Anfällige Spieler, merkwürdige Umfelder, Schwarzzahlungen an abgehalfterte Profis: Der neue Fußball-Wettskandal trifft eine Branche mit weitverbreiteter Spielsucht.
Viele zocken, es bleibt ja wenig übrig. So ein Kickerleben besteht, ungefähr ab der vierten Liga aufwärts, vor allem daraus, zu reisen, rasten, ruhen; aus viel Langeweile zwischen Trainingsfron und Spielen. Dann wird gegen die Monotonie angespielt, gekartelt, gezockt in Trainingslagern, Bussen und Hotelzimmern. Große, manchmal sehr große Summen wechseln den Besitzer. Selbst Nationalspieler soll die Spielsucht in existentielle Nöte getrieben haben.
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Spielsucht gibt es unter Fußballern des Öfteren. (© Foto: ddp)
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Viel Geld beim Wettspiel soll auch jener Zweitliga-Kicker verloren haben, der vorige Saison vom VfL Osnabrück 20.000 Euro Gehaltsvorschuss erhalten haben soll, um Schuldeneintreiber ruhigzustellen; samt dem Auftrag, seine Spielsucht therapeutisch behandeln zu lassen. Ob dieser alarmierende Vorfall dem Verband weitergemeldet wurde, ob dieser Kicker zu den Falschspielern in der neuen Wettaffäre zählt - solche Fragen öffnen den Blick auf die Risikogruppe Fußball. Wo flotte Orts- und Klubwechsel an der Tagesordnung sind, findet sich Anschluss an neue Kollegen am besten in der Zockerrunde.
Von der systematischen Seite haben die Verantwortlichen das bisher nicht so betrachtet. Zwar hat Theo Zwanziger, Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), recht, wenn er auf die Unmöglichkeit verweist, dass ein Sportverband kriminellen Wettern und Geldwäschern das Handwerk legen könne. Andererseits ist die merkantile Nähe des Industriebetriebs Fußball zum Wettgeschäft offenkundig; auch die selbstgewählte.
Die Staatsanwaltschaft in Bochum unterließ es jedenfalls, die Sportverbände (in Deutschland und den anderen acht Ländern) in ihre bald ein Jahr währende Detektivarbeit einzuweihen. Das sorgt für Verstimmung bei den Funktionären.
Rund 200 Partien stehen international unter Manipulationsverdacht, allein in Deutschland erscheinen den Ermittlern 32 Spiele von der zweiten Bundesliga abwärts als nicht koscher, betroffen sein soll auch ein DFB-Referee. Dabei ist die Rede nur vom Jahr 2009. Laut Ermittlern und Uefa sei das die "Spitze des Eisbergs".
Trotzdem greift Liga-Chef Reinhard Rauball die Informationspolitik der Behörden an. Er fühlt sich umgangen, hätte lieber gesehen, "wenn verantwortliche Leute, die nicht im Verdacht stehen, Informationen an die Öffentlichkeit zu tragen, eingeweiht worden wären". Anfang der Woche will er um Akteneinsicht bitten, sagte der Boss der Deutschen Fußball-Liga im ZDF-Sportstudio.
Tags zuvor hatte Rauball von "nur vier Zweitliga-Spielen" gesprochen, wobei jedes verdächtige Spiel natürlich eines zu viel sei. Noch mehr Gelassenheit versuchte am Wochenende Zwanziger zu verbreiten. Der DFB-Chef wollte bei Spiegel online "die ganze Aufregung" nicht verstehen, "wenn von 1,4 Millionen Spielen im Jahr 32 untersucht werden". Eine listige Rechnung. Sie bezieht offenkundig jedes Nachwuchsspiel mit ein, jedenfalls aber den kompletten unteren Amateurbetrieb, die Basis des Fußballs. Auf diese Spiele kann gar nicht gewettet werden.
Konturen im Schreckensszenario
Das Bochumer Schreckensszenario gewinnt Kontur, noch aber tröpfeln die Informationen nur, wenig ist gewiss. Sicher ist, die Uefa geht ein enormes Risiko ein, sollte sich die Verdachtslage am Ende als nicht ausreichend belastbar erweisen. Denn sie hat nicht nur Ligen in halb Europa, sondern auch ihre eigenen Hochglanz-Wettbewerbe angeknockt: Drei Spiele der Champions League und zwölf der aktuellen Europa League seien betroffen.
Schon bringt die Online-Ausgabe der Sunday Times die Uefa selbst ins Gerede. Nach Informationen des Londoner Blattes stehen "Uefa-Offizielle im Verdacht, Wettbetrügern zu helfen, indem sie diese mit Insiderhinweisen auf Schiedsrichteransetzungen versorgten".
Das klingt interessant, weil es nur in der Königsklasse Sinn ergeben würde. Referees für Champions-League-Spiele werden vorher nur über den Einsatz informiert - wo genau die Reise hingeht, erfahren sie erst am Tag zuvor. Maximal zehn Personen wüssten hier Bescheid, sagte ein Insider am Sonntag der SZ, vorwiegend aus der Schiedsrichterkommission, dazu wie stets Leute aus dem IT-Bereich. Die Schiedsrichter der Europa League hingegen würden schon Tage vorher auf der Uefa-Website bekanntgegeben.
Sperre in der Schweiz
Erste Details dringen aus den übrigen Ländern, wo es Festnahmen gab. Österreichs erste Zwischenbilanz beläuft sich auf drei Razzien in der Steiermark, eine in Niederösterreich und keine Namen. ÖFB-Chef Alfred Ludwig mutmaßt ebenso wie die Presse, dass es sich bei den elf angeblich manipulierten Spielen um Zweitliga-Partien handeln soll. Da sieht es nicht besser aus als in den Niederungen der Nachbarländer.
Zuletzt drei Konkurse bestimmen die Debatte, dazu Schwarzzahlungen an abgehalfterte Profis - und natürlich das Thema Wettspiel, am Beispiel des Traditionsklubs Admira Wacker Mödling, wo Präsident Richard Trenkwalder jüngst einige gut bezahlte Profis aus einem Wettbüro vertreiben und ihnen die Zahlung der "Deppensteuer" untersagen musste, wie es im Kurier heißt.
Der Vorgang mag mit dem aktuellen Wettskandal nichts zu tun haben, weckt aber Skepsis, was Umgang und Umfeld der Kicker angeht. Zumal sich hier auch die branchentypische Frage stellt, wie ein Admira-Spieler angeblich viereinhalb Millionen Euro Schulden anhäufen konnte. Solche Daten erfüllen jedenfalls das gängige Opferprofil für erpresserische Organisationen.
In der Schweiz, wo es am Donnerstag zwei Festnahmen gab, wurde am Sonntag der Stürmer Omar Faye vom FC Thun für das Cupspiel gegen Winterthur gesperrt. Faye habe dem Klub bestätigt, dass ihn die Polizei vernommen habe. Klubchef Markus Stähli meinte im Radio, der 22-Jährige habe offenbar "mit der ganzen Geschichte" irgendwas zu tun. Neben Testspielen werden 22 Partien aus der zweiten Liga untersucht. Thun und Gossau sind ins Zwielicht geraten, in zwei Partien, bei denen es jeweils um die Höhe der Niederlage gegangen sei, seien einmal 15.000 und einmal gar 20.000 Euro geflossen.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
(SZ vom 23.11.2009)
Harte Kritik des Bayern-Präsidenten
- die Zuschauer, die ein verschobenes Spiel sehen?
Stimmt, und die werden die entsprechenden Vereine auch bestrafen und nicht mehr hingehen. Es ist Aufgabe der Vereine, ihre Spieler auf Charakter zu überprüfen und rauszuschmeissen.
Aber ich würde das nicht dramatisieren, das ganze Rumgezocke braucht einen selbstreinigenden Effekt.
Banker die zocken laufen frei rum und zockern weiter (Derivate u. Co.)
Fußballwetten-Manipulierer werden eingesperrt. Haben die keine Aufsichtsratsposten zu vergeben ?
In der Finanzwirtschaft läufts doch kaum anders: Es wird mittels Derivaten auf Entwicklungen in der Realwirtschaft gewettet. Dadurch, dass die Aufsichtsräte und Vorstände unter den Firmen austauschbar sind, ergibt sich ein Insiderwissen, welches für gigantische Kursmanipulationen verwendet wird. Boni wegen gigantische Geldverschiebungen kommt noch dazu.
"Der einzig Betrogene ist der Wettanbieter"? Mit der Einschätzung kann man Betrug auch zum aus dem Strafgesetzbuch streichen und in's Zivilrecht überführen...
Wie wär's mit:
- die betroffenen Mannschaften, sofern nicht geschmiert?
- die anderen Wetter, die um ihre Chancen gebracht werden?
- die Zuschauer, die ein verschobenes Spiel sehen?
@zensurator
Habt hr eine große Brauerei als Sponsor? *LOL*
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