Olympiasieger D'Alessandro ist zurück in der Bundesliga.
Manchmal ruft Gott an, er hat Lust zu plaudern, "und gar nicht mal so sehr über Fußball", sagt Andrés D'Alessandro, argentinischer Mittelfeldspieler vom Bundesligisten VfL Wolfsburg.
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Gott ist in Argentinien aus Fleisch und Blut, er heißt Diego Maradona, und D'Alessandro sagt, dass "er gerne von früher erzählt" - aus der Zeit seiner Gottwerdung. Neulich aber, da rief er an, um über Fußball zu reden.
Denn D'Alessandro, 23, hatte in Athen mit der argentinischen Elf das olympische Fußballturnier gewonnen, und Maradona wollte nicht nur gratulieren - sondern auch Anweisungen für die Zukunft geben: "Fordere den Ball, fordere ihn, und lass ihn nicht mehr los", sagte Maradona.
D'Alessandro erzählt das alles eher verstohlen, allein schon mit Maradona kommunizieren zu dürfen, mache ihn "stolz" - was erst soll er sagen, wenn ihm "der Größte aller Zeiten, das Idol", gesteht, dass es sein gepeinigtes Herz erfreue, ihn Fußball spielen zu sehen? So sehr, dass er den Ball nicht teilen soll? Mit niemandem?
Häme im Moloch
Seit dieser Woche darf man Maradona wieder raten, die Spiele der Wolfsburger zu verfolgen, am Montagmittag kehrte D'Alessandro von einer Odyssee zurück. Gegen den FCSchalke04 soll er am Samstag sein erstes Saisonspiel in der Bundesliga austragen.
Vor annähernd vier Monaten war er in die Heimat aufgebrochen, um sich auf Olympia in Athen vorzubereiten, WM-Qualifikationsspiele auszutragen und an der Copa América teilzunehmen: über ein Dutzend Spiele, in denen er nicht immer, aber doch zumeist andeutete, warum Maradona sein Spiel schätzt.
Klassische Regisseure sind selten geworden, und D'Alessandro zählt zu den eingebungsreichsten Dirigenten, die der Fußball in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat.
Als derart talentiert gilt D'Alessandro, dass die Branche vor einem Jahr regelrecht aufheulte, als er von River Plate nach Wolfsburg transferiert wurde, für etwa neun Millionen Euro: Queeeé? Cómoooo? Wolfsburgo?
Mittlerweile schätzt D'Alessandro, der im 14-Millionen-Einwohner-Moloch Buenos Aires aufgewachsen ist, die niedersächsische Abgeschiedenheit, die Ruhe und die Zurückgenommenheit der Menschen: Nachdem er im Juli im Finale der Copa América gegen Brasilien einen Strafstoß verschossen hatte, machten sie ihn auf der Straße an, von der Seite: Lern' Elfer schießen! - "Fans von Boca Juniors, nicht von River", sagt D'Alessandro.
Als er mit der Goldplakette aus Athen zurückkam, wurde die Mannschaft von einigen Fans am Flughafen empfangen - und dort ebenso gefeiert wie D' Alessandro anderntags im Stadion von Maradonas erstem Klub Argentinos Juniors.
Dort, im Stadtteil La Paternal, hatte D'Alessandro seine Kindheit verbracht. Die Medaille liegt im Elternhaus, "ein bisschen habe ich sie da vergessen", sagt er.
"Ich kam vom WM-Qualifikationsspiel aus Lima und hatte nur drei Stunden, um die Koffer zu packen und nach Deutschland weiterzureisen. In der Hektik habe ich die Medaille liegen lassen."
Der erste Titel im Nationaldress hat D'Alessandros Marktwert nicht gerade sinken lassen, mit seinem Partner und Freund Carlos Tevez drückte er Olympia den Stempel auf.
In den vergangenen Wochen wurde über einen Wechsel D' Alessandros zu Deportivo La Coruña spekuliert, doch so sehr es dem spanischen Klub gefiel, als potenzielle Anlaufstelle für ein außergewöhnliches Talent genannt zu werden: real war das Interesse nie, allein schon, weil eine Verpflichtung mit einem Investitionsvolumen von über 15 Millionen Euro verbunden wäre.
D'Alessandro selbst hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass Wolfsburg "nicht das Limit meiner sportlichen Entwicklung sein darf" - Interesse von anderen Klubs zu wecken bedeute, dass er als Fußballer wachse. "Das aber heißt doch nicht, dass ich nur daran denke, hier so schnell wie möglich weg zu kommen."
Dass er fußballerisch reift, ist offenkundig, in Deutschland hat er vor allem defensiv dazugelernt: "Früher fiel es ihm schwerer, sich aufzuopfern, um Räume zu schließen", findet Argentiniens Jugendnationalcoach Hugo Tocalli.
Auch deshalb wächst er in Maradonas Spuren hinein - ein wenig jedenfalls. In Peru durfte er das Trikot mit der Nummer 10 tragen - als erster Linksfuß überhaupt, seit Maradona bei der WM'94 in den USA zum Dopingtest abgeführt wurde.
In den vergangenen zwei Jahren war die 10 gar nicht mehr verwendet worden - Gott ("D10s") zu Ehren. Bei der Copa América musste Trainer Bielsa sie gezwungenermaßen verteilen: Der Weltverband Fifa hatte den Argentiniern untersagt, auf die Ziffer zu verzichten. Bei Olympia durfte hingegen Carlos Tevez die "10" tragen. Aber den mag Diego auch.
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(SZ vom 11.9.2004)