angefangen beim Schweizspiel bis zum Paraguayspiel).
Wie ein Herr Messi, richtig?
David Villa ist auch nur ein Mann und keine Mannschaft.
Am Mittwoch macht ein echter Torjäger mit Namen David Villa den Unterschied wie einst Paolo Rossi und am nächsten Tag gibt es ein Feuerwerk in der deutschen Presselandschaft gegen Schiedsrichter, Spanier und Gott und die Welt.
Dabei wurde die deutsche Nationalelf nur wieder einmal gewogen und für zu leicht befunden.