"Es gibt Dinge, die fühlt man": Argentinien erinnert sich an den WM-Triumph von 1986 und sieht dem Duell mit Alemania mit größter Gelassenheit entgegen.
Am Obelisken von Buenos Aires stand gerade ein aufgepumptes Trikot Argentiniens mit der Nummer 10. Himmelblauweiß und kurzärmelig, trotz des manchmal schon recht frischen Winters, aber einige Meter hoch und mit breiter Brust. Aufgeblasene Argentinier, könnten Kritiker spotten, und obendrein kopflos, doch das verkennt bedeutende Symbolismen.
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Das 3:2 im WM-Finale 1986: Der Argentinier Jorge Burruchaga (li., Argentinien) schiebt den Ball ins deutsche Tor, Hans-Peter Briegel ist fassungslos, Torwart Harald Schumacher am Boden. (© Imago)
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Erstens ist dieses Zentrum der Hauptstadt an der Avenida 9 de Julio, der angeblich breitesten Straße des Planeten, traditionell der Mittelpunkt nationaler Feierlichkeiten. Hier wurde kürzlich der 200. Jahrestag der Unabhängigkeitsbewegung begangen und am Sonntag der 3:1-Erfolg im Achtelfinale gegen Mexiko. Hier werden Wahlsiege bejubelt und WM-Titel, der letzte liegt aber bald ein Vierteljahrhundert zurück. Zweitens ist die 10 die Zahl der Helden. Mario Kempes trug sie 1978, Diego Maradona 1986, in Südafrika trägt sie jetzt Lionel Messi über das Feld.
Zweifel an Maradonas Eignung
Er war vor 24 Jahren noch gar nicht auf der Welt. Messi wurde in der italienischen Klinik von Rosario 1987 geboren, 3600 Gramm schwer, Maradona liebte das Volk da bereits als himmlischen Dribbelkünstler und göttlichen Betrüger. Carlos Tévez ist Jahrgang 1984, "ich war zwei". Die meisten aus Maradonas Equipe kennen die Heldentaten ihres Trainers nur aus Videos und Erzählungen, Torjäger Gonzàlo Higuaín verließ den Mutterleib 1987 in Brest, Frankreich, wo sein Vater stürmte.
Bewusste Augenzeugen waren wohl bloß Angreifer Martín Palermo, 36, und ansatzweise Verteidiger Gabriel Heinze, seinerzeit acht. Heinze weiß noch, dass sein Vater vor dem 3:2 im Endspiel gegen die Deutschen daheim in Crespo die Familie versammelte und berichtete, dies sei der schönste Tag, weil man gleich Weltmeister werde. Woher er das wisse, fragte der Sohn. "Es gibt Dinge, die haben keine Antwort, die fühlt man."
Seitdem wartet das Land darauf, dass sich dieser Moment wiederhole. Das Gefühl ist für viele der 40 Millionen Bewohner im achtgrößten Staat der Erde so überzeugend wie damals - trotz oder wegen Maradona, je nach Geschmack. Etliche Argentinier hatten Zweifel an der pädagogischen Eignung des eigenwilligen Genius, dessen Alleingänge auf und neben dem Platz die Republik seit Jahrzehnten unterhalten. Während der mühsamen WM-Qualifikation gedieh die Ansicht, dass das mit dem Heißsporn und Strategienovizen nichts werden könne.
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