WM 2006 Das Geld ging nach Katar. Kam die Stimme aus der Karibik?

So wanderte das Geld.

Die DFB-Ermittler benennen Franz Beckenbauer als Kernfigur der Millionen-Zahlung nach Katar. Doch was wurde aus dem Geld? Und welche Rolle spielt der seltsame Vertrag mit dem dubiosen Jack Warner?

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Grün leuchtet es von Wand und Decke des Konferenzsaals im Frankfurter Flughafen-Hotel. Grün ist die Farbe der Hoffnung - und die des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). In grünlichem Licht steht nun auch 40 Minuten lang der Jurist Christian Duve an einem Pult. Er referiert und erzählt, dazu blendet er Thesen und Dokumente auf Großleinwänden ein. Neben ihm ist die aktuelle DFB-Spitze versammelt, die Interimspräsidenten Reinhard Rauball und Rainer Koch, der designierte Chef Reinhard Grindel. Sie machen ernste Gesichter. Die Miene der Aufklärer.

Fast fünf Monate beschäftigt sich der deutsche Fußball nun mit seiner Sommermärchen-Affäre. Fast fünf Monate lang forschte die Frankfurter Kanzlei Freshfields um Duve; Freitagmittag präsentiert sie ihre Ergebnisse. Er kenne in der Sportwelt keine vergleichbare Untersuchung, sagt DFB-Mann Koch, wohl zu Recht. Nur: Wie weit ist die Affäre wirklich geklärt?

Am Ende landete das Geld von Dreyfus in Katar

Drei Kernthesen präsentieren die Ermittler. Erstens: Die Schlüsselfrage, ob Deutschland die WM 2006 sauber errungen hat oder nicht, bleibt offen: "Wir haben keine Beweise für Stimmenkauf gefunden", sagt Duve, "wir können es aber auch nicht ausschließen." Zweitens: Der merkwürdige Geldfluss von zehn Millionen Schweizer Franken im Jahr 2002 wurde von Franz Beckenbauer beziehungsweise aus dessen Umfeld initiiert - und am Ende landete das Geld in Katar. Diese konkrete Erkenntnis ist neu. Drittens: Im DFB-internen Umgang mit der Affäre 2015 hatte Ex-Präsident Wolfgang Niersbach früher konkrete Kenntnisse, als er zugab.

Aber sehr oft wird in dem 361 Seiten starken Abschlussbericht und in Duves Referat festgehalten, dieses und jenes könne nicht abschließend gewertet und der eine oder andere Vorgang nicht mehr eindeutig rekonstruiert werden. Auf manche Dokumente hatte Freshfields keinen Zugriff; auf manchen Zeugen, der Erhellendes hätte beitragen können, auch nicht. Und manche Information sei erst ganz kurz vor der Präsentation der Ergebnisse an die Kanzlei gegangen und daher noch nicht richtig ausgewertet worden, hieß es. Die Arbeit von Freshfields ist dennoch weitgehend beendet - die Aufarbeitung der damaligen Vorgänge, so sieht es jetzt aus, beginnt aber erst. In den nächsten Wochen wird hierzu einiges passieren: Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung. Die Schweizer Bundesanwaltschaft geht dem Ganzen ebenso nach wie das amerikanische FBI, das die Causa "Sommermärchen" weit oben auf der Prioritätenliste führt. Dann ist da die Fifa-Ethikkommission, die den Bericht am Freitag sofort in Begutachtung nahm. Die Rolle des aktiven Fifa-Vorstandes Niersbach, insbesondere aber die des Ex-Vorstandes Beckenbauer wird genau untersucht, hieß es am Freitag aus Zürich. Das Ethikreglement fordert vollständige Kooperationsbereitschaft ein - ansonsten drohen Beckenbauer und Niersbach schon aus formalen Gründen jahrelange Sperren von allen Fußballaktivitäten. Nach Aktenlage erscheint es unausweichlich, dass die Fifa-Ethiker Beckenbauer bald zu Sinn und Zweck einer Millionenzahlung befragen werden, die aus seinem Umfeld 2002 nach Katar ging.

Niersbachs Rolle

Im Zentrum der Befragungen, in deren Verlauf Freshfields 31 Zeugen vernahm, stand auch der zurückgetretene DFB-Chef Wolfgang Niersbach. Belastet wird Niersbach im Abschlussbericht mit folgender Aussage: "Die beim DFB auffindbaren Unterlagen waren nicht vollständig. Ein Ordner zu Vorgängen, welche die Fifa im Jahr 2000 betreffen sollen, wurde allem Anschein nach im Juni 2015 ausgeliehen und konnte nicht gefunden werden." Die Spur verläuft sich im Rätselhaften: Eine Mitarbeiterin Niersbachs habe im Alleingang im Archiv Dokumente gesucht, heißt es, diese bestreitet aber, dass sie Akten vernichtet habe. Es sei jedoch "nicht auszuschließen, dass frühere DFB-Mitarbeiter Akten nach ihrem Ausscheiden vernichtet haben. Manche Akten wurden oder werden privat verwahrt". DFB-Interimschef Rainer Koch erklärte, im Verband habe es "ein völliges Versagen interner Kontrollmechanismen gegeben". Laut Freshfields sei Niersbach allerdings keine Kenntnis der WM-Vorgänge vor 2015 nachzuweisen gewesen.

Johannes Aumüller

Das große Verdienst des Freshfields- Reports ist es nämlich, die Geldflüsse im Jahr 2002 so weit wie bislang eben möglich nachzuzeichnen. Die damals Verantwortlichen in DFB und WM-Organisationskomitee haben bisher ja erzählt, sie hätten damals zehn Millionen Franken ans Finanzkomitee der Fifa zahlen müssen, um im Gegenzug einen höheren Organisationszuschuss zu erhalten. Der damalige Adidas-Eigner Robert Louis-Dreyfus sei mit einem Darlehen in Vorleistung gegangen. Die Darstellung ließ sich schon in den letzten Wochen kaum halten, auch die Fifa selbst hatte sie dementiert. Jetzt befand Duve: "Eine Zahlung an die Weltverband oder die Finanzkommission" habe es nicht gegeben.

Laut Freshfields lief das Ganze so ab: Zwischen 29. Mai und 8. Juli 2002 flossen in vier Tranchen insgesamt sechs Millionen Franken von einem sogenannten Oder-Konto in Kitzbühel, auf das sowohl Beckenbauer als auch sein damaliger Manager Robert Schwan Zugriff hatten, auf das Konto einer Schweizer Anwaltskanzlei. Verwendungszweck: "Erwerb von TV und Marketing Rechten Asien Spiele 2006". Die Kanzlei in Sarnen, Kanton Obwalden, wo das deutsche Duo früher schon umtriebig war, leitete die Millionen auf ein Konto der Kemco Scaffolding Co. weiter. Die liegt im Zugriffsbereich des langjährigen Fifa-Funktionärs Mohammed bin Hammam in Katar. Im August 2002 überwies dann Louis-Dreyfus zehn Millionen Franken an die Anwaltskanzlei, die den Betrag prompt weiterverteilte: knapp sechs Millionen auf ein Beckenbauer-Konto, vier Millionen weiter an Kemco.

So waren am Ende zehn Millionen in Katar gelandet, und Beckenbauer hatte seinen Einsatz zurück.

Der Ermittler spricht: Christian Duve von Freshfield zitiert den Ermittlungsbericht - auf dem Podium sitzen der künftige DFB-Präsident Grindel, die Interimschefs Rauball und Koch sowie Medienchef Köttker (von links).

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Duve und der DFB beteuern: Gibt keine Beweise für Stimmenkauf

Es fragt sich: Wofür floss dieses Geld? Und warum diese komplizierte Zahlungskette?

Bin Hammam verneint, zehn Millionen Franken von den Deutschen erhalten zu haben. Beckenbauer sagte Freshfields, er sei von den Erkenntnissen überrascht, sie ergänzten aber seine eigenen Erinnerungen. Auf Anfrage am Freitag äußerte er sich nicht. Wer aber die sportpolitische Gemengelage der damaligen Zeit kennt, dem fällt zweierlei auf. Erstens gab es im Mai 2002, exakt zu Beginn der Tranchenzahlungen, eine Fifa-Präsidentschaftswahl, vor der Sepp Blatter in großer Bedrängnis war: Issa Hayatou, der Chef des Afrika-Verbands CAF, hatte ihn herausgefordert, mit starker Unterstützung Europas. Zweitens war die Vergabe der WM 2006 an Deutschland erst knapp zwei Jahre her. Und die FBI-Ermittlungen offenbaren ein wiederkehrendes Muster, nach dem Funktionäre im Nachhinein für Stimmen entlohnt wurden. Eingedenk solch deutlicher Indizien verwundert, dass Chef-Ermittler Duve und die amtierende DFB-Spitze am Freitag immerzu beteuerten: "Wir haben keinen Beweis, dass Stimmen gekauft wurden."

Das Sommermärchen war nicht gekauft - dieser Satz war in der Affäre schon sehr oft zu hören. Am Freitag wurde er weniger pathetisch intoniert als noch im Herbst vom damaligen DFB-Chef Niersbach oder vom früheren Strippenzieher der Bewerbung, Fedor Radmann. Aber dass das Sommermärchen nach Aktenlage als nicht gekauft gelten darf - die Botschaft soll schon auch ins Land gehen an diesem Tag der Aufklärung. Tatsächlich bringt der Bericht im Detail sogar mehr Hinweise dafür, dass die Sache damals, beim WM-Zuschlag am 6. Juli 2000, nicht viel anders abgelaufen sein kann als bei den schwer unter Verdacht geratenen WM-Vergaben von 1998 bis 2022. Bereits bekannt war, dass Freshfields einen Vertrag zwischen Beckenbauer und dem von Jack Warner geführten Karibik-Verband Concacaf entdeckt hatte, unterzeichnet wenige Tage vor der Ausrichter-Kür. Ein Volumen von zehn Millionen Mark sollen die versprochenen Leistungen umfasst haben. Dieser Kontrakt wurde, und das ist neu, bereits am 7. Juni - also sehr vorausblickend - von einer Münchner Kanzlei gefaxt. Paraphiert, heißt es weiter, ist bereits zu diesem Zeitpunkt "jede Seite von Fedor Radmann ("F.R.") und Jack Warner ("JAW")". Als die DFB-Spitze 2015 von dem Papier erfuhr, sprach sie von einem "Bestechungsversuch". Nun hält Freshfields fest, dass der Kontrakt sogar über mehrere Wochen vorbereitet wurde - und dass zumindest Teile davon auch umgesetzt wurden.

Zudem drängt sich die Frage auf, die längst Bestandteil der Schweizer Ermittlungen ist: Warum sollte Warner, der ungekrönte Korruptionskönig der Fifa, auf Kernteile der vertraglich zugesicherten Millionenleistungen verzichtet haben? Wenn es um die konkreten Vorgänge rund um die WM-Vergabe geht, argumentiert Freshfields an manchen Stellen erstaunlich oberflächlich. So gibt es seit Längerem den Verdacht, dass die Deutschen damals eben doch auf Warner als Wahlmann angewiesen waren - weil der angebliche Block aus acht Europäern und vier Asiaten nicht geschlossen war, um bei der Abstimmung gegen Südafrika auf die erforderlichen zwölf Voten zu kommen. Ein Asiate sei ausgeschert, hielten die Bewerber selbst im Februar 2000 fest. Das hatte ihnen Bin Hammam gesteckt, der es wissen musste: Er war Chef des Asien-Verbands AFC. Bin Hammam selbst fragte 2002 den Südkoreaner Chung Jong-Moon in einem Wutbrief, ob er auch wirklich, wie besprochen, die Deutschen gewählt habe.

Überdies gibt es eine Aussage des langjährigen Fifa-Insiders und Warner-Freundes Elias Zaccour: Chung sei damals ab- und Warner pro Deutschland eingesprungen, sagte der inzwischen verstorbene Zaccour 2013 der SZ. Im Lichte all dieser Erkenntnisse erhält der Vertrag mit Warner viel Logik - und eine ganz andere Brisanz. Trotzdem tendiert Freshfields zu einer anderen Lesart: "Dass letztlich wohl alle vier asiatischen Mitglieder für Deutschland gestimmt haben dürften, ergibt sich aus einer Erklärung von Gerhard Mayer-Vorfelder nach Vergabe im Juli 2000." Und Chung habe Beckenbauer in einem Brief 2001 versichert, alle Asiaten hätten die Deutschen gewählt. Ein Ex-DFB-Chef und ein umwitterter Beteiligter als Quelle für eine geheime Wahl - da steht die Freshfields-Argumentation auf dünnen Füßen. War die WM 2006 gekauft? Diskussion und Aufklärung werden weitergehen. Aber nicht mehr in hoffnungsvollem Grün, eher im kalten Grau von Justizräumen in Frankfurt, Bern und in den USA.