Reisen zu Wintersportveranstaltungen lassen sich nur verkaufen, wenn deutsche Sportler vorne dabei sind. Während Skispringen kaum noch Touristen lockt, boomt Biathlon.
Martin Haßlberger hat eine nüchterne Einstellung zum Biathlon-Weltcup, der jedes Jahr wieder im Januar in seiner Heimatgemeinde Ruhpolding ausgetragen wird: "Touristisch gesehen können wir davon eher nicht profitieren", sagt der Tourismusdirektor des bayerischen Ortes. Sicher, die vielen Millionen Fernsehzuschauer und der Werbeeffekt dadurch seien unbezahlbar. Aber: Die Übernachtungszahlen gehen seit Jahren zurück.
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Biathlon ist, was Fans und Besucherzahlen betrifft, die bei Weitem gefragteste Wintersportart - Reiseveranstalter bieten spezielle Pakete an. (© Foto: ddp)
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Waren es 1990 noch 980.000 Übernachtungen, so kam man in der vergangenen Saison nur noch auf 690.000. Die Gäste bleiben, einem allgemeinen Trend folgend, immer kürzer. Und durch das Sportgroßereignis könne man nicht unbedingt zusätzliche Gäste gewinnen, sagt Haßlberger, im Gegenteil. Früher seien viele Urlauber im Februar gekommen, "das war die Hauptsaison". Nun konzentriere sich alles auf den Januar, rund um die fünftägige Biathlonveranstaltung.
Da sind dann alle 5400 Gästebetten des Ortes und auch in der umliegenden Region belegt und zwar zum Großteil mit Sportlern, Funktionären und Journalisten. Deswegen könne man in dieser Zeit auch kaum Pakete mit Übernachtung und Eintrittskarte schnüren und sie den Fans anbieten.
Von den Fans profitiere deshalb vor allem das Umland wie Achental oder Reit im Winkel. Und kaum einer der Biathlon-Anhänger würde noch ein zweites Mal im Jahr in Ruhpolding Ferien machen. "Deshalb ist es wichtig, den Leuten klarzumachen, dass man bei uns auch einen ganz normalen Urlaub verbringen kann", sagt Haßlberger. Dies auch im Hinblick auf die WM, die 2012 in Ruhpolding stattfinden wird.
650 Euro für vier Übernachtungen plus Ticket
Reisen zu Wintersportveranstaltungen unterliegen ohnehin starken Nachfrage-Schwankungen. "Vor zwei Jahren hatten wir noch sechs Katalogseiten mit Reisen zur Vierschanzen-Tournee", sagt Tom Rostek, der die Sportreisen von Dertour Live organisiert. "Das hat sich fast völlig aufgelöst." Seit kein Deutscher mehr vorne dabei ist, sei auch das Interesse am Skispringen stark zurückgegangen. Zum Glück habe es eine "Wachablöse" durch den Biathlon gegeben, der zurzeit boomt wie kaum ein anderer Wintersport.
Allein nach Oberhof in Thüringen bringt Dertour rund 1000 Kunden, nach Antholz und Ruhpolding noch einmal rund 500. Weil Hotelzimmer in Oberhof knapp sind, weicht man auf Erfurt und Gotha aus und bietet einen Transfer zur "Rennsteig-Arena" an. Die fünftägigen Reisen sind nicht gerade billig, weil die Hotels während des Weltcups Aufschläge verlangen. So muss man für vier Übernachtungen plus Eintrittskarte in Oberhof rund 650 Euro berappen.
Dennoch sei das Angebot immer schnell ausverkauft, sagt Rostek. So hat auch der Sportreisen-Veranstalter Voss und Votava, der sonst eher Fußballreisen verkauft, Biathlon mit in sein Programm aufgenommen. "Weil die Nachfrage da ist", so Geschäftsführer Helmut Voss. Das Schießen und Laufen in der Arena auf Schalke Ende Dezember verkaufe sich immer sehr gut. Allerdings sei es hier wie auch bei anderen populären Wintersportveranstaltungen wie Eisschnelllaufen relativ schwierig, an Karten zu kommen, so Voss.
Reisen zu alpinen Skiweltcups hingegen bietet kaum noch jemand an. Diese hätten sich nicht verkaufen lassen, sagt Dertour-Mann Rostek. Woran das liege, lasse sich nur vermuten: "Vielleicht, weil man im Ziel steht und das Rennen nur auf Bildschirmen sieht, vielleicht, weil nach dem Start der Favoriten die Spannung verflacht." Auch der DSV bietet seinen Mitgliedern in diesem Jahr keine Reisen mehr zum Abfahrtslauf in Garmisch oder zum Skispringen an, weil sich in den vergangenen Jahren immer nur sehr wenige Interessenten gemeldet haben. Die DSV-Biathlon-Reise Oberhof hingegen ist bereits ausgebucht.
Betten sind mit Sportleuten und Journalisten besetzt
Dort zeigt man sich vom Werbeeffekt, den die vielen Millionen Fernsehzuschauer bringen, sehr angetan. Von "permanentem Wachstum" spricht Michael Schönrock von der Oberhofer Tourismus-GmbH, auch wenn in den vergangenen, schneearmen Wintern ein leichter Rückgang zu verzeichnen war. Rund 500.000 Übernachtungen bei 3500 Gästebetten hat der Ort. "Wir leben mit und vom Sport", so Schönrock, neben Biathlon gibt es eine Rodelbahn und einen weltcuptauglichen Bob-Eiskanal.
Pauschal-Pakete könnten sie während der Wettkämpfe allerdings auch kaum anbieten, weil die meisten Betten mit Sportleuten und Journalisten besetzt sind. Aber auch abseits der Großveranstaltungen hat sich Oberhof einiges für die Touristen einfallen lassen. So können Urlauber den ortseigenen Eiskanal in Schlauchboten oder im Vierer-Bob hinunterjagen.
Es gibt eine historische Bobbahn von 1908, die ab Weihnachten erstmals für das rodelnde Publikum geöffnet wird. Die Biathlon-Begeisterten können abends im beleuchteten Weltcupstadion langlaufen, oder, als besonderes Highlight, mit echten Biathlongewehren in der Trainingshalle ihre Treffsicherheit unter Beweis stellen.
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(SZ vom 18.12.2008/mikö)
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