Die Bremer Miroslav Klose und Ivan Klasnic über kroatische Speisekarten, Unordnung im Bus und eine Saison im Schatten der WM 2006.
SZ: Herr Klose, im Ligapokalfinale gegen den VfB Stuttgart sind die Schalker Kevin Kuranyi und Lincoln ausgerastet und sahen die Rote Karte. Ist das schon Ausdruck der erhöhten Anspannung, die in der WM-Saison auf alle zukommt?
So soll es in dieser Saison sein: Ivan Klasnic jubelt. (© Foto: dpa)
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Klose: Ich hab' die Szenen nicht gesehen, weil wir selber ein Testspiel hatten. Aber als meine Mutter sagte, sie glaubt, dass die beiden gesperrt werden, wusste ich, es muss heftig gewesen sein.
SZ: Haben Sie Sorge, dass in dem ganzen Rummel vor der Weltmeisterschaft der Fußball zu kurz kommt?
Klose: Nein, das pusht uns eher. Die positive Stimmung beim Confed-Cup hat die Nationalmannschaft ja beflügelt.
SZ: Sie, Herr Klasnic, könnten als geborener Hamburger eigentlich für Deutschland antreten, spielen aber für Kroatien und hoffen ebenfalls auf die WM-Teilnahme. Fiel es Ihnen damals schwer, sich zu entscheiden?
Klasnic: Nein. Natürlich nennen sie mich in Kroatien Deutscher, und ich spreche besser Deutsch als Kroatisch. Aber meine Eltern sind als Gastarbeiter in dieses Land gekommen, in dem Sinne habe ich nichts Deutsches.
SZ: Sie haben den 3:0-Sieg von Kroatien gegen Deutschland bei der WM 1998 ohne gemischte Gefühle erlebt?
Klasnic: Ja, ich habe mit Freunden geguckt, das war sehr schön. Ein dritter Platz bei einer WM für so ein kleines Land ist schon beeindruckend. Das werden wir den Jungs nicht vergessen.
SZ: Jetzt spielen Sie bei Werder Bremen zusammen mit Miroslav Klose. Sie sind Kollegen mit einem gemeinsamen Ziel in der Bundesliga, aber eventuell auch Rivalen um einen Platz im Angriff. Befürchten Sie, ein deutscher Nationalspieler könnte in der Spielzeit vor einer WM intern bevorzugt werden nach dem Motto: Der muss spielen, weil es sonst der Nationalelf schadet?
Klasnic (lacht): Miro ist doch auch kein Deutscher, der ist normalerweise Pole von seinen Wurzeln her. Aber ich glaube das nicht. Wie es aussieht, werden wir am Samstag gegen Arminia Bielefeld erst mal gemeinsam auflaufen.
SZ: Könnte es sein, dass man egoistischer wird vor dem Tor und lieber selber schießt, anstatt den Ball dem Mitspieler aufzulegen?
Klose: Bei mir ist das jedenfalls nicht so. Es geht um den Teamgeist. Wenn ich zwei Tore vorbereite, ist das für mich genauso schön als wenn ich sie selbst geschossen habe.
SZ: Ansonsten schlagen Sie ungewohnt forsche Töne an. Sie haben mitgeteilt, Werder könne den FC Bayern München klar schlagen.
Klose: Das können wir auch, wenn wir auf den Tag X topfit sind.
SZ: Und Sie haben sich vorgenommen, 20 Tore in der Bundesliga zu schießen.
Klose: Wenn man im ersten Jahr 15 erreicht, wird man im zweiten Jahr nicht zehn als Ziel angeben.
Klasnic: Ich nehme mir lieber nichts vor. Im vergangenen Jahr habe ich eine Wette verloren, da war ich schlechter als im vorletzten. Trotzdem glaube ich: Auch wenn Valérien Ismaël weg ist, haben wir wieder einen sehr guten Kader. Wenn sich keiner verletzt, können wir die Bayern wieder angreifen.
SZ: Seit dem Double 2004 ist fast die Hälfte des Meisterteams weg: Krstajic, Ismaël, Ernst, Stalteri, Magnin, Lisztes, Ailton. Und Sie haben kein Problem damit?
Klasnic: Fußball ist Kommen und Gehen. Es geht ums Geld, und viele suchen eine neue Situation. Das muss man so akzeptieren. Ich selbst habe noch zwei Jahre Vertrag, dann will ich auch wieder einen Schritt weiter machen.
SZ: Es gab vor dieser Saison viele WM-motivierte Wechsel. Ismaël glaubt, als Bayern-Profi eher in die französische Nationalelf berufen zu werden, Frings erhofft sich in Bremen einen besseren Stellenwert als bei Bayern, Kuranyi ging nach Schalke. Können Sie das nachvollziehen? Nur ein Jahr Zeit beim neuen Klub ist ja auch ein Risiko.
Klose: Ich sehe das eher positiv. Kuranyi spielt mit Schalke jetzt Champions-League. Das ist für uns Nationalspieler gut. Über Frings sind wir natürlich froh. Das ist ein Superspieler, aber auch in Bremen kommt nichts von alleine. Und wenn Ismaël bei Werder eine gute Saison gespielt hätte, käme er genauso für seine Nationalelf in Frage, als wenn er für die Bayern gut spielt. So schlecht ist die Adresse Werder ja auch nicht.
SZ: Dabei haben Sie die neue Werder-Generation zuletzt hart kritisiert.
Klose: Es ging mir darum, dass Respekt da sein muss vor Spielern wie Micoud oder Frings, weil die schon was erreicht haben. Natürlich will man mit 18 Jahren vorne angreifen und sich beweisen, aber man muss beim Training auch den Ballsack mit auf den Platz tragen. Ich habe früher drei Ballsäcke geschleppt.
SZ: Und heute?
Klose: Wenn einer übrig ist, nehme ich immer noch einen. Kein Problem für mich.
SZ: Und jetzt sorgen Sie für Ordnung? Klose: Das ist gar nicht so einfach. Wir sind neulich eine Stunde im Bus gefahren und hinterher sah es aus, als wenn wir vier Tage unterwegs gewesen wären. Das kann nicht sein. Der Trainer hat die entsprechenden Worte gefunden.
SZ: Ist der Hype um Klinsmanns "Junge Wilde" übertrieben? Werden die jungen Spieler zu früh hochgejubelt?
Klose: Vor zwei Jahren hatten wir die Diskussion, dass wir keine Nachwuchsspieler haben und keiner die Chance bekommt. Ich denke, die jungen Spieler sind froh, dass der Jürgen Bundestrainer geworden ist und ihnen die Chance gegeben hat. Viele haben sie genutzt. Was Schweini und Poldi daraus gemacht haben, ist beeindruckend.
SZ: Haben Spaßfußballer wie Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski in Deutschland für einen Mentalitätswechsel gesorgt?
Klose: Ja, und beim Confed-Cup haben sie gezeigt, dass sie auch unter Druck gut spielen können.
SZ: Ist die Mentalität der Bundesliga überhaupt noch deutsch?
Klose: Ich bin froh, dass hier viele verschiedene Spieler sind. Wenn man Marcelinho sieht oder Dimitar Berbatov oder wie sie alle heißen, die haben manchmal Sachen drauf, die man von deutschen Spielern so nicht sieht.
SZ: Wie sehr profitieren die deutschen Profis davon?
Klose: Sehr. Man muss nur den Brasilianern zuschauen, wie viel Spaß die 90 Minuten am Fußball haben. Wenn man Spaß hat, kann man auch besser kombinieren, dann kann man mehr erreichen. Man muss nur wissen, wo die Grenze ist.
SZ: Auf Ihrer Homepage, Herr Klasnic, haben wir ein liebevoll geschnittenes Video entdeckt: Ihr Meistertor 2004 gegen den am Boden krabbelnden Oliver Kahn aus verschiedenen Perspektiven. Was wäre in Kroatien los, wenn Sie bei der WM ein solches Tor gegen Kahn schießen würden?
Klose: Er würde nicht lebend aus dem Stadion kommen!
Klasnic: Es wäre auf jeden Fall ein schönes Erlebnis, denn wir haben ja ein besonderes Verhältnis zu Deutschland. Die meisten Nationalspieler kommen aus der Bundesliga. Wir könnten die Sitzungen fast in Deutsch abhalten. Jeder Kellner in Kroatien spricht Deutsch, die Speisekarten sind deutsch. Es gibt großen Respekt für die Deutschen. Genscher war ja der erste Politiker, der Kroatien anerkannt hat. Und hier leben viele Kroaten, die bei der WM bestimmt dabei sind.
SZ: Gibt es besondere Maßnahmen, mit denen Sie sich auf das Jahr der Weltmeisterschaft vorbereiten?
Klasnic: Wir sind mit Kroatien derzeit Erster in der Qualifikation, aber noch nicht da. Die Deutschen können sich schon jetzt ganz anders auf die Weltmeisterschaft konzentrieren.
Klose: Durch die Amerikaner im Trainerstab haben wir bei der Nationalmannschaft neue Übungen kennen gelernt. Jeder hat ein Buch bekommen mit Übungen, die auf ihn persönlich zugeschnitten sind. Die werde ich versuchen, im Training umzusetzen.
SZ: Das ist also kein Hokuspokus, wie einige Bundesligatrainer bereits geargwöhnt haben?
Klose: Nein, es wäre absolut negativ, wenn die Trainer das nicht anerkennen würden. Ich habe es am eigenen Leib erfahren, dass es einem gut tut. Der Körper wird stabiler, beweglicher, kann sich schneller drehen. Es bringt einen in kürzester Zeit weiter.
SZ: Geben Sie Ivan Klasnic die Tipps weiter?
Klose: Mein Buch liegt in der Kabine. Er kann ruhig drin lesen.
SZ: Herr Klasnic, vor einem Jahr haben Sie gesagt, es müsse sich noch viel tun im deutschen Fußball bis zur Weltmeisterschaft. Und jetzt?
Klasnic: Es hat sich viel geändert. Die Deutschen sind auf dem richtigen Weg. Aber wenn sie sich während ihrer kleinen Krise hätten qualifizieren müssen, hätten sie es ganz schwer gehabt.
SZ: Hat die WM-Euphorie die Bundesliga attraktiver gemacht?
Klasnic: Wenn Leute wie Tomasson, van der Vaart oder vielleicht Baroš den Schritt wagen, werden andere folgen. Die Bundesliga wird dann attraktiver und auch international wieder Erfolge haben. Aber ein Luís Figo würde, glaube ich, nie nach Deutschland kommen. Weil er den deutschen Fußball nicht mag. Oder das Wetter.
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(SZ vom 6.8.2005)