Die Tournee der jungen Männer: Gregor Schlierenzauer gewinnt das letzte Springen in Bischofshofen, Anders Jacobsen mit einem unglaublichen Sprung die Vierschanzentournee.
Dieser Weg war kurz bis auf diesen ersten Platz der Vierschanzentournee für Anders Jacobsen aus Norwegen, denn das vergangene Jahr hatte er noch als ein Hobbyskispringer begonnen, der bestenfalls manchmal ein bisschen zu träumen wagt.
Anders Jacobsen (links) und Gregor Schlierenzauer (© Foto: AP)
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Und doch muss ihm seine eigene Geschichte vom Klempner zum überragenden Skispringer dieser Weltcup-Saison irgendwie lang und anstrengend vorgekommen sein. In seiner Heimat hatten sie ihn erst neu entdecken müssen und überschütteten ihn mit einer Aufmerksamkeit, die er nicht kannte und die ihn erschöpfte. Erst als sein Nationaltrainer Mika Kojonkoski ihn zur Seite nahm, schien er sich wieder befreien zu können von den Belastungen seiner neuen Rolle.
Er setzte mit 142 Metern den weitesten Sprung des Tages beim Finale von Bischofshofen, das der junge Österreicher Gregor Schlierenzauer gewann, und war am Ziel.
Es waren zwei Wettkämpfe in einem, die am Laideregg zur Aufführung kamen. In dem einen kämpften die sieben Ersten des Klassements um die Krone der Tournee. In dem anderen bemühten sich die Nachzügler um Achtungserfolge.
Die Deutschen standen natürlich in letzterem Wettbewerb, die Gesamtwertung spielte in ihren Gedanken ja noch nicht einmal eine Rolle, als die Tournee noch gar nicht begonnen hatte.
Wenn die deutschen Skispringer Künstler wären, hätte man sie schon bei der ersten Pressekonferenz in Oberstdorf für ihre realistische Darstellung loben können. Keine Utopien, sagten sie. Ihre Botschaft war: Wir sind nur das, was wir sind, Arbeiter in unserem eigenen Weinberg und noch nicht in der Lage, ganz vorne zu landen.
Sie haben dann aber doch ein paar schöne Ausschläge nach oben gezeigt, vor allem Michael Uhrmann aus Rastbüchl. Er nahm eine neue Zuversicht aus der Tournee mit, auch wenn er weiterhin an konstanteren Leistungen arbeitet. In Innsbruck hatte er sich mit einem zehnten Platz und einem stattlichen Satz im zweiten Durchgang gut gefallen, den Sprung mit Bundestrainer Peter Rohwein analysiert und ,,auch schon sehr gute Kritiken gekriegt'', wie er sagte.
In Bischofshofen stand er wieder zufrieden im Zielraum. 137,5 Meter in der Qualifikation. Uhrmann wirkte fast beschwingt, er sagte: ,,Insgesamt ist es von Oberstdorf her schon bergauf gegangen.'' Am Wettkampftag verirrte er sich zunächst ein bisschen im Rückenwind, aber konnte trotzdem nicht viel Schlechtes sagen über seine 127 Meter. Und am Ende hatte er einen ordentlichen zehnten Platz.
Martin Schmitt wirkte etwas zerknirscht nach diesem Finale. Seine Sprünge in Partenkirchen hatten ihm den Eindruck vermittelt, es würde endgültig bergauf gehen bei ihm. Er nahm einen achten Platz von dort mit, aber fühlte sich dann doch wieder zurückgesetzt auf ein Niveau, das ihm als früherem Weltmeister nicht reicht. In Bischofshofen landete er auf Platz 18. Und Jörg Ritzerfeld, in Oberstdorf noch bester Deutscher als Zwölfter, überstand den ersten Durchgang gar nicht.
In der anderen Liga dagegen entbrannte ein Kampf, der sich bald auf jene beiden jungen Männer verdichtete, die schon vor der Tournee als stilprägende Favoriten gehandelt worden waren. Gregor Schlierenzauer war am Tag der Qualifikation nicht zu sehen gewesen, er blieb im Hotel, er kam auch nicht an die Schanze.
Seine Sprünge zuvor hatten Substanz gekostet, Schlierenzauer beklagte eine Knochenhautentzündung. Er wollte sich Schonung gewähren und nutzte die Gunst, als einer der besten 15 im Weltcup vorqualifiziert zu sein genauso wie der Tournee-Dritte Andreas Küttel aus der Schweiz, dem im Training nach der Landung die Bindung aufgegangen war. Aber anders als Neujahrs-Gewinner Küttel, der im ersten Durchgang schon entscheidende Meter verlor, zauberte Schlierenzauer einen meisterhaften Satz ins Ziel. 139,5 Meter. Österreichs Nationaltrainer Alexander Pointner sagte: ,,Die Tür ist noch nicht zugefallen.''
Wirklich nicht? Schon am Qualifikationstag hatte Anders Jacobsen gezeigt, dass ihn seine mangelnde Erfahrung nicht hemmte. Er schaute aus seinem freundlichen Peter-Pan-Gesicht die Anlaufspur hinunter und sprang so weit, dass sich keiner seiner Gegner Illusionen machen musste. ,,Ich habe Spaß an der Schanze'', sagte er, ,,ich freue mich auf morgen.'' Und als er tags darauf zurückkehrte, ließ er sich auch nicht von Schlierenzauers Meistersatz irritieren: 137,5 Meter bei wenig berauschenden Bedingungen. Er lag auf Platz zwei, aber von seinem Vorsprung in der Gesamtwertung hatte er nur sehr wenig verloren.
Der Pole Adam Malysz scheiterte am Wind, Küttel blieb leicht zurück, genauso wie der Finne Arttu Pauli und Thomas Morgenstern aus Österreich. Allein der spätere Dritte Simon Ammann war dem Führungsduo noch nahe. Aber das Septett war eigentlich da schon keines mehr. Jacobsens Vorsprung auf Schlierenzauer war zu groß, und kurz musste sich der Tiroler an seinem 17. Geburtstag darüber ärgern, dass ihm der Wind ausgerechnet auf der dritten Etappe, an seiner Heimschanze in Innsbruck, nicht gewogen gewesen war und ihm einen elften Platz aufgezwungen hatte.
(SZ vom 8.1.2007)