Von Bernd Dörries

"Die WM war ein Dreck dagegen": Die Stuttgarter überraschen sich selbst und den Rest der Republik mit einer meisterlichen Fußball-Feier.

Vor dem Neuen Schloss in Stuttgart steht ein grüner Lastwagen der Polizei. Ein paar Beamte sitzen darin vor sechs Monitoren. Sie sehen Fahnen, Schals und Meisterschalen auf den Bildschirmen und sprechen in ihre Funkgeräte.

VfB Stuttgart

Lärmen, trinken, feiern: die Fans vom VfB. (© Foto: AP)

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Sie haben einen guten Überblick auf das Geschehen in der Stadt und müssen doch erkennen, dass die Lage nicht zu kontrollieren ist. Sie versuchen, etwas Ordnung in das Durcheinander zu bringen, den Autokorso der Mannschaft durch die Massen zu leiten, eine andere Route zu finden. Aber eigentlich haben sie schon aufgegeben. ,,Die WM war ein Dreck dagegen'', sagt ein Polizist.

Während der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer wurde Deutschland von sich selbst überrascht, von einem fröhlichen Land mit fröhlichen Menschen. An diesem Wochenende wundern sich manche in Stuttgart und in Deutschland, was die oft als etwas verdruckst geltenden Schwaben da in ihrer Landeshauptstadt veranstalten.

Eine Stunde, so hatten die Organisatoren errechnet, sollten die Cabrios brauchen, um die Spieler des VfB Stuttgart die sechs Kilometer vom Stadion in die Innenstadt zu bringen. Nach mehr als drei Stunden kommen die Fußballer schließlich an und sehen etwas mitgenommen aus.

Sie haben viel zu trinken bekommen, die Fans haben ihnen ihre Becher und Flaschen gereicht, zu essen aber gab es nichts. ,,Ich wusste gar nicht, dass Stuttgart so viele Einwohner hat'', sagt Roberto Hilbert, der Mittelfeldspieler. Bis zu 200.000 sollen es gewesen sein, die am Samstag unterwegs waren.

Bei der letzten Meisterschaft vor fünfzehn Jahren mussten die Fans noch weit draußen vor dem Stadion feiern. Der Titel kam damals überraschend in letzter Minute, und der Platz vor dem Rathaus war durch einen Flohmarkt belegt, den man nicht absagen wollte. In diesem Jahr wollte es die Stadtverwaltung besser machen - und machte sich doch fast wieder lächerlich.

Die Meisterfeier plante sie schon recht früh und mit großem Elan, weigerte sich aber, auf dem Schlossplatz eine Leinwand aufzustellen und das Spiel zu übertragen. Zu teuer, sagten die Verantwortlichen einer Stadt, die keine Schulden plagen. Die Fans revoltierten, weil Fußballgroßereignisse ohne Public Viewing seit der WM undenkbar sind. Schließlich bezahlte Daimler. Die Stadt dachte nun eigentlich, sie sei gut vorbereitet.

,,Der VfB ist mein Leben''

Gegen 13.30 Uhr am Samstag muss die Polizei den Schlossplatz wegen Überfüllung schließen, 50 000 stehen in der Hitze vor der Leinwand, und die Straßenbahnen karren aus allen Richtungen noch mehr Menschen heran, die dann nicht so recht wissen, wo sie nun hin sollen. Die ganze Innenstadt färbt sich Rot-Weiß. Vor dem Stadion stehen die Fans im Schatten der Bäume. Es ist erstaunlich, wie wenig Lärm so viele Menschen machen können. Sie trinken Bier und reden wenig. Viele sehen sehr konzentriert aus.

Kerstin Döring hat die ganze Woche kaum geschlafen und wenig gegessen. ,,Der VfB ist mein Leben'', sagt sie. So etwas hört man von vielen Fans, aber Kerstin Döring hat tatsächlich ihr ganzes Leben verändert für diesen Verein. Es begann im Ruhrgebiet, in Duisburg, wo 1988 ,,Jürgen Klinsmann in mein Leben trat'', wie sie sagt.

Klinsmann spielte damals beim VfB, und so wurde Döring, heute 32, ein Fan der Mannschaft. Sie reiste viele Kilometer zu den Spielen, aber vor zwei Jahren hielt sie die Fernbeziehung nicht mehr aus und zog nach Stuttgart.

Das Verhältnis zur Mutter kühlte sich ab: Die ist Schalke-Anhänger und versteht ihre Tochter nicht, die Vorsitzende ist des Fanclubs Ruhrpottschwaben mit 27 Mitgliedern. Einerseits, sagt Kerstin Döring, täten ihr die Schalker etwas leid. Andererseits habe der Verein seine Arbeiter-Identität verkauft und versuche, mit vielen Millionen den Titel zu bekommen. ,,Der VfB ist authentischer, hat viele junge Spieler aus der Region.''

Um 17.18 Uhr ist der Verein für Bewegungsspiele Stuttgart Deutscher Meister. An den Fanshops werden die Kisten mit den Sieger-T-Shirts ausgepackt und für 15 Euro verkauft. Im Stadion wird gefeiert, aber jeder ist noch für sich: die Fans hinter den Zäunen, die Spieler auf dem Rasen. Die ersten Anhänger machen sich auf den Weg in die Innenstadt, Straßenbahnen fahren nicht mehr, die Menschen sperren die Straßen, noch bevor es die Polizei tun kann.

In einem Straßentunnel sitzen etwa 500 Fans auf dem Boden und singen ihre Lieder, die von den Wänden zurückhallen wie bei der Andacht in einer großen Kirche. Manche haben ein Bier in der Hand, aber der Rausch kommt nicht davon. An den Straßen bilden sich Spaliere, als ob die Radler der Tour de France vorbeikämen. Die Mannschaft fährt schließlich in Mercedes-Cabrios vorbei, man kann sie anfassen, die Spieler und die Schale.

Wenn Spielerfrauen warten

Im Neuen Schloss gibt es eine große Treppe hinauf zum Marmorsaal, wo normalerweise Staatsgäste empfangen werden. Nun hat sich dort das Aktuelle Sportstudio eingerichtet. Auf der Treppe sitzen die Spielerfrauen und warten auf ihre Männer. Sie haben schöne Kleider an und posieren wie für ein Gruppenbild. Die Fotografen sind aber ganz woanders.

Kurz vor Mitternacht kommt der Torhüter Timo Hildebrand durch die Hintertür ins Schloss, er hat eine Abkürzung durch den Park genommen. Der ehemalige VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, den viele nicht in bester Erinnerung haben, stellt sich ihm in den Weg. Auch er hat einen starken Drang nach Berührung. Draußen steigt der Rest der Mannschaft aus den Autos und auf die große Bühne.

Die Fantastischen Vier spielen. Sie kommen eigentlich aus Stuttgart, aber drei von ihnen sind vor vielen Jahren weggezogen, dorthin, wo es aufregender sein soll. An diesem Abend allerdings haben sie sich ziemlich aufgedrängt, um hier aufzutreten. Man kann sich wieder sehen lassen in Stuttgart.

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(SZ vom 21.5.2007)