Von Claudio Catuogno

Die Tennisszene debattiert wieder: Dürfen Männer in Wimbledon mehr verdienen als Frauen?

Venus Williams hat einen Hang zur grundsätzlichen Betrachtung der Dinge, deshalb hat sie sich jetzt wieder empört zu Wort melden müssen.

Venus Williams macht Luftsprünge vor Freude über ihren Finaleinzug in Wimbledon - nach ihrem Sieg freute sie sich über mehr als 870.000 Euro. (© Foto: AFP)

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Dass die weiblichen Tennisprofis beim Rasenturnier von Wimbledon, das am Montag beginnt, immer noch weniger Preisgeld verdienen als ihre männlichen Kollegen, teilte Williams also mit, das sei nicht nur eine Beleidigung "für das Frauentennis, sondern für die Frauen auf der ganzen Welt".

Für ihren Titelgewinn im Vorjahr strich die Amerikanerin 600.000 Britische Pfund ein (etwa 870.000 Euro), was man ebenfalls als Beleidigung hart arbeitender Frauen auf der ganzen Welt auslegen könnte.

Aber es waren eben auch 30.000 Pfund weniger, als der Schweizer Roger Federer für seinen Triumph bekam. Dass im weißen Sport gut verdient wird, ist kein Geheimnis, nur wird eben immer noch nicht überall gleich gut verdient.

Deshalb hat Wimbledon pünktlich zum Turnierstart wieder seine Preisgelddebatte.

"Image von Wimbledon besudelt"

Die Ungleichbehandlung spiegele nicht "das britische Gesellschaftsbild von Chancengleichheit wider", schrieb die britische Sportministerin Tessa Jowell in einem geharnischten Brief an den Chairman des All England Lawn Tennis & Croquet Club, Tim Phillips. Die Ministerin sieht deshalb sogar "das Image von Wimbledon besudelt".

Der Kernvorwurf der Kritiker ist immer der gleiche: Mit dem geringeren Preisgeld sei auch eine geringere Wertschätzung verbunden, zudem folge es der Logik des Patriarchats.

Und das "völlig ungeachtet der Tatsache, dass doch erst die Damen den Glamour auf den Rasen von Wimbledon bringen", wie nun die Times festgestellt hat.

Doch nach Auffassung der Turnierleitung geht dieser Vorwurf am Kern der Debatte vorbei. Gleiches Geld für gleiche Arbeit, das sei wirklich ein prima Grundsatz, sagt Chairman Phillips, daraus folge aber auch: ungleiches Geld für ungleiche Arbeit.

Die Männer spielen bei Grand-Slam-Turnieren über drei Gewinnsätze, die Frauen über zwei. Phillips macht deshalb eine andere Rechnung auf: Die Frauen hätten vergangenes Jahr durchschnittlich 1432 Pfund pro Spiel (nicht pro Match!) verdient, die Männer 993 Pfund.

Und zudem machten die deutlich ausgeruhteren Frauen stets noch im Doppel- und im Mixed-Wettbewerb Kasse, während sich die Männer ihre Kraft für mögliche Fünf-Satz-Spiele aufsparten.

"Wir könnten dem öffentlichen Druck nachgeben", sagte Phillips dem Independent, "aber wir sind der tiefen Überzeugung, dass das den Männern gegenüber nicht fair wäre."

Das Thema beschäftigt die Briten seit Jahren, aber in diesem Jahr hat die Debatte an Schärfe gewonnen.

Wimbledon ist das letzte Grand-Slam-Turnier, das auf dem Unterschied besteht. Andernorts ist man schon zu der Einsicht gekommen, dass es bei derlei Summen ohnehin nur um Symbolik gehen kann, nicht um den Versuch einer adäquaten Bezahlung.

Australian Open und US Open haben die Dotierungen längst angeglichen. Die French Open haben nun erstmals beiden Titelträgern die gleiche Summe bezahlt.

Das Thema ist auch auf der Tour umstritten: Während Venus Williams sich stets besonders eifrig von den Gleichheits-Befürwortern einspannen lässt, hat sich Justine Henin-Hardenne der anderen Fraktion angeschlossen.

Sie sagt: "Wir verdienen so viel Geld für unsere Arbeit, wir können nicht immer mehr und mehr fordern." Henin war 2005 als aktuelle French-Open-Siegerin in Wimbledon in der ersten Runde gescheitert.

Dafür bekommt man immer noch rund 11.000 Euro (Männer: 13.000). Diese Zahl dürfte auch die 16 größtenteils wenig chancenreichen Deutschen interessieren, die in diesem Jahr in Wimbledon mitspielen dürfen.

Tim Phillips hatte unterdessen schon eine andere Idee. Er ließ unter dem Eindruck der Preisgelddebatte prüfen, ob man in Wimbledon vielleicht auch die Frauen über fünf Sätze antreten lassen könnte.

So wie schon in den Anfangsjahren des Turniers, bevor ein rein männlich besetztes Führungsgremium beschloss, das sei den damals noch in Korsetts spielenden Damen nicht zuzumuten.

"Körperlich würden die Frauen das heute schaffen", glaubt Tim Phillips. Trotzdem hat man die Idee recht schnell wieder verworfen.

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(SZ vom 24.6.2006)