Ein Kommentar von René Hofmann

Damit hätte wohl kaum ein Tenniskenner gerechnet: Rainer Schüttler steht in Wimbledon in der Runde der letzten acht. Vielleicht bringt ihm das sogar noch ein verspätetes Ticket für die Olympischen Spiele.

Rainer Schüttler hat eine gute Chance, das Wimbledon-Halbfinale zu erreichen. Wer mit dieser Gewissheit vor einer Woche zum Buchmacher gelaufen wäre, hätte sich einiges anhören müssen. So etwas wie: "Hören Sie mal, auf jede Absurdität kann man bei uns auch nicht wetten!"

Bild vergrößern

Rainer Schüttler kam glücklos und müde in Wimbledon an, jetzt steht er im Halbfinale. (© Foto: dpa)

Anzeige

Müde, glücklos, abgestürzt auf Weltranglistenplatz 94 - so kam Schüttler in London an. Runde für Runde hat er seitdem mehr Selbstvertrauen gesammelt. Inzwischen führt er davon mindestens so viel mit sich wie Arnaud Clément, der es auf ähnlich verschlungenen Wegen unter die besten Acht geschafft hat. Beide waren weit weg. Jetzt sind sie plötzlich wieder da. Die Geschichte ist nicht nur gut, sie ist auch ein Beispiel, wie schnell es im Tennis gehen kann, und wie viele Elemente für den Erfolg zusammenkommen müssen.

Losglück allein macht keinen zum Champion

Gerade einmal fünf Wochen ist es her, dass die deutschen Profis bei den French Open die denkbar schlechteste Bilanz hinlegten: Keiner erreichte Runde zwei. In Wimbledon überstanden nun gleich fünf die ersten beiden Runden. Wie Alexander Popp vor fünf und Florian Mayer vor vier Jahren machte dieses Mal Rainer Schüttler das Beste aus einer freundlichen Auslosung. Wie Popp und Mayer stellte sich ihm auf dem Weg ins Viertelfinale lediglich ein - auf Rasen wenig bewanderter - Top-Ten-Spieler in den Weg.

Wie eine undankbare Auslosung aussieht, musste dagegen Nicolas Kiefer in den vergangenen drei Jahren in Wimbledon erfahren. Er traf dort - jeweils im Achtelfinale - auf Roger Federer, Novak Djokovic und Rafael Nadal. Mit Losglück alleine ist noch keiner Champion geworden, aber in den großen Feldern eröffnet es Außenseitern doch immer wieder Schlupflöcher.

Die Erkenntnis ist wichtig, wenn jetzt darüber diskutiert wird, ob Rainer Schüttler im Sommer bei den Olympischen Spielen in Peking antreten soll oder nicht. Das Nominierungskriterium des Deutschen Olympischen Sportbundes ("ein Grand-Slam-Viertelfinale") hat er nun erfüllt - allerdings nach dem ursprünglich festgelegten Stichtag. Wie Florian Mayer vor vier Jahren muss er darauf hoffen, dass die Olympier ihm eine Ausnahme einräumen. Einerseits wollen die eine möglichst schlanke Mannschaft nach China schicken, andererseits dort aber möglichst viele Medaillen erringen. Beim Tennis - das zeigt dieses Wimbledon-Turnier - ist kaum einer je wirklich chancenlos.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 02.07.2008/pes)