Ohne Ronaldinho und Adriano, aber mit zwei Wolfsburgern: Verwundert nimmt Brasilien das WM-Aufgebot zur Kenntnis. Doch Staatspräsident Lula lobt den Nationaltrainer.
Die Inszenierung war schon mal gelungen, gerade für Brasiliens verblüffendsten Teilnehmer an dieser Fußball-Weltmeisterschaft. Bild für Bild huschten die 23 Mann über den Monitor eines Hotels in Rio de Janeiro, als Nationaltrainer Carlos Dunga seine Reisegruppe für Südafrika verriet. Jeder Name mit jedem Porträt im gelben Trikot war drei Sekunden lang zu sehen.
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Grafite. (© Foto: imago)
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Das Publikum wurde schon unruhig, und Blogger rissen erste Witze, denn in der Serie der Auserwählten fehlten mehrere Prominente: Wo blieben Adriano und Ronaldinho, zwei der berühmtesten Angreifer, was war mit Neymar und Ganso, zwei Entdeckungen der brasilianischen Liga? Sie alle kamen nicht vor in Dungas Liste, dafür wurde nach 66 Sekunden und 22 Kandidaten die 23. Visitenkarte eingeblendet, mit überraschendem Inhalt: Edinaldo Batista Libânio, kurz Grafite. Geburtsdatum: 2.4.1979. Klub: VfL Wolfsburg. Länderspiele: zwei.
Mit dessen Vereinskollegen Josué hatte man noch gerechnet, der Mittelfeldspieler gehört seit 2007 zum Stamm der selecao. Aber Grafite? Als Torschützenkönig der Bundesliga mag der ein Kandidat gewesen sein, doch zuletzt schoss er öfter am Ziel vorbei als hinein (elfmal), und der vormalige Trainer Armin Veh schickte ihn zwischendurch auf Heimaturlaub. Viele Landsleute kennen ihn kaum, in der Auswahl wurde der Auswanderer in 31 Lebensjahren bloß zweimal eingewechselt.
2005 beim 3:0 gegen Guatemala in Sao Paulo nach 38 Minuten für Altmeister Romario, dort traf der Debütant zum 3:0. Und am 2. März 2010 beim 2:0 in London gegen Irland, da löste Grafite jenen Adriano ab (63.), den er nun ausgebootet hat. Kurz darauf bereitete er Robinhos Tor zum 3:0 vor. Mit der Nominierung erlebt der Wolfsburger jetzt "die größte Emotion meines Lebens", und Dunga erläutert: "Manche Spieler brauchen nur fünf Minuten, um zu zeigen, dass sie dazu gehören."
Da staunten die Zuhörer, nicht wenige Anhänger und Juroren sind irritiert von der durchschnittlich größten (1,82 Meter) und ältesten Belegschaft (28,6 Jahre) des Rekordweltmeisters bei einer WM. "Übertrieben konservativ", schimpft ein Kommentar der Zeitung Folha de Sao Paulo. Die Kreativität werde begraben, wettert O Estado de Sao Paulo.
Die Abwehr mit Torwart Júlio César sowie den Verteidiger Lúcio und Maicón von Inter Mailand, Juan von AS Rom, Dani Alves vom FC Barcelona sei ja wunderbar für wenig Gegentore, und mit dem heimgekehrten Stürmer Robinho vom FC Santos und Luis Fabiano vom FC Sevilla könne man sich in der Offensive auch sehen lassen.
Aber wer außer dem angeschlagenen Regisseur Kaka von Real Madrid solle für Phantasie sorgen? Wozu der Römer Reservist Julio Baptista, wozu Kléberson von Flamengo Rio de Janeiro und Gilberto von Cruzeiro Belo Horizonte, zwei von dreien aus der heimischen Meisterschaft?
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