Von Elmar Brümmer

Deutschland kann sich den Luxus zweier Formel-1-Events kaum noch leisten. Die Stecken sind für die öffentliche Hand ein reines Verlustgeschäft.

In einem Land, in dem WM-Partys zum Programm geworden sind, wäre es so einfach, einen fröhlichen Großen Preis von Deutschland zu feiern: Den unverzichtbaren Auto-Korso übernehmen 22 Profis, die restlichen 100000 Menschen müssen nur Fahnen schwenken und Getränke konsumieren.

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Lediglich mit der grundsätzlichen Perspektive hat das Public viewing am Wochenende ein Problem: Das Fest geht in der Formel 1 zwar weiter, nur wie lange noch? Ein Auto-Magazin stellt fest: Party ja, Perspektive nein.

Alles, was getan oder gelassen wird, versteht die Formel 1 als Versprechen für die Zukunft. Wenn die Visionen auszugehen drohen, hilft manchmal nur der Rückblick auf die Vergangenheit.

Mit simpler Addition wird der Große Preis von Deutschland am Wochenende zum Jubiläums-Rennen stilisiert. Die Summe der 250 Jahre, die der Veranstalter gern feiern möchte, wird so gebildet: Erster Grand Prix der Automobilgeschichte vor 100 Jahren plus erster Großer Preis von Deutschland vor 80 Jahren plus Bau des Hockenheimer Motodroms vor 40 Jahren plus 30. Großer Preis im Badischen.

Das richtige Jubiläum im kommenden Jahr, wenn der Hockenheimring 75 Jahre alt wird, müsste man streng genommen wieder abziehen: Denn 2007 wird auf der Piste aller Voraussicht nach kein Formel-1-Rennen ausgetragen.

Im 16. Jahr des Schumacher-Booms beginnt die Rationalisierung (dabei hat der Ferrari-Pilot noch gar nicht über seine eigene Zukunft entschieden): Aus zwei mach' eins.

Deutschland soll der Luxus gestrichen werden, mit den Veranstaltungen auf dem Nürburgring und dem Hockenheimring zwei Rennen im Kalender zu haben. Die beiden nur 250 Kilometer auseinander liegenden Austragungsorte sollen sich von 2007 an abwechseln, beginnend in der Eifel.

Ecclestone will expandieren

Das Sonderrecht zweier Rennen wird sonst nur noch Italien und in Zukunft vielleicht noch Japan zugestanden, wobei in Italien auch Imola ein Wackelkandidat ist.

Bernie Ecclestone braucht Platz für seine Expansionsstrategie in neue Märkte wie Südkorea, Singapur, Mexiko oder Indien. Im Kernmarkt Deutschland hat der Brite zwar stets gut verdient, aber offenbar auf Kosten der Veranstalter.

Die haben voller Begeisterung Verträge unterzeichnet, für deren steile Progression sie nun bezahlen. Am Ende müssen dafür direkt oder indirekt - der Nürburgring ist zu 90 Prozent im Besitz von Rheinland-Pfalz - die Steuerzahler geradestehen.

Vollbremsung eingeleitet

Hockenheim ist zu einem besonderen und bedrohlichen Sanierungsfall geworden. Die Landesregierung von Baden-Württemberg, die zur Jahrtausendwende noch förmlich darum bettelte, Bernie Ecclestone für 66 Millionen Euro eine schicke Rennarena bauen zu dürfen, hat die Vollbremsung eingeleitet.

Die Optik wird auch an diesem Wochenende wieder stimmen, das Haus dürfte angesichts der neuen Spannung im Titelrennen fast voll werden. Doch selbst mit sechsstelligen Zuschauerzahlen ist das Streichprogramm nicht zu verhindern.

Den Ausrichtern bleiben nur die Ticketeinnahmen zur Refinanzierung, Werbe- und Vermarktungseinnahmen gehen komplett an Ecclestones Formula One Management (FOM) und werden zum Teil wieder an die Teams ausgeschüttet.

Die Erhöhung der Eintrittspreise ist endlich und kann kaum die Summe für die Anmietung des Fahrerfeldes einspielen, das bei geschätzten 16 Millionen Euro liegen soll.

Millionengrab Hockenheimer

Und schon gar nicht die jährliche Steigerung von zehn Prozent, die angeblich in den Verträgen steht, die in Hockenheim bis 2008 und auf dem Nürburgring bis 2009 laufen. Insider kalkulieren den jährlichen Verlust mit drei Millionen Euro.

Die Formel 1 kann immer noch die Preise diktieren, und Politiker in aller Welt reißen sich um die Rennen - aus Prestigedenken und in der Hoffnung auf die in die Regionen gebrachten Umsätze.

In Hockenheim war schon die Bauphase von Ärger mit dem eigenen Management und den Baufirmen geprägt. Alsbald konnten der Badische Motorsportclub als Gesellschafter und in diesem Frühjahr schließlich auch die Hockenheimring GmbH selbst ihren Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen.

Der Stadt Hockenheim blieb nichts anderes übrig, als die Schulden auf sich zu nehmen und durch offenbar von der Landesbank vermittelte Kredite zu tilgen.

Relativierte Verluste

17 Millionen Euro waren das bei der aktuellen Konsolidierung, insgesamt belaufen sich die Schulden des Rings auf 35 Millionen Euro. Die Hockenheimer verhandeln trotzig weiter mit Ecclestone, das Rotationsprinzip soll erstmal Luft verschaffen.

Die Vorgaben sind von den Länder-Finanzministern schon gemacht. Grundsätzlich sei man sich allerseits bereits einig, dass die Rennen alternieren.

SPD-Oberbürgermeister Dieter Gummer über sein schweres Erbe: "Wir hätten die Formel 1 gern weiter in unserer Stadt, aber sie muss finanzierbar sein." Das Spiel auf Zeit, die Hoffnung auf Gnade - eine trügerische Vision.

"Wenn man die Verluste nur noch alle zwei Jahre hat, relativieren sie sich", sagte Nürburgring-Geschäftsführer Walter Kafitz der Deutschen Presseagentur über die - rein rechnerisch merkwürdig anmutende - Grundlage für das Wechselspiel. Zum Sterben zu viel; um richtig zu leben, zu wenig.

Während in Hockenheim, wo die Piste an ein Wohngebiet grenzt und strengen Restriktionen unterworfen ist, eine Investitionsruine droht, lässt Kafitz jetzt erst recht die Bagger auffahren: Für 200 Millionen Euro soll eine neue Erlebniswelt Nürburgring entstehen, um dauerhaft für Partys zu sorgen - und nicht nur alle paar Jahre.

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(SZ vom 27.07.2006)