Grenzenloser Jubel in Stuttgart: Der erste Titelgewinn des VfB nach 15 Jahren versetzte mehr als 100.000 Fans in Begeisterung und machte die Stadt zu einer Partymeile.

Alles erinnerte an die Feiern zur Fußball-Weltmeisterschaft vor einem Jahr - Doch in Stuttgart war die Stimmung in der Nacht noch besser: Die Stadt war einzige Partymeile mit mindestens 100.000 Fans. Über die genaue Anzahl der Fußball-Anhänger gibt es unterschiedliche Angaben. Einige Agenturen sprechen von rund einer viertel Millionen Feierwütigen in ganz Stuttgart.

Torhüter Hildebrand küsst Meisterschale, dpa

Der Stuttgarter Torhüter Timo Hildebrand küsst die Meisterschale. (© Foto: dpa)

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Die siegstrunkenen Stuttgarter toppten beim vierstündigen Autokorso nach dem Gewinn seiner fünften Meisterschaft sogar die WM-Begeisterung in der Landeshauptstadt. Während sich die Menschen am Straßenrand vor Trainer Armin Veh, Teamanager Horst Heldt und der jüngsten Mannschaft der Bundesliga verneigten, staunte ganz Fußball-Deutschland über den Schwabenstreich.

Nach einer furiosen Saison brauchten die VfB-Profis auf ihrer Gratulationstour noch einmal einen langen Atem. Auf dem Weg in die Innenstadt blieben sie in ihren Mercedes-Cabrios immer wieder stecken und stürmten erst um 23.35 Uhr auf die Bühne am Schlossplatz.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther H. Oettinger (CDU) sagte, ganz das ganze Bundesland gratuliert zu diesem Titel. Das Land sei stolz auf den Verein. Oettinger hatte schon Mitte der Woche einen für diesen Abend geplanten und seit langem ausverkauften Klavierabend, den er selbst im südbadischen Lörrach geben wollte, abgesagt.

"Nach einer erfolgreichen Saison sind die Meisterträume Realität geworden", freute sich auch Oberbürgermeister Wolfgang Schuster. Dazu gratuliere er der Mannschaft, dem ganzen Trainer-Team und allen Manager des Vereins von Herzen. "Der Meistertitel des VfB ist die Krönung für Stuttgart als Europäische Sporthauptstadt 2007", sagte Schuster.

Zusammen mit der HipHop-Band "Fantastische Vier" sangen und feierten die Spieler das Fußball-Bundesligisten schließlich auf einer großen Bühne. Dabei sangen Timo Hildebrand und Roberto Hilbert völlig entfesselt und heiser die letzte Zugabe "Troy".Für den Nationaltorwart Hildebrand, der den Verein voraussichtlich gen FC Valencia verlässt, war es der perfekte Abschied vor heimischem Publikum.

"Mit der Schale fahren wir nach Berlin" und "Schade, Schalke, alles ist vorbei", stimmte Mittelfeldspieler Antonio da Silva nicht ohne Schadenfreude in Richtung des Konkurrenten Schalke 04 an. In einem italienischen Nobel-Restaurant feierte der VfB dann im kleinen Kreis weiter. Keiner wollte in dieser unvergesslichen Nacht Kräfte fürs DFB-Pokalfinale am kommenden Samstag in Berlin gegen den 1. FC Nürnberg sparen.

"Es gab keine größeren Zwischenfälle", sagte ein Polizeisprecher am Sontag. Schon kurz nach dem Schlusspfiff lagen sich die Fans in den Armen, tausende Fäuste wurden in die Luft gestreckt und hunderte Fahnen geschwenkt.

Ex-Weltmeister Guido Buchwald, der 1992 zuletzt mit dem VfB den Titel gewann, hatte die "Salatschüssel" im Stadion an Meira übergeben. Die erste Champagnerflasche köpfte Torjäger Mario Gomez.

"Das ist ein sehr, sehr gutes Gefühl. Wir haben die ganze Saison über konstant und leidenschaftlich Fußball gespielt", kommentierte Trainer Armin Veh den größten Triumph seiner Karriere.

"Der VfB hat in dieser Saison Moral gezeigt und immer wieder Rückstände gedreht. Deswegen ist er ein verdienter Meister", sagte Bundestrainer Joachim Löw als einer von 56 000 Zuschauern beim 2:1 (1:1)-Sieg gegen Energie Cottbus im Daimlerstadion.

Auch vom FC Bayern München, den der VfB um zehn Punkte hinter sich gelassen hatte, kamen Glückwünsche für den fünften Titel nach 1950, 1952, 1984 und 1992. "Sie haben eine ganz andere Philosophie, aber: "Chapeau, Stuttgart!", erklärte Manager Uli Hoeneß.

"Wir haben ein klasse Team. Das war heute Herzinfarktgefahr", meinte Präsident Erwin Staudt nach der Zitterpartie. Bei der Führung der Lausitzer durch Sergiu Radu (19. Minute) und dem frühen 2:0 der Schalker gegen Bielefeld hatte sich beim VfB und seinem Anhang schon Entsetzen breitgemacht.

Anstelle von Nationaltorwart Hildebrand wird nächste Saison der Nürnberger Raphael Schäfer beim VfB zwischen den Pfosten stehen. Nach der Ehrenrunde im Stadion griff der 28-Jährige zum Mikrofon und verabschiedete sich von den Fans, die ihn noch einmal feierten. "Ich liebe euch und werde euch nie vergessen. Ich werde die Fans, diese Mannschaft und diesen Verein, dem ich alles in meiner Karriere zu verdanken habe, nie vergessen", sagte Hildebrand und erklärte später: "Wenn ich traurig gewesen wäre, hätte ich geweint, aber ich freue mich nur. Die ganze Saison war ein emotionaler Höhepunkt."

Stuttgarter dürfen einen "Meisterstern" auf dem VfB-Trikot tragen

Nach diesem Meistertitel dürfen die Stuttgarter nun ab der kommenden Saison einen Meisterstern auf den Trikots sticken. Die Schwaben, die in der Bundesliga vor 2007 schon 1992 und 1984 die Meisterschale in Empfang nahmen, sind die sechste Mannschaft, der diese Ehre zuteil wird.

Bayern München darf für mehr als zehn Meisterschaften seit der Bundesliga-Gründung 1963 als einziger Klub drei Sterne über dem Vereinswappen tragen, zwei Sterne zieren das Trikot von Borussia Mönchengladbach (fünf Titel).

Werder Bremen (4 Bundesliga-Meisterschaften), Borussia Dortmund (3) und der Hamburger SV (3) dürfen jeweils einen Stern tragen. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hatte 2004 beschlossen, frühere Erfolge auf den Trikots kenntlich zu machen.

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(sueddeutsche.de/dpa/sid/AP)