Volleyball Am Ende des Weges

Sie nennen ihn "Hammerschorsch", nach dem Aus in Berlin zeigte Georg Grozer aber seine weiche Seite.

(Foto: Annegret Hilse/imago)

Die bei der Olympia-Qualifikation gescheiterten Deutschen stehen vor einem Umbruch. Dem Verband drohen finanzielle Einbußen.

Von Sebastian Winter, Berlin

Wenn etwas dramatisch schlecht zu Ende geht im Sport, ein Spiel, eine Saison, oder wie am Sonntag das Olympia-Qualifikationsturnier der Volleyballer in Berlin, dann sieht die Reaktion der Protagonisten oft genug aus wie eine Flucht. Es kann ihnen dann nicht schnell genug gehen, bloß weg von diesem düsteren Ort.

Bundestrainer Vital Heynen versteckte sich nach der 2:3-Niederlage gegen Polen im kleinen Finale hinter einem schwarzen Trennvorhang, später kündigte der 46 Jahre alte Belgier an, während der Spiele in Rio, die die Deutschen nun verpasst haben, in den Wald zu gehen, um sie ja nicht vor dem Fernseher verfolgen zu müssen. Der Querdenker Heynen hat Gefallen am Wald als Rückzugsort gefunden, seit seine Mannschaft im Herbst bei der Vorbereitung zur Europameisterschaft dort übernachtet hat, mit Lagerfeuern, in Schlafsäcken, unter freiem Himmel. Rüdiger-Nehberg-Schule, am Ende fruchtlos.

Deutschlands Führungsspieler Georg Grozer zog sich mit seiner Frau, seinem Schwager, seinem besten Kumpel und Philipp Collin, dem Mittelblocker der Deutschen, lieber in sein Appartement zurück am Sonntagabend, "wir haben bis halb vier gesessen, Geschichten erzählt und auch ein bisschen was getrunken". Das klang schon sehr nostalgisch, nach dem Matchball hatte Grozer ja bereits seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt, zumindest auf zwei Jahre befristet, das hatte er seiner Frau versprochen. Am Montag flog der 31-Jährige via Frankfurt wieder zu seinem Klub nach Südkorea, die beiden Töchter, die mit der Mutter in Moers wohnen, hat er kaum gesprochen in den letzten Tagen. "Ich schaffe das nicht mehr, beide Sachen mit der Familie zusammenzubringen, ich brauche mehr Zeit für sie. Der Klub ist mein Arbeitgeber, ich kann dort gutes Geld verdienen", sagte Grozer, höflich wie immer, aber auch bestimmt.

Am Vertrag von Trainer Heynen sieht man, woran es krankt: Er gilt immer nur für 183 Tage

Allein schon Grozers Rückzug ist eine Zäsur bei den deutschen Männern. Grozer ist ihr emotionaler Kopf, ein Schrank mit Tattoos, der sich ganz nebenbei zum Weltklasse-Angreifer entwickelt hat. Andere werden ihm folgen, diese so starke, eingeschworene, in Heynens Worten "inspirierende" Mannschaft, deren Auftrag in Rio hätte enden sollen, ist kurz vor dem Ziel aufs Abstellgleis geraten. Wie die deutschen Frauen, die bei ihrem Qualifikationsturnier in der Türkei bereits in der Vorrunde scheiterten. Erstmals seit 1992 verpassen damit beide Hallen-Volleyball-Teams die Spiele, was auch den 2012 mit Verve ins Ehrenamt gestartete Verbandspräsidenten Thomas Krohne frustriert zurücklässt: "Die Enttäuschung ist unfassbar groß, noch größer als gestern", sagte Krohne am Montag: "Es ist klar, dass es einen Neuanfang geben wird."

Der deutsche Volleyball befindet sich gerade im Schwebezustand, weil ihm die vergangene Woche schlichtweg den Boden unter den Füßen weggezogen hat, sportlich, strukturell, finanziell. Neben dem sportlichen Umbruch, der kommen wird, weil Führungsspieler - wie Grozer, Kapitän Jochen Schöps bei den Männern oder Christiane Fürst, Margareta Kozuch und Maren Brinker bei den Frauen - schon aus Altersgründen bald aufhören werden, ist die Trainerfrage völlig offen. Bei den Männern hat Heynen einen Vertrag bis zum 30. September 2016, mit ihm abgesprochen ist Krohne zufolge, dass er zumindest die Weltliga noch betreut. Danach wird er wohl aufhören, weil ihn der Job sehr aufgerieben hat, auch wenn das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Auch bei den Frauen ist nicht klar, wer sie künftig betreuen soll. Der Schweriner Vereinstrainer Felix Koslowski, der sie in der Türkei coachte, war bislang nur eine Interimslösung.

Aber schon an den Verträgen der Nationaltrainer sieht man, woran es auch krankt: Heynen hat seit 1. Oktober 2014 keinen Jahreskontrakt, sondern jeweils Halbjahres-Verträge über 183 Tage. Am Montag ist er schon wieder zum französischen Erstligisten Tours aufgebrochen, dort hat er seinen Zweitjob. So ist es ihm auch kaum möglich, abseits der Nationalmannschaft an strukturellen Dingen zu arbeiten. "Da müssen 365 Tage im Vertrag stehen", sagt Verbandspräsident Krohne, der auch Strukturprobleme beim Nachwuchs sieht: "Auch da müssen wir etwas ändern, die Spielphilosophie verstärkt auf die Nationalmannschaft ausrichten." Noch immer gibt es zu wenig Koordination zwischen den Stützpunkten, der klamme Verband bräuchte dringend mehr Personal, kann es sich aber kaum leisten; die Strukturen sind verkrustet.

Das Geld wird auch weiterhin fehlen, denn die Hallen-Volleyballer haben nun die Vorgabe des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) verpasst, jeweils mindestens Achter in Rio zu werden. Eine Kürzung der DOSB-Zahlungen von derzeit insgesamt 1,15 Millionen Euro droht für den nächsten Olympiazyklus, der Verband könnte bei der Projektförderung in die unterste Kategorie E eingestuft werden, bei "Sportarten ohne Finalplatzpotenzial". Das wären dann rund 215 000 Euro weniger. Gespräche mit dem DOSB soll es Anfang März geben, doch der Ausblick für die Spiele 2020 sieht düster aus. Denn wie nach Rio werden wohl auch nach Tokio nur jeweils vier europäische Hallen-Volleyball-Teams bei Männern und Frauen fahren.