Vierschanzentournee Severin Freund: Perfekter Aufwind zum Premierensieg

64th Four Hills Tournament Severin Freund of Germany celebrates after winning the first stage of the Four Hills ski jumping tournament in Oberstdorf, Germany, 29 December 2015. Photo: Daniel Karmann/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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  • Severin Freund gewinnt das erste Springen der 64. Vierschanzentournee in Oberstdorf.
  • Dem 27-Jährigen gelingt so eine doppelte Überraschung: Er siegt nicht nur, sondern sorgt auch für anhaltende Spannung und überrascht Bundestrainer Schuster.
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Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Schon früh war die erste bemerkenswerte Gesamtpunktzahl herausgegeben worden. 25 500 Zuschauer besaßen morgens schon eine Karte für das Auftaktspringen der Tournee, damit war es ausverkauft, und zwar erstmals seit 13 Jahren viel früher als sonst. Seit 2002, seit den Zeiten von Martin Schmitt und Sven Hannawald, gab es immer noch reichlich Tickets an der Abendkasse, diesmal nicht. Das Publikum traut den deutschen Springern und der Tournee also wieder etwas zu, womöglich andauernde Spannung. Zarte Hoffnung hatte in den vergangenen Tagen auch Bundestrainer Werner Schuster, dass es diese Spannung mal wieder bis zum nächsten Springen nach Garmisch-Partenkirchen schafft, ja, vielleicht sogar bis nach Innsbruck. Aber es kam noch besser fürs Gemüt der Fans. Nach dem üblichen Dämpfer im ersten Durchgang wendete sich das Blatt im Oberstdorfer Finale, denn Severin Freund gelang ein überragender Sprung bei allerdings auch glücklichem Windwechsel. Er distanzierte den großen Tourneefavoriten Peter Prevc deutlich. Der Slowene kam auf Platz drei, Zweiter wurde der Österreicher Michael Hayböck, der Zweite der vergangenen Tournee, der nun auch wieder zum engeren Kandidatenkreis gehört. Richard Freitag aus Aue wurde Neunter, Andreas Wank überraschen Dreizehnter. "Der erste Sprung war ein bisschen spät", sagte Freund, "der zweite ist dann aber aufgegangen." Überraschend kam der Erfolg für ihn nicht. Er habe gewusst, dass er nicht weit weg von perfekten Sprüngen ist, "und dass es sehr schnell gehen kann." Es war das erste Mal seit 13 Jahren, dass ein Deutscher in Oberstdorf gewann, die traditionell trostlose Ausgangslage für den Rest der Tournee wurde damit schlagartig umgedreht. "Es ist, als würde man die Altlasten der letzten Jahre aufräumen", sagte Freund, "man kriegt mit, wie sich die Leute diesen Sieg wünschen, und es ist schön, wenn man diesen Wunsch erfüllen kann". Statt als Abgeschlagener fährt er nun als Führender zur nächsten Station, wenngleich mit knappen Abständen. Drei Punkte Vorsprung hat er auf Hayböck, gut sieben auf seinen Dauerrivalen Prevc. "Das ist so gut wie nix", sagte Hayböck. Doch Freund fand in diesem zweiten Durchgang zurück in sein System aus dem richtigen Anlauftempo, dem richtig dosierten Absprung und dem richtigen Umschalten in den Flugmodus.

Ein Springen wie ein chaotisches Konzert

Es war sein erster großer Sieg auf dieser Schanze, auf der er ja das ganze Jahr über trainiert, und auf der er schon so oft vor dem lärmenden eigenen Publikum störende Gedanken kurz vor dem entscheidenden Moment hatte. Und vielleicht bringen ihm solche plötzlichen emotionalen Erfolgserlebnisse mehr als anderen: Vor gut zehn Monaten schaffte er auf der Flugschanze von Vikersund deutschen Rekord, danach hängte er einen Erfolg an den anderen. Am Ende der Saison war er Doppelweltmeister und Gesamtweltcupsieger.

Freund springt 137,5 Meter - und gewinnt

Was für ein Finish beim Auftaktspringen der Tournee: Severin Freund legt im zweiten Durchgang einen Riesensatz hin und lässt sogar Peter Prevc hinter sich. Auch die anderen Deutschen springen gut. mehr ...

Aus Sicht nicht nur der Deutschen war dieses Springen aber zunächst wie ein chaotisches Konzert in Dur und Moll. Der Wind wechselte, erst drückte er fast alle Springer von hinten auf den Hang, im ersten Durchgang waren deshalb zunächst kaum große Weiten zu sehen. Dennoch überraschte das DSV-Team mit Teilerfolgen, weil sich Karl Geiger gegen Maciej Kot (Polen) durchsetzte, und Pius Paschke den schwächelnden Olympiasieger Kamil Stoch hinter sich ließ. Auch war Michael Neumayer als Lucky Loser ins Finale gekommen, während Rekord-Springer Gregor Schlierenzauer nach seiner Rückkehr den Finaldurchgang verpasste.

Enttäuschungen und Freudensprünge wechselten sich minütlich ab

Freitag, Andreas Wellinger (Ruhpolding) und Freund hatten dann aber erst mal wieder Pech. Die Luft blies stramm von hinten den Hang hinunter, und anders als den Konkurrenten gelang es ihnen nicht, sich aus dieser Situation irgendwie zu befreien. Der Heimerfolg schien bei dieser Ausgangslage bereits illusorisch zu sein, als gegen Viertel vor sieben ein denkwürdiges Finale eröffnet wurde.

Enttäuschungen und Freudensprünge wechselten sich minütlich ab. Andreas Stjernen war im Aufzug stecken geblieben, verkorkste nach dieser Verspätung prompt seinen Sprung und stand damit stellvertretend für den Rest seines norwegischen Teams. Auch die besseren Springer dieser hoch gehandelten Mannschaft fielen um drei bis vier Plätze zurück, am schlimmsten erwischte es den 21 Jahre alten Aufsteiger Daniel-André Tande aus Kongsberg, der von Platz zwei auf Platz zehn abrutschte. Genau umgekehrt erging es dem deutschen Rest hinter Freund, mit Freitag, zudem Wellinger (15.), Stephan Leyhe (14.) und Andreas Wank (13.) schafften es insgesamt fünf doch noch unter die besten 15.

Severin Freund gelang ein überragender Sprung bei allerdings auch glücklichem Windwechsel.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Und als der Wind immer stärker von vorne blies und weite Flüge ermöglichte, erwischte Freund perfektes Timing. Er musste sogar von Luke neun starten, was ihm zusätzliche Bonuspunkte brachte. Weniger Anlauf hatte später keiner, aber Freund musste dieses Handicap in der Luft auch ausgleichen. 137,5 Meter holte er heraus, es reichte für den Sieg und für hinreichend Spannung.

"Wir hatten das Momentum auf unserer Seite", sagte Trainer Schuster sachlich, und wurde dann doch emotional: "Es war ein fantastischer Tag, ein großer Tag für das deutsche Skispringen."

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