Von Jürgen Schmieder

Arthur Abraham boxte am Samstag acht Runden lang mit gebrochenem Kiefer - er gewann und geht damit in die Geschichte ein. Aber ist es das wert? Es hätte auch anders ausgehen können.

Der Duden verzeichnet 130.000 deutsche Wörter. Doch manchmal reichen auch die nicht aus, um das zu beschreiben, was so passiert auf der Welt. Der Berliner Boxer Arthur Abraham etwa erlitt in der vierten Runde des Weltmeisterschaftskampfes im Mittelgewicht gegen Edison Miranda einen doppelten Kieferbruch. Sein Gesicht verzog sich zu einem fratzenhaften Gebilde, an seiner linken Wange entstand eine tennisballgroße Knolle, aus seinem Mund floss unentwegt Blut.

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Abraham jedoch boxte weiter. Acht Runden lang. Und gewann. Eine unglaubliche Leistung. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob dieser Kampf überhaupt hätte zu Ende gebracht werden dürfen. Abraham war eindeutig verletzt.

Ein anderes Wort als "verletzt" gibt es im Deutschen nicht. Die englische Sprache unterscheidet zwischen "hurt" und "injured". "Hurt" bedeutet, dass ein Sportler angeschlagen ist und Schmerzen verspürt, er aber seinen Sport ausüben kann. "Injured" dagegen meint ganz klar: Keine Chance.

Was war Abraham am Samstag? "Hurt" oder "injured"? Der Sportler selbst hielt sich nur für angeschlagen. Er wollte unbedingt weiterboxen, weil er sonst seinen Titel verloren hätte. Auch in seiner Ecke war kein Handtuch zu sehen, das zum Wurf bereit lag.

Ringrichter Randy Neumann diskutierte minutenlang mit Supervisor und Ringarzt, wie es weitergehen sollte. Abbruch? Disqualifikation? Technischer K.O.? Es gab keine Einigung, also fragte Neumann einfach Abraham. Der signalisierte, dass er weitermachen kann.

Viele Zuschauer sahen das anders. Da stand einer im Ring, der da nicht mehr stehen durfte. Dessen Gesicht völlig derangiert war, der seinen Mund nicht mehr schließen konnte. Der in ein Krankenhaus gehörte.

Eine weitere Frage muss lauten: Wer entscheidet, ob ein Sportler weitermachen kann oder nicht? Kein Sportler gibt gerne auf, auch Trainer und Betreuer sind oft zu ehrgeizig und nehmen eine Verletzung des Schützlings in Kauf. Schließlich geht es um den Sieg, um Ruhm und nicht zuletzt um viel Geld.

Verletzte Sportler, die sich durchbeißen und weitermachen: Sie werden gefeiert und verehrt.

Der Fußballtorhüter Bernhard Trautmann etwa, der sich im Finale des F.A.-Cups 1956 im Londoner Wembley Stadion zwischen Manchester City und Birmingham City einen Halswirbel brach und dennoch bis zum Ende des Spiel durchhielt. Obwohl er Deutscher ist, wird er in England als Volksheld gefeiert.

Oder der Springreiter Hans Günter Winkler, der bei den Olympischen Spielen 1956 im ersten Durchgang einen Riss im Bauchmuskel und einen Leistenbruch zuzog. Er ritt weiter, gewann Gold, sein Pferd trägt seitdem den Beinamen "Wunder".

Oder die amerikanische Turnerin Kerri Strug, die bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta trotz eines gebrochenen Knöchels zum Sprung antrat und ihrer Mannschaft so die Goldmedaille sicherte. Ihre Geschichte wurde bereits verfilmt.

Arthur Abrahams Leistung wird ebenfalls in die Annalen des Boxens eingehen - man wird wohl bald von der "Schlacht von Wetzlar" sprechen.

Abraham bekam noch in der Nacht zwei Titanplatten implantiert. Er muss drei Monate komplett pausieren und wird sechs Monate nicht boxen dürfen - eine gute Nachricht.

Denn es hätte weit schlimmer kommen können: Noch ein schwerer Treffer ins Gesicht - Abraham hätte wohl für den Rest seines Lebens durch eine Schnabeltasse ernährt werden müssen. Und das alles nur für einen Eintrag in die Geschichtsbücher.

Diskutieren Sie mit: Wann muss ein Sportereignis abgebrochen werden? Soll jeder Sportler für sich entscheiden? Muss der Trainer eingreifen? Oder muss es einen Supervisor geben?

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(sueddeutsche.de)