Trotz zarter Anzeichen des Aufschwungs droht Giovanni Trapattoni die Ablösung. Sein Erbe könnte Klaus Augenthaler antreten. Der wurde gerade von Bayer Leverkusen entlassen.
Es war schon etwas seltsam, als der Stadionsprecher die Auswechslung von Silvio Meißner bekannt gab. Meißner hatte ein ordentliches Spiel gemacht, bewegte sich nun aber in Richtung der Außenlinie und der Stadionsprecher sagte, seine Herausnahme sei "verletzungsbedingt". Zur Sicherheit sagte er es noch einmal. Als etwas später Fernando Meira vom Feld ging, wiederholte sich der Vorgang. Es kommt nicht oft vor in der Bundesliga, dass ein Stadionsprecher den Zuschauern die Entscheidungen des Trainers erklären muss. So sind die Zeiten in Stuttgart.
Giovanni Trapattoni leidenschaftlich wie ihn die Liga kennt. Beim VfB Stuttgart läuft es derzeit nicht so gut für den "Maestro". (© Foto: dpa)
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VfB-Trainer Giovanni Trapattoni hatte in den vergangenen Spielen stets die Mannschaft durcheinander gebracht und das dann Rotation genannt. Weil Sinn und Zweck dieser Wechsel am ehesten mit einer Reise nach Jerusalem zu vergleichen waren, hatte er damit die eigene Mannschaft und auch die Zuschauer gegen sich aufgebracht. Im Spiel gegen den Hamburger SV am Mittwochabend musste deshalb deutlich gemacht werden, dass zumindest für die Auswechslungen von Meira und Meißner nachvollziehbare Gründe vorlagen.
Trapattoni hatte auch in der Startaufstellung seiner Mannschaft gegen den HSV mehrere Positionen neu besetzt. Und diesmal hatte man im Großen und Ganzen über weite Teile des Spiels das Gefühl, dass der Trainer nun eine Variante gefunden hatte, die ganz gut zusammen passt. Zumindest machte der VfB sein bestes Spiel der Saison, was angesichts der vorausgegangenen Leistungen zwar nicht schwierig war, sich aber teilweise durchaus ansehnlich gestaltete.
Es liegt also eine gewisse Ironie darin, dass Trainer Trapattoni, jetzt, da seine Mannschaft das erste zarte Zeichen des Aufschwungs abgeliefert hatte, seiner Entlassung ein gutes Stück näher gekommen ist. So muss man es wohl sagen. VfB-Aufsichtsratschef Dieter Hundt hatte vor dem Spiel die Trendwende gefordert. Und weil der VfB zwar besser war als in den Spielen zuvor, aber dennoch 1:2 gegen des Hamburger SV verlor, ist diese Trendwende ausgeblieben für einen Verein, der sich selbst im internationalen Geschäft sieht. Nun steht er auf Platz zwölf mit einem Sieg aus sechs Spielen.
Trainer Trapattoni erzählte nach dem Spiel von einer interessanten Beobachtung, die er im vergangenen Jahr gemacht habe, als er noch nicht in der Bundesliga aktiv war. Damals sei ihm während der Betrachtung des deutschen Fußballs und der Tabellensituation aus der Ferne folgendes aufgefallen: "Ich habe festgestellt, dass die Dinge nicht so geblieben sind, wie es am Anfang der Saison den Anschein hatte." Führt man diese Theorie zu Ende, dann musste der VfB so schlecht starten, wie er es jetzt tat, um an Ende der Saison oben zu stehen. Es ist eine andere Frage, ob dieser eher empirische Ansatz im Verein nicht eine Minderheitenmeinung ist. Ob es also nicht auch noch auf andere Faktoren ankommt, als den der Zeit. Durchhalten. Wird schon.
Nachfolger Augenthaler?
Zwar hatte VfB-Präsident Erwin Staudt vor dem Spiel nochmals um eine "gewisse Geduld" für den Trainer geworben, war aber nicht näher darauf eingegangen, wie weit eine "gewisse Geduld" auf der Zeitachse reicht. Es ist aber schwer vorstellbar, dass Trapattoni noch Trainer in Stuttgart sein wird, sollte der VfB am kommenden Sonntag nicht gegen Kaiserslautern gewinnen.
Das Sportmagazin Kicker meldete am Donnerstag bereits, dass der Verein Kontakt zu Klaus Augenthaler aufgenommen habe, dem vor wenigen Tagen in Leverkusen gekündigt worden war. Und auf die in den vergangenen Wochen oft gestellte Frage, ob die Liaison zwischen Verein und Trainer nicht auf einem Missverständnis und falschen Erwartungen beruhe, sagte Trapattoni dem Kicker: "Wir passen zusammen. Und Schwierigkeiten gibt es immer. Man muss freilich wissen: Mann und Frau lieben sich - und gehen trotzdem auseinander."
Einer der wenigen, die am Mittwoch in Stuttgart noch von einer großen Wertschätzung für den einen Teil der Stuttgarter Fußball-Ehe sprachen, war Gästetrainer Thomas Doll. Mit dem Spiel seiner Mannschaft war Doll vollkommen und fast ohne Einschränkung zufrieden. "Wir haben zum richtigen Zeitpunkt das erste Tor gemacht und dann selbstbewusst weitergespielt, als der VfB stärker wurde." Doll ließ zwar offen, ob es auch einen falschen Zeitpunkt geben könnte, um in Führung zu gehen, sprach aber Trapattoni seine Bewunderung aus. "Es ist toll, neben einem Trainer zu sitzen, der so viel erreicht hat. Ich wünsche Giovanni alles Gute."
Es klang fast so wie auf einer Beerdigung.
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(SZ vom 23.09.2005)