Videobeweis Der DFB hat ein Defizit an Durchblick

Unklarheiten über Unklarheiten: Der Videoschiedsrichter ist in seiner Testphase noch nicht ausgereift.

(Foto: dpa)

DFB-Präsident Grindel irritiert mit verwirrenden Aussagen zum Videobeweis. Es ist erschreckend, wie es dem Verband gelingt, die Innovation zu beschädigen - man könnte meinen, dass jemand das Projekt torpedieren will.

Kommentar von Johannes Aumüller

Fünfzehn Jahre ist es her, dass die sonntägliche Plauderrunde "Doppelpass" ein Schmuckstück der deutschen Fußball-Fernsehgeschichte produzierte. Der Aufsichtsratschef des 1. FC Kaiserslautern war zu Gast, ein Herr namens Robert Wieschemann, und als er Stellung beziehen sollte zur Finanzlage seines Klubs, da stolperte er umher und äußerte den prägnanten Satz: "Wir haben alle ein Defizit an Durchblick." Wenige Tage später trat er zurück.

So weit wird es bei Reinhard Grindel nicht kommen. Aber der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) muss damit rechnen, dass sein Auftritt vom Sonntag kurz hinter dem Wieschemann-Schnipsel einen Top-Platz unter den Doppelpass-Klassikern einnehmen wird. Gekommen war Grindel, um das Kuddelmuddel um den Video-Assistenten zu entwirren. Er wollte erklären, wann genau die Technikhilfe zum Einsatz kommt. Und wann nicht. Als er ging, herrschte: ein Defizit an Durchblick. Eine Collage irritierender Sätze stand im Raum. Wie diese: "Es geht um Wahrnehmungsfehler." - "Es geht nicht darum, Schiedsrichterfehler zu korrigieren."

Bitte? Ein Video-Assistent, der keine Schiedsrichterfehler korrigieren darf? Wozu soll er dann da sein?

Es ist erschreckend, wie es dem größten Fußball-Verband der Welt gelingt, die wichtigste Innovation der letzten Jahre zu beschädigen. Und damit zu zerstören? Denn noch immer ist es ein Experiment, all das, was der Schiedsrichter im Stadion pfeift, parallel dazu am Computer in einem Kölner Keller zu überprüfen. Bei Nicht-Gefallen kann das Projekt sofort beendet werden. Und bei der Vielzahl der Irritationen, die es an den ersten elf Bundesliga-Spieltagen gab, drängt sich bereits die Frage auf: Will jemand dieses von den meisten Experten geforderte Projekt torpedieren?

Und warum? Jedenfalls ist die Kommunikation längst eine PR-Katastrophe. So sehr missriet nun auch der als Klärungsversuch gestartete Fernsehauftritt des Präsidenten, dass sich der DFB genötigt sah, wenige Stunden später ein Interview auf die eigene Homepage zu stellen, um Grindels neues Lieblingswort "Wahrnehmungsfehler" zu präzisieren. Längst ist die Debatte aber auch eine für Kryptologen. Und der Fußball, der seinen Erfolg aus der Einfachheit der Regeln ableitet, läuft Gefahr, seine Klientel durch immer neue Manöver zu vergraulen.

Dazu zwei Szenen aus dem jüngeren Bundesliga-Alltag. 1.) Leipzigs Timo Werner fällt gegen Hamburg bei einem Zweikampf im Strafraum, der Schiedsrichter pfeift zu Unrecht Elfmeter - laut Grindel ein "Wahrnehmungsfehler", der Video-Assistent durfte sich melden und korrigieren. 2.) Schalkes Thilo Kehrer geht gegen Wolfsburg mit der Hand zum Ball, ein klarer Elfmeter, wie selbst die Schalker einräumen. Der Schiedsrichter sieht die Szene, pfeift aber nicht - der Video-Assistent dürfe, so Grindel, nun nicht eingreifen. Denn der Schiedsrichter habe das Handspiel ja wahrgenommen, es aber als unabsichtlich bewertet.

Schwere Kost selbst für gut geschulte Interpreten. Gelingt es dem DFB nicht bald, sein Publikum durch Transparenz zu überzeugen, könnte der nächste Doppelpass-Auftritt von Präsident Grindel der sein, in dem er den Tod einer an und für sich starken Idee zu erklären hat.

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