Viertelfinale der Handball-WM Katars umstrittene Weltauswahl

Bester Torewerfer bei Katar: der gebürtige Montenegriner Zarko Markovic

(Foto: dpa)

Nur vier Handballer im Team von Katar sind tatsächlich dort geboren - der Rest wurde eingebürgert. Im Viertelfinale trifft der Gastgeber der Handball-WM nun auf Deutschland, seine Personalpolitik sorgt bei den Wenigsten für Entzücken.

Von Joachim Mölter, Doha

Es sei schon ein wenig seltsam, hat der deutsche Nationalspieler Steffen Weinhold vor dem Viertelfinalspiel gegen den WM-Gastgeber Katar an diesem Mittwoch (16.30 Uhr/Sky) zugegeben, wenn man sich die Videos der bisherigen katarischen Begegnungen ansehe und seine Teamkollegen fragen müsse: "Woher kommt denn dieser Spieler eigentlich?"

Diese Frage haben sich bei dem laufenden Turnier schon viele Beobachter gestellt. Denn die katarische Auswahl ist aus Spielern vieler Länder zusammengestellt, vorzugsweise aus Nordafrika, dem Balkan und Südwesteuropa. Nur vier Männer im 16er-Kader des spanischen Trainers Valero Rivera sind tatsächlich in dem kleinen Staat am Persischen Golf geboren, den Rest haben Katars Funktionäre erst in jüngerer Vergangenheit einbürgern lassen. Manche sagen: Sie haben die Spieler eingekauft.

Bereit für 10 000 brüllende Kataris

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Die Personalpolitik der WM-Ausrichter wird zumindest zwiespältig betrachtet. Der deutsche Torhüter Carsten Lichtlein findet es zwar prinzipiell prima, dass mal eine WM im Mittleren Osten ausgetragen wird, "um unseren Sport hier zu verbreiten". Er versteht auch, dass Katar "halt konkurrenzfähig sein möchte". Nur bei der Wahl der Mittel runzeln viele die Stirn.

Gelockt mit fürstlichen Prämien

Katars Mannschaft bei dieser WM wäre mit Sicherheit nicht konkurrenzfähig ohne den gebürtigen Montenegriner Zarko Markovic, den mit 49 Treffern bislang zweitbesten Torjäger des Turniers, oder dessen Nebenmann im Rückraum, den in Kuba geborenen und kaum weniger wurfgewaltigen Rafael Capote. Auch nicht ohne den früheren Franzosen Bertrand Roine oder den einstigen Spanier Borja Vidal. Und schon gar nicht ohne die im vergangenen Sommer ins Land geholten Weltklasse-Torhüter Goran Stojanovic und Danijel Saric, die aus Montenegro bzw. Bosnien-Herzegowina stammen.

Sie und noch einige mehr ließen sich von den fürstlichen Prämien locken, die Katars Verband bei dieser WM ausgelobt hat (angeblich 100 000 Dollar pro Sieg für jeden), und mit einem katarischen Pass ausstatten. "Wenn es so viel Geld gibt in diesem Land", sagt der beim deutschen Rekordmeister THW Kiel beschäftigte Spanier Joan Canellas, "kann man fast alles machen. Und es gibt keine Regel, die besagt, dass man die Nationalität nicht wechseln darf."

Im Fußball ist ein Spieler dauerhaft auf eine Nationalelf festgelegt, sobald er ein Pflichtländerspiel für sie absolviert hat. Im Handball gilt die Regel, dass ein Spieler für ein anderes Land antreten darf, sobald er drei Jahre nicht mehr für seine ursprüngliche Heimat im Einsatz gewesen ist. Diese Regel haben früher auch andere Länder schon ausgenutzt, die Katarer tun es jetzt nur exzessiv.

Auch Deutschland hat schon Spieler eingebürgert

Der Deutsche Handballbund (DHB) zum Beispiel hat vor seiner Heim-WM 2007 dafür gesorgt, dass der Ukrainer Oleg Velyky und der Weißrusse Andrej Klimovets eingebürgert wurden; beide standen in dem Kader, mit dem der damalige Bundestrainer Heiner Brand dann den Titel holte. "Ich habe auch schon Handballer gesehen, die für drei Nationen gespielt haben", sagt Carsten Lichtlein. Zum Beispiel der einstige Welthandballer Talant Duschebajew: Der gebürtige Kirgise wurde mit der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) 1992 Olympiasieger und mit Russland 1993 Weltmeister, später spielte er dann noch für Spanien.

Für Spanien stand im Übrigen auch ein gewisser Arpad Sterbik im Tor, als die Mannschaft vor zwei Jahren im eigenen Land den WM-Titel gewann. Der 35-Jährige trug vorher die Trikots von Jugoslawien, von Serbien & Montenegro sowie von Serbien, und er hat zur Not auch einen ungarischen Pass. Bei diesem Turnier ist er allerdings nicht dabei. Wenn es nach den in Doha anwesenden Handballern geht, hätten sie am liebsten eine Regelung wie im Fußball. Irgendwann kennt sich ja sonst keiner mehr aus.