Warner contra Blatter "Brutale Kampagne"

Jack Warner war jahrelang Vizepräsident der Fifa unter Joseph Blatter. Nach Korruptionsvorwürfen wurde Warner mittlerweile suspendiert, jetzt erhebt er schwere Anschuldigungen gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten - und kündigt einen "Tsunami" an Enthüllungen gegen Blatter an.

Von Thomas Kistner

Jack Warner erhebt Korruptionsvorwürfe gegen den Präsidenten des Fußball-Weltverbandes Fifa, Joseph Blatter. In einer am Donnerstag versandten persönlichen Erklärung behauptet der langjährige Chef des Kontinentalverbandes von Nord- und Mittelamerika (Concacaf), er habe die WM-Fernsehrechte für die Karibikregion von der Fifa wiederholt persönlich zu Billigpreisen für den Weiterverkauf erhalten, weil er Fifa-Chef Blatter bei dessen "brutalen" Wahlkämpfen entscheidend unterstützt habe.

Warner behauptet auch, er habe in der affären-reichen Personalschlacht um den Fifa-Thron 2011, die mit dem Rauswurf von Blatters Herausforderer Mohamed Bin Hammam (Katar) und der Wiederwahl des Amtsinhabers endete, von der Fifa die regionalen TV-Rechte für die WM-Turniere 2018 und 2022 erneut offeriert bekommen: "Im Tausch für meine Unterstützung im Präsidentschaftswahlkampf". Die Fifa erklärte am Donnerstag: "Wir nehmen die Information zur Kenntnis und werden diese nun prüfen."

Warners Vorwürfe sind erheblich. Sie beschreiben ein Günstlingssystem, das seit Jahren bereits als Gerücht in der Branche umgeht. Nun erklärt der Funktionär aus Trinidad & Tobago offen, er habe die TV-Rechte für persönliche Wahlkampfhilfen erhalten. So habe er 1998 die WM-Fernsehrechte für Trinidad/Tobago "für einen US-Dollar" erworben, direkt nach einer "überaus brutalen Kampagne gegen Lennart Johansson". Der Schwede stand 1998 gegen Blatter im Ring. Warner behauptet, er habe die Erlöse aus dem WM-Rechteverkauf für die regionale Fußballentwicklung eingesetzt.

2002 habe Blatter eine weitere "brutale Kampagne" gegen den damaligen Herausforderer Issa Hayatou, Chef des Afrika-Verbandes, geführt. "Wieder spielten Bin Hammam und ich eine extrem entscheidende Rolle für seine Wiederwahl und darin, Vorstandsmitglieder davon abzuhalten, Strafermittlungen gegen ihn in Gang zu setzen."

Im Wahljahr 2002 hatten mehrere Fifa-Vorständler Blatter wegen Untreueverdachts angezeigt. Die Ermittlungen in Zürich wurden später eingestellt. Auch die regionalen WM-Rechte 2010 und 2014, so Warner, seien "an mich persönlich" verkauft worden; diesmal habe jedoch der karibische Regionalverband CFU, dem Warner bis 2011 vorsaß, als "Vehikel" gedient.

Die Fifa, der Blatter kürzlich ein Reformprogramm gegen Korruption verordnet hat, bringt Warners Vorwürfe unter Druck. Ein Licht auf die interne Geschäftsethik wirft schon die Frage, warum ein Mitglied des Vorstands und des Finanzkomitees der Fifa überhaupt WM-Rechte vom Weltverband erwerben konnte. Warner brachte seit 1998 sein knapp 40 Voten zählendes Stimmpaket in die Wahlen für Blatter ein - und bekannte sich offen dazu. Im Mai wurde er wegen Korruptionsverdachtes von der Fifa suspendiert, wenig später trat er zurück.

Zum Verhängnis wurde Warner ein Treffen seiner karibischen Fußball-Union CFU Mitte Mai in Trinidad, bei dem Blatters damaliger Herausforderer Bin Hammam versucht haben soll, Funktionäre mit je 40 000 Dollar zu bestechen, um deren Stimmen zu erhalten. Die Fifa-Ethikkommission suspendierte Bin Hammam und dessen Fifa-Vorstandskollegen Warner, der das Treffen arrangiert hatte, in einem Schnellverfahren am 29. Mai. Danach kündigte Warner einen "Tsunami" an Enthüllungen gegen Blatter an.

Im Oktober wurde britischen Medien plötzlich ein Videomitschnitt des besagten CFU-Meetings zugespielt, vermutlich stammte es aus dem Fifa-Fundus. Es zeigt Warner, wie er die Delegierten über Geldgaben aufklärt. Das Video wurde an dem Tag publiziert, als die Fifa die beim konspirativen Karibik-Treff beteiligten Funktionäre einvernahm. Warner sieht sich von der Fifa "in eine Falle" gelockt. Die Sitzung sei von der damaligen CFU-Generalsekretärin heimlich gefilmt worden, sagt er, in Kooperation mit der Fifa.

Warners jüngster Enthüllungseifer entzündet sich daran, dass die Chefs der 30 CFU-Verbände vergangene Woche auf Blatters Betreiben einen außerordentlichen Kongress in Zürich abhielten. Dabei sei ein "Normalisierungs-Komitee" aus neun Personen berufen worden, dem der von der Fifa für sechs Monate gesperrte Verbandschef von Jamaika, Horace Burrell, angehöre. Die Fifa habe jedoch keinerlei Befugnisse gegenüber der CFU, so Warner, diese sei gar kein Mitglied im Weltverband.

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