Zum Start der Australian Open wird wieder die Termindebatte geführt: Viele Tennisspieler haben verletzungsbedingt abgesagt.
Früher war Jim Courier Tennisspieler. Heute ist er Profi. Als Gewinner von vier Grand-Slam-Turnieren grummelte der blonde Amerikaner mit dem leichten Rotstich zehn Jahre lang durch die Welt. Anfang der neunziger Jahre gewann er viele Spiele und fand, das müsse genügen.
Scheint schon in Form zu sein: Andy Roddick. (© Foto: AFP)
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Er wirkte mürrisch und witterte hinter Fragen böse Hintergedanken. Heute reist der 36-Jährige zu großen Turnieren als TV-Experte an, und prompt hat er sich in einen Vermarkter seines Sports verwandelt. ,,Es ist stets eine Freude, hierhin zurückzukehren'', sagte er vor dem Beginn der Australian Open (ab der Nacht zu Montag, live auf Eurosport).
Das ist eine dieser Sportlerfloskeln, die im Tennismilieu mühelos auf die anderen großen Turniere übertragbar sind - auch wenn die Floskel bei Jim Courier etwas glaubhafter wirkt, schließlich sprang er nach seinen Siegen 1992 und 1993 in den benachbarten, verschmutzten Yarra River. Begeistert fügte er etwas hinzu, was der Spieler Courier nicht unwidersprochen gelassen hätte: ,,Das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres steht an, die Profis sind frisch, was könnte es Besseres geben?'' Ein anderer Termin und wirklich frische Spieler wären kein schlechter Anfang.
Die Diskussionen um den Austragungstermin der Australian Open sind nicht ganz neu, haben aber eine neue Dynamik erhalten. Nach Amélie Mauresmo und James Blake hat Roger Federer das Wort ergriffen, und wenn der Weltranglisten-Erste spricht, dann hören die Organisatoren der Tennistour etwas genauer hin. Als er verkündete, er werde das Juni-Turnier in Halle/Westfalen auslassen, sollte dort das neue Turnier-Format (mit einer Vorrunde) zur Anwendung kommen, beließen es die Veranstalter beim alten Modus.
Nun widmet sich Federer größeren Aufgaben. ,,Es wäre sinnvoll, endlich die Saison zu verkürzen und das Jahr nicht gleich mit einem Grand-Slam-Turnier zu beginnen'', sagte der Schweizer in dieser Woche. Federer ist nicht der Erste, der klagt - er ist bloß der erste Top-Spieler seit einer Weile, der seine Kritik energisch äußert.
Weil aber auch der Beste den Terminplan vorerst nicht ändern kann, hat er wenigstens für sich Konsequenzen gezogen: Er hat, anders als früher, das erste Turnier des Jahres in Doha ausgelassen. ,,Ich möchte auch mal leben'', erklärte er, ,,ich wollte Weihnachten und Neujahr genießen, ausgeruht hierhin kommen, und nicht schon erschöpft die Saison beginnen. Das Wichtigste für mich ist es, nach Melbourne mit der Lust zu kommen, das Turnier zu gewinnen - und nicht mit dem Gefühl, dass es eine lästige, schmerzliche Aufgabe ist.''
Nicht viele legen den Schläger einfach beiseite. Die neue Saison begann Neujahr, kaum dass die alte vorbei war, und in der Zwischenzeit hatte kaum ein Spieler Zeit, wirklich zu regenerieren. Dementsprechend liest sich die Liste der Abwesenden. Venus Williams (Verletzung am Handgelenk) reihte sich in dieser Woche hinter Anastasia Myskina (Fuß) und Mary Pierce (Knie) ein, was das Frauenturnier nach den Absagen von Justine Henin-Hardenne (die Nr. 1 fehlt aus persönlichen Gründen) und Lindsay Davenport (die ihr erstes Kind erwartet) weiterer Attraktionen beraubte.
Bei den Männern muss stündlich damit gerechnet werden, dass sich zu den Langzeitverletzten Nicolas Kiefer (Handgelenk) und Tim Henman (Knie) namhafte Ausfälle gesellen: Nicht weniger als vier Top-20-Spieler (Rafael Nadal, Nikolai Dawidenko, David Nalbandian, Lleyton Hewitt) gaben während Vorbereitungsspielen in dieser Woche auf oder traten erst gar nicht an.
Und selbst wenn einiges davon reine Vorsicht war, machten einige Spieler jetzt schon einen matten Eindruck. Wie soll das auch anders sein? Von Frische kann keine Rede sein in einem Sport, der den Besten nicht mal vier Wochen Kalenderpause bietet: Federer bestritt im vergangenen Jahr 97 Partien und 16 Finals, das letzte am 19. November; Marat Safin beschloss 2006 mit dem Davis-Cup-Triumph der Russen am 3.Dezember.
Nun sind sie schon wieder am Start, denn heute können sich die Topathleten kaum noch erlauben, was früher selbst unter Weltklassespielern üblich war: Ilie Nastase spielte ein einziges Match auf dem fünften Kontinent, Jan Kodes nicht einmal das; Jimmy Connors schaute in seiner 23-jährigen Karriere bloß zweimal vorbei, Björn Borg sogar nur einmal. Und Andre Agassi ließ das Turnier achtmal aus, bevor er 1995 anreiste und mit dem Turniersieg sofort auf den Geschmack kam.
Denn das ist der ewige Widerspruch der Australian Open: Wer die Weltreise einmal gewagt hat, wird selten enttäuscht. Das Publikum gilt als fachkundig und begeisterungsfähig, der Service ist vorzüglich, die Presse zurückhaltend, Regenpausen sind kaum zu befürchten, und wem es zu heiß ist, der kann immer noch in den Yarra River springen.
Zudem ist Melbourne eine der gelassensten Großstädte überhaupt. Wenn ein Pharmakonzern die ansteckend beruhigende Ausstrahlung dieses Millionendorfs in eine Pille bündeln könnte, hätte er ein homöopathisches Wundermittel mit Milliardenpotenzial. Dies ist ein idealer Ort für Tennis - noch besser wäre es nur ein paar Wochen später im Jahr.
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