Vorwarn-System bei Dopingkontrollen Armstrong genoss wertvolle Tipps von oben

Oft nah zusammen, womöglich zu nah: Hein Verbruggen, langjähriger Präsident der Rad-Weltverbands, und Lance Armstrong.

(Foto: FRANCK FIFE/AFP)

Der frühere Rad-Weltverbandschef Hein Verbruggen muss ungewöhnliche Praktiken einräumen. Über Jahre hatte seine UCI Lance Armstrong und andere Fahrer über ihre verdächtigen Werte vorab informiert - die Verantwortlichen rechtfertigen sich mit dem aberwitzigen Hinweis auf "Prävention durch Abschreckung und Repression".

Von Thomas Kistner

Hein Verbruggen gerät immer tiefer in Bedrängnis. Jetzt muss der umstrittene Ehrenpräsident des Radweltverbandes UCI und Chef der globalen Sport-Dachvereinigung SportAccord einräumen, dass die UCI unter ihm bis 2005 über Jahre hinweg Radprofis mit verdächtigen Werten gewarnt habe - statt sie, wie es eine effektive Betrugsbekämpfung erfordert, mit Zielkontrollen scharf zu überprüfen.

Unter den Fahrern, die in den Genuss der wertvollen Tipps ihres obersten Aufsichtsorganes kamen, war schon 2001 Lance Armstrong. Damals gab es bei der Tour de Suisse einen Dopingverdacht gegen den Texaner. Kronzeuge Floyd Landis beeidete, dass Armstrong seinerzeit in die UCI-Zentrale im Schweizer Aigle gereist sei und die Sache dort über eine finanzielle Regelung mit Verbruggen abgebügelt haben soll. Verbruggen und Armstrong bestreiten dies.

Verbruggen verteidigt seine Vorwarnpolitik für Betrugsverdächtige im Interview mit dem niederländischen Magazin Vrij Nederland dahingehend, dies hätten auch andere Verbände so gehalten. Auch einen Begriff für das nach Betrugsabsicherung riechende Prozedere hat der hohe Funktionär, der auch Ehrenmitglied im Internationalen Olympischen Komitee ist, parat: "Prävention durch Abschreckung und Repression" sei das Ziel gewesen.

Verbruggens brisante Aussage verdankt sich nach SZ-Informationen dem Druck, den die niederländischen Journalisten mit Protokollen einer Anhörung von 2005 ausüben konnten. In jenem Hearing hatte UCI-Chefmediziner Mario Zorzoli zum Dopingfall des früheren Armstrong-Kollegen Tyler Hamilton ausgesagt und erklärt, die UCI habe Dutzende Fahrer gewarnt.

Er habe Fahrer und Manager, die nach Aigle geladen worden seien, per Powerpoint-Präsentationen über die Antidoping-Politik der UCI aufgeklärt und "Informationen zu gefundenen verdächtigen Werte" gegeben. Auch der Dauervorwurf vieler Profis an die UCI, Spitzenteams würden eine Sonderbehandlung erfahren, sei bei dem Hearing bestätigt worden: So sei der damalige Phonak-Rennstall nach Aigle eingeladen worden, weil er eben ein Topteam gewesen sei.

Diese Belege, so die Rechercheure, hätten es Verbruggen bei dem fünfstündigen Gespräch schwer gemacht, seine Vorwarn-Politik für Spitzenfahrer abzustreiten.

Verbruggen attackieren nun erste Szenekenner. Blutdoping-Experte Michael Ashenden sagt, er kenne keine anderen Verbände, die verdächtige Athleten warnen. Der Australier, der für die UCI von 2008 bis 2012 das Blutpass-Programm entwickelte, rügt, dies hätte den Radprofis ermöglicht, ihren Dopingkonsum so anzupassen, dass sie nicht positiv getestet werden konnten.

"Völlig entsetzt über die Aussagen" reagierte Sylvia Schenk. Sie saß von 2000 bis 2005 im UCI-Vorstand, sei aber nie über diese Vorwarnpolitik informiert worden: "Ich hätte sonst für Zielkontrollen gegen die Verdächtigen plädiert", sagt die frühere Chefin des Bund Deutscher Radfahrer. Schenk selbst hatte Zielkontrollen 2004 im Fall verdächtiger deutscher Fahrer bei der Nationalen Anti-Dpoing-Agentur Nada veranlasst.

Sie verweist zudem darauf, dass die UCI von dem seit 2001 dopingverdächtigen Armstrong spätestens ab 2002 Geldzahlungen erhielt. "Da hätte man erst recht jeden Cent von Armstrong ablehnen müssen", sagt die ehemalige UCI-Spitzenfunktionärin. "Aber wir im Vorstand wussten bis 2005 ja nicht einmal, dass Geld von Armstrong an die UCI geflossen ist."