Von Philipp Selldorf

Beim 2:0 gegen Wales darf Deutschlands neuer Regisseur Bastian Schweinsteiger seine Liebe zum Ball ausleben und ist der Mann des Abends.

Fachlich betrachtet, hätte ein großer Teil der Anerkennung Thomas Hitzlsperger gebührt. Aber die Stimmung unter den Betrachtern im Millenniumstadion war halt nicht danach, fachlich abzuwägen. Lieber wollte man von Bastian Schweinsteiger schwärmen, der mit Absatzkicks und Soli und Hakenläufen die auffälligste Erscheinung im deutschen Spiel gewesen war, der den Rhythmus im Vorwärtsgang bestimmt hatte und in der Mittelfeldzentrale wie ein Magnet auf die Mitspieler wirkte. Schweinsteiger trug die Sieben auf dem Rücken, aber er spielte wie ein Zehner der alten Schule, im Kerngebiet des Spielfeldes besaß er Macht wie ein Diktator, und obendrein fand er so viel Spaß daran, dass es ansteckend war. "Der Schweinsteiger", schwelgte DFB-Präsident Theo Zwanziger, "ist endlich mal wieder ein richtiger Fußballer. Es war ein Genuss, ihm zuzuschauen. So ein Spieler macht einfach Spaß." In allen Ecken der Arena wurde so geredet, Bastian Schweinsteiger war der Mann des Abends.

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Nur ein paar Besserwisser legten leise Einspruch ein: Schweinsteiger habe auch deswegen so geglänzt, weil sein Nebenmann Hitzlsperger ihn so sorgfältig abschirmte und unterstützte. Der Besserwisser, der darauf am meisten Wert legte, war Schweinsteiger, der über Hitzlspergers wichtige Rolle sprach, sobald er über den eigenen großen Auftritt reden sollte - was oft vorkam. Am Samstagvormittag hatte Bundestrainer Joachim Löw die beiden unterrichtet, dass sie die Doppelbesetzung in der Mitte übernehmen sollten, und Schweinsteiger wusste sofort, dass es keine Probleme geben würde: "Thomas ist ein intelligenter Spieler. Mir war klar, dass das funktioniert."

Ohnehin war ihm die Lobhudelei eher peinlich, denn Schweinsteiger ist zwar auf dem Platz eine Art darstellender Künstler und jenseits des Rasens offen für Extravaganzen, aber ein Selbstdarsteller ist er trotzdem nicht. Wesentliche Strategiefragen wurden an ihn gerichtet, als ob er das Großhirn des deutschen Fußballs wäre, woraufhin er irgendwann verzweifelt erwiderte: "Das sind alles Fragen für den Trainer, ich will nur gut Fußball spielen." Das war ihm in Cardiff unbestritten gelungen, wenngleich schon wieder ein Einwand unvermeidlich ist, den zum Glück ebenfalls Schweinsteiger selbst unablässig betonte: "Es war nicht Italien oder Tschechien auf dem Platz, es war nur Wales." Die Waliser erlaubten Schweinsteiger ein Spiel, in dem er seinen Erfindungsreichtum und seine Liebe zum Ball ausleben durfte. Sie hielten so viel Abstand zu ihm, wie er es selbst in einem Jubiläumskick mit den Bayern auf einem Dorfplatz selten erlebt. Manchmal dachte man, er mache gerade sein Abschiedsspiel und werde deswegen ständig von den Mitspielern mit Ballbesitz beschenkt und vom Gegner in Ruhe gelassen. "Es gibt Spiele, wo es enger und härter zugeht", stellte er fest und sinnierte, dass er wohl zuletzt im Jugendteam so viele Ballkontakte gehabt habe.

Schweinsteiger gefällt der Platz im Mittelpunkt

Unabhängig von Hitzlspergers stummen Diensten und den erleichternden Umständen wird aber nicht nur Löw froh darüber sein, dass Schweinsteiger seinen erklärten Ambitionen die richtigen Taten folgen ließ. Auch bei den Bayern, wo man Schweinsteiger die Unstetigkeit austreiben und für die wirklich schweren Aufgaben präparieren möchte, werden seine Chefs gern gesehen haben, dass er seinen Anspruch einlöste. Als der Bundestrainer den Münchner vor der Begegnung ausdrücklich öffentlich zum Chef des Mittelfeldes beförderte, hatte sich Schweinsteiger sofort zu der Aufgabe bekannt, indem er seine 44 Länderspiele als verpflichtende Qualifikation bezeichnete. In Cardiff räumte er aber auch ein, dass er sich zügig wieder auf den Außenposten verziehen werde, sobald die eigentlichen Mittelfeldherrscher Ballack und Frings ins Team zurückkehren - obwohl ihm der Platz im Mittelpunkt gut gefällt. "Kein Problem", meinte er, "ich weiß, dass dort" - in der Zentrale - "irgendwann mein Platz sein wird." Vielleicht sogar mit Thomas Hitzlsperger im Rücken.

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(SZ vom 10.9.2007)