Viertelfinale: USA - Brasilien 7:5 n.E. Der amerikanische Geist bezwingt den Wahnsinn

Sie spielten in Unterzahl, sie lagen bis zur letzten Minute der Verlängerung zurück. Doch die Amerikanerinnen gaben nicht auf und gewannen ihr WM-Viertelfinale gegen Brasilien im Elfmeterschießen. Während die Weltfußballerin Marta ohne Titel abreisen muss, dürfte vom "American Spirit" noch viel zu hören sein. Und auch von dem Wahnsinn, den die Schiedsrichterin in diese Partie brachte.

Von Boris Herrmann, Dresden

Nun, da im WM-Land verzweifelt nach deutschen Erfolgsmeldungen gesucht wird (Erreicht die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus das Finale? Darf Birgit Prinz Ballacks Abschiedsspiel übernehmen? Lebt La Ola trotzdem weiter?) gehört es zur patriotischen Pflicht darauf hinzuweisen: Um 17:23 Uhr sind im WM-Stadion zu Dresden die Flutlichter angesprungen - und diesmal haben sie tatsächlich bis zum Ende durchgehalten. Ist ja keine Selbstverständlichkeit. Das letzte Spiel musste hier wegen akuten Lampenstreiks unterbrochen werden, diesmal durften sich die Flutlichter über einen warmen Begrüßungsapplaus freuen. Sie haben es sich alles in allem verdient - obwohl die Sonne schien.

Die Erlösung: Abby Wambach (Nummer 20) köpft in der letzten Minute der Verlängerung zum 2:2-Ausgleich für die USA ein und zwingt Brasilien ins Elfmeterschießen.

(Foto: dpa)

Redlich verdient haben sich ferner auch die Amerikanerinnen ihren Sieg mit 5:4 im Elfmeterschießen gegen Brasilien und das damit verbundene Ticket für das Halbfinale gegen Frankreich. Sie hatten diese dramatische Partie ja eigentlich schon mehrfach verloren gehabt. Sie hatten eine Stunde lang in Unterzahl gespielt und bis zur letzten Minute der Verlängerung zurück gelegen. Und man kann sich in etwa vorstellen, wie viel man in den kommenden Tagen vom American Spirit hören und lesen wird, wenn man gesehen hat, auf welch unnachahmliche Art und Weise das Team von Pia Sundhagen am Ende doch noch zurück in dieses Spiel gefunden hat.

Ein Teil dieser Helden-Erzählung dürfte dann wohl auch sein, dass sich die Amerikanerinnen nicht nur gegen die starken Brasilianerinnen, sondern auch gegen eine höhere Kraft durchsetzten mussten - gegen die Schiedsrichterin Jacqui Melksham. Die Australierin war gewiss nicht an dem gesamten Wahnsinn schuld, der sich am Sonntagabend auf dem Dresdner Rasen ereignete. Der Einfluss, den sie auf dieses Spiel ausübte, war jedoch, wenn man es gut mit ihr meinte, zumindest diskussionswürdig. Aber dazu später.

Ausführliche Debatten hat zuletzt auch die Frage hervorgerufen, ob man heutzutage eigentlich noch mit einem Libero spielen dürfe. Nach dem Viertelfinale von Dresden lässt sich sagen: Im Prinzip ist gegen einen Libero nichts einzuwenden - solange er nicht den entscheidenden Schuss im Elfmeterschießen versemmelt und vorher Eigentore schießt. Der Brasilianerin Daiane, die dieser altertümlichen Position gerade zu neuer Blüte verhalf, ist diesmal beides nicht gelungen. Gerade einmal zwei Minuten war das Spiel alt, da lenkte sie eine mehr als ordentliche Flanke der US-Mittelfeldspielerin Shannon Boxx ins eigene Netz.

Die Amerikanerinnen nahmen dieses Geschenk selbstredend gerne an. Man kann allerdings nicht sagen, dass sie sich ganz und gar unwillig zeigten, es alsbald zurück zu geben. Die ansonsten so souveräne Torhüterin Hope Solo tauchte plötzlich unter herkömmlichen Flanken hindurch. Nach einem gelungenen Freistoß-Trick vor dem gegnerischen Tor freute sich das US-Team einmal so sehr, dass es umgehend den Ball verlor und die Brasilianerin Marta zu einem 50-Meter-Sprint direkt mit angeschlossenem Torabschluss einlud. Und spätestens als Fabiana dann kurz vor der Pause auch noch mit ihrem zunächst als Flanke getarnten Lattenschuss aufwartete, merkten die Brasilianerinnen, dass ihr Gegner verwundbar war.

Was die Amerikanerinnen mit ihrer wachsenden Unsicherheit nicht zur Spannung beitrugen, erledigte dann, wie so oft bei dieser WM, die Schiedsrichterin. Nach einem Foul von Rachel Buehler an Marta (65.) entschied Melksham auf Strafstoß (was korrekt war) und stellte Buehler vom Platz (was nicht korrekt war). Solo hielt den Elfmeter von Cristiane, den Melksham aber wegen einer verfrühten Zuckung am Strafraumrand wiederholen ließ (was irgendwie korrekt, aber irgendwie auch gemein war). Beim zweiten Versuch traf Marta zum 1:1.

Die fünfmalige Weltfußballerin wurde danach in Dresden ausgepfiffen, als habe sie soeben bei Hansa Rostock unterschrieben, aber das half den Amerikanerinnen auch nicht weiter. Sie mussten in Unterzahl in die Verlängerung. Und dort lag Jacqui Melksham dann gleich noch einmal leicht daneben. Sie übersah eine Abseitsstellung von Maurine, deren Flanke wiederum Marta zum 2:1 ins Tor löffelte (92.). Amerika schien geschlagen zu sein.

Amerika lässt sich aber offenbar nicht so leicht von einer Karte zu viel und einem Abseitspfiff zu wenig entmutigen. In der 122. Minute, die Brasilianerinnen wähnten sich bereits in der nächsten Runde, brachte die eingewechselte Megan Rapinoe eine letzte Flanke vors Tor. Diesmal verschätze sich Brasiliens Torfrau Andreia - 2:2 durch Abby Wambach. "U-S-A, U-S-A", skandierten die Zuschauer im Stadion. Denn sie spürten, dass es gerecht war.

Plötzlich waren sie also wieder da, die vereinigten Berufsoptimistinnen aus den Vereinigten Staaten. Und schon bevor Hope Solo den entscheidenden Strafstoß von Daiane hielt, war klar: So leicht sind sie jetzt auch nicht mehr wegzukriegen.

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