Von Ralf Wiegand

Der einstige Vorzeige-Spieler Diego entwickelt sich vor der Partie gegen Inter Mailand zum Symbol der ruinösen Bremer Mannschaft.

Im Prinzip sollte es die Freunde von Werder Bremen glücklich machen. Diego, ihr kleiner Superstar im Mittelfeld, scheint nun ja endgültig ein Junge ihrer Stadt geworden zu sein. Wie viele Bremer in seinem Alter - Diego ist gerade mal 23 - hat er angeblich eine Freundin aus der Umgebung. Sie heißt Sarah und kommt aus Delmenhorst. Diego holt Sarah manchmal mit seinem schicken Auto, einem Aston Martin, ab und fährt sie zum Essen in die große Stadt. Im Prinzip sollte Diego also ein glücklicher Mann und Werder Bremen ein zufriedener Verein sein. Beides aber trifft nicht zu. Unglücklicher als im Spätherbst 2008 und unmittelbar vor dem Champions-League-Spiel gegen Inter Mailand (Dienstag, 20.45 Uhr) könnten der Verein und sein Star nicht sein. Und das liegt am wenigsten daran, dass Diego gegen Italiens Tabellenführer beim Gruppen-Kehraus gar nicht mitspielen darf.

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Bremen muss vier Ligaspiele ohne den "gefallenen" Superstar Diego auskommen. (© Foto: ddp)

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Der Brasilianer sitzt an diesem Dienstag eine Sperre ab, die er sich wegen einer gelben Karte zu viel in den bisherigen fünf Spielen der Champions League zugezogen hat. Auf Zypern, beim den Champions-League-K.o. besiegelnden 2:2 gegen Famagusta, war es immerhin ein Foul, wenngleich eine überflüssiges, für das er verwarnt wurde. In Karlsruhe wurde der sonst so feinfüßige Diego aber zuletzt im Stile eines Wirtshausschlägers während einer Spielunterbrechung tätlich, als er dem KSC-Verteidiger Eichner an die Gurgel ging. Weil kurz zuvor auch noch Claudio Pizarro Rot für eine Watschn gesehen hatte - und dafür drei Spiele gesperrt wurde -, firmiert Werder Bremen nun mal wieder als SV Widerlich und Diego gar als Würger von der Weser. Der DFB ermittelt, die Schätzungen bei der Strafzumessung reichen bis zu einer Sperre von sechs, vielleicht acht Spielen.

Sollten noch Bilder zur Bremer Krise gefehlt haben - voilà, da wären sie. Nahtlos anhängen ließen sich noch die Paparazzi-Aufnahmen von Diegos und Sarahs gemeinsamen Pizzeria-Besuchen. Denn Sarah heißt mit Nachnamen Connor, und alle Beteuerungen der Pop-Sängerin und des Fußballers, sie seien nur gute Freunde, haben nichts an den seit Monaten köchelnden Gerüchten geändert, wonach sie mehr sein sollen als das. Ihr Dementi verkürzt die Delmenhorster Diva inzwischen schon mal auf eine eindeutige Geste mit dem Mittelfinger.

Ein Profi wie vom Reißbrett

Es mag alles nur ein unglücklicher Zufall sein, es könnte aber auch alles mit allem zusammenhängen. Diego ist auf jeden Fall in diesen düsteren Monaten das Gesicht zum Zerfall einer Mannschaft, die noch vor ein paar Monaten den schönsten Fußball des ganzen Landes spielte. Zweifellos ist die Nummer Zehn der Bremer nach wie vor deren bester Kicker, aber er ist auch der Spieler mit den höchsten Ansprüchen an sich. Diego lässt in keinem Interview unerwähnt, irgendwann die Champions League gewinnen zu wollen, er möchte sich in der brasilianischen Nationalmannschaft als Stammkraft etablieren, und sein Vater, gleichzeitig des Sohnemanns Manager, werkelt immer mal wieder öffentlich an einem Transfer zu einem der großen europäischen Klubs. Keines dieser Ziele lässt sich aber mit einem SV Werder in der Verfassung dieser Saison erreichen - entsprechend groß dürfte das Frustrations-Potential bei Diego inzwischen sein. Der Amoklauf von Karlsruhe war Diegos persönlicher Ausdruck für die insgesamt vertrackte Lage eines Teams, das im Mittelmaß ziellos umher taumelt.

In seinen ersten beiden Jahren wirkte Diego noch wie ein brasilianischer Künstler in preußischer Hülle. Stets pünktlich, immer loyal und in seinen Statements von schier klinischer Belanglosigkeit gab er den Profi vom Reißbrett, der sich Extrovertiertheiten nur auf dem Platz erlaubte. Diese Saison der verpassten Ziele aber ist auch an Diego nicht spurlos vorüber gegangen. Für Verspätungen beim Training hat er bereits vereinsintern Strafe zahlen müssen, und sein bisher makelloses Privatleben hat sich durch die öffentlichen Ausflüge mit Popstar Connor mitten auf den Boulevard verirrt. Auf dem Platz ist Diego, wie die ganze Mannschaft, eklatanten Formschwankungen von Woche zu Woche unterworfen.

Gegen Inter können die Bremer schon mal üben, wie es ohne die Nummer Zehn so geht. Es wird bis auf weiteres das letzte Spiel in der Champions League sein, die zum sechsten Mal in Serie zu erreichen derzeit aussichtslos erscheint. In den vergangenen Jahren nährte Werder mit winterlichen Siegen gegen Chelsea (2006, 1:0) oder Real Madrid (2007, 3:2) zwar stets die Hoffnung, auch in der Europaliga irgendwann eine nennenswerte Rolle spielen zu können. In diesem Jahr könnte nicht einmal mehr ein Erfolg gegen Mourinhos Internazionale die Wunden heilen, die das bisherige Abschneiden in der vermeintlich leichtesten Gruppe geschlagen hat. Nur unter gewissen Umständen winkt als Trostpreis ein Startplatz im Uefa-Cup.

So ähneln die in der Vergangenheit am Spielvermögen eines FC Barcelona gemessenen Bremer jetzt eher Eintracht Frankfurt. Auch die reihen Kantersiege und Klatschen wie auf einer Perlenkette aneinander. Inzwischen, mahnte Torsten Frings, gehe es bei den Bremern sogar nicht mehr nur um sportlichen Erfolg: Der Auftritt von Karlsruhe sei "imageschädigend" gewesen. Ein Endspiel um den guten Ruf - das hatten die Bremer auch noch nicht.

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(SZ vom 09.12.2008/agfa)