Arthur Abraham boxte am Samstag acht Runden lang mit gebrochenem Kiefer - er gewann und geht damit in die Geschichte ein. Aber ist es das wert? Es hätte auch anders ausgehen können.
Der Duden verzeichnet 130.000 deutsche Wörter. Doch manchmal reichen auch die nicht aus, um das zu beschreiben, was so passiert auf der Welt. Der Berliner Boxer Arthur Abraham etwa erlitt in der vierten Runde des Weltmeisterschaftskampfes im Mittelgewicht gegen Edison Miranda einen doppelten Kieferbruch. Sein Gesicht verzog sich zu einem fratzenhaften Gebilde, an seiner linken Wange entstand eine tennisballgroße Knolle, aus seinem Mund floss unentwegt Blut.
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Abraham jedoch boxte weiter. Acht Runden lang. Und gewann. Eine unglaubliche Leistung. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob dieser Kampf überhaupt hätte zu Ende gebracht werden dürfen. Abraham war eindeutig verletzt.
Ein anderes Wort als "verletzt" gibt es im Deutschen nicht. Die englische Sprache unterscheidet zwischen "hurt" und "injured". "Hurt" bedeutet, dass ein Sportler angeschlagen ist und Schmerzen verspürt, er aber seinen Sport ausüben kann. "Injured" dagegen meint ganz klar: Keine Chance.
Was war Abraham am Samstag? "Hurt" oder "injured"? Der Sportler selbst hielt sich nur für angeschlagen. Er wollte unbedingt weiterboxen, weil er sonst seinen Titel verloren hätte. Auch in seiner Ecke war kein Handtuch zu sehen, das zum Wurf bereit lag.
Ringrichter Randy Neumann diskutierte minutenlang mit Supervisor und Ringarzt, wie es weitergehen sollte. Abbruch? Disqualifikation? Technischer K.O.? Es gab keine Einigung, also fragte Neumann einfach Abraham. Der signalisierte, dass er weitermachen kann.
Viele Zuschauer sahen das anders. Da stand einer im Ring, der da nicht mehr stehen durfte. Dessen Gesicht völlig derangiert war, der seinen Mund nicht mehr schließen konnte. Der in ein Krankenhaus gehörte.
Eine weitere Frage muss lauten: Wer entscheidet, ob ein Sportler weitermachen kann oder nicht? Kein Sportler gibt gerne auf, auch Trainer und Betreuer sind oft zu ehrgeizig und nehmen eine Verletzung des Schützlings in Kauf. Schließlich geht es um den Sieg, um Ruhm und nicht zuletzt um viel Geld.
Verletzte Sportler, die sich durchbeißen und weitermachen: Sie werden gefeiert und verehrt.
Der Fußballtorhüter Bernhard Trautmann etwa, der sich im Finale des F.A.-Cups 1956 im Londoner Wembley Stadion zwischen Manchester City und Birmingham City einen Halswirbel brach und dennoch bis zum Ende des Spiel durchhielt. Obwohl er Deutscher ist, wird er in England als Volksheld gefeiert.
Oder der Springreiter Hans Günter Winkler, der bei den Olympischen Spielen 1956 im ersten Durchgang einen Riss im Bauchmuskel und einen Leistenbruch zuzog. Er ritt weiter, gewann Gold, sein Pferd trägt seitdem den Beinamen "Wunder".
Oder die amerikanische Turnerin Kerri Strug, die bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta trotz eines gebrochenen Knöchels zum Sprung antrat und ihrer Mannschaft so die Goldmedaille sicherte. Ihre Geschichte wurde bereits verfilmt.
Arthur Abrahams Leistung wird ebenfalls in die Annalen des Boxens eingehen - man wird wohl bald von der "Schlacht von Wetzlar" sprechen.
Abraham bekam noch in der Nacht zwei Titanplatten implantiert. Er muss drei Monate komplett pausieren und wird sechs Monate nicht boxen dürfen - eine gute Nachricht.
Denn es hätte weit schlimmer kommen können: Noch ein schwerer Treffer ins Gesicht - Abraham hätte wohl für den Rest seines Lebens durch eine Schnabeltasse ernährt werden müssen. Und das alles nur für einen Eintrag in die Geschichtsbücher.
Diskutieren Sie mit: Wann muss ein Sportereignis abgebrochen werden? Soll jeder Sportler für sich entscheiden? Muss der Trainer eingreifen? Oder muss es einen Supervisor geben?
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
(sueddeutsche.de)
Berliner Zeitung
Gefahren bei Knochenbrüchen:
1)Die Gefahr besteht darin, daß durch den Unfall selbst, aber auch durch unnötige Bewegungen im nachhinein, Nerven und Blutgefäße verletzt werden können. Durch die Schmerzen und die oft unterschätzte Blutung kann sich schnell ein Schock entwickeln, und dies bedeutet Lebensgefahr.
2)Ziel der Knochenbruchbehandlung ist es, dafür zu sorgen, dass der Bruch möglichst RASCH in einer funktionsgerechten Stellung zusammenwächst...
3)Des Weiteren können Thrombosen und Embolien auftreten. Bei offenen Brüchen ist darüber hinaus das Risiko einer Wund- und Knocheninfektion erhöht. Eine weitere Komplikationsmöglichkeit ist das Kompartmentsyndrom, bei dem es durch Drucksteigerung in den von Bindegwebshüllen (Faszien) ummantelten Muskellogen zu Durchblutungstörungen der betroffenen Muskulatur und Schädigung der Nerven mit der Folge von Funktionsbeeinträchtigung und Lähmungen kommen kann.[...]
Zieht man all dies in Betracht, kann man nur feststellen: Der Boxer selbst darf nicht entscheiden, ob er mit Fraktur weiterboxt. Er hat keinen blassen Schimmer, welches Risiko er geht; zudem ist seine Vernunft im Endorphinrausch getrübt.
Betreuer, Supervisor und Ringarzt haben sich hier schuldig gemacht. Ob man Boxen mag oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Sowas darf nicht passieren. Und dass die ARD "draufgehalten" und kein zweifelndes Wort, sondern nur tumbe Elogen abgesondert hat, widerspricht dem öffentlich-rechtlichen Auftrag und ist ein sportjournalistisches Fiasko.
Das ist unterlassene Hilfeleistung und grobe Verletzung der Aufsichtspflicht eines Schiedsrichters und höchst unsportliches Benehmen. So etwas hat mit seriösen Sport nichts mehr zu tun. Boxen ist wohl inzwischen dem Fussball näher, als dem Kampfsport.
Soll heissen: Geld ist wichtiger als Sport.
Was Abraham mit seiner Gesundheit macht,ist in der Tat sein persönliches Ding!
Wir sollten aber nicht vergessen,dass Sportler auch Vorbildcharakter haben - übrigens nicht nur für Kinder und Jugendliche.
Was für den Armenier in summa eine clevere Entscheidung gewesen sein mag, wird in die Hirn-Annalen eingehen als echter Kerl,den kleine Blessuren nicht umhauen.
Auf den Alltag heruntergebrochen,ist das eine Bestätigung für alle diejenigen,die meinen, Ärzte seien was für Weicheier und Frauen.Krankheiten gibts nicht und Unfälle adeln ihren Verursacher.
Kein Wunder also,wenn Männer Vorbeuge-Muffel sind und erst in die Behandlung kommen,wenn Krankheiten und Beeinträchtigungen schon weit fortgeschritten sind.Das kostet viel Geld und Aufwand!
Der Vorbild-Effekt wäre übrigens wieder in meinem ganzheitlichen Sinne,würde man Abrahams Reha mit Suppe schlürfen,jammern und täglicher Maulsperre genauso öffentlich machen.
An die Moralapostel: Laßt den Menschen ihre Selbstbestimmung. Solange sie nur sich selbst gefährden (von mir aus verstümmeln), laßt sie - es macht sie wahrscheinlich zufriedener. Solange wir uns das Spektakel ansehen sind wir "schuldiger" als die Schausteller.
Nun, wenn man schon Herrn Sdunek zur Bekräftigumg seines Standpunktes heranziehen möcht, dann sollte man dessen Meinung kennen. Zitat Sdunek, hier auf sueddeutsche.de:
«Das ist eine Verletzung, wie sie immer mal wieder passieren kann. Deshalb muss man keine Lawine lostreten»
Darüber könnte man ja mal sachlich ein paar Fragen stellen:
Abraham schien zu jeder Zeit Herr seiner Sinne und fähig die Situation umreißen zu können. Was hätte also schlimmes passieren können, was nicht ohne die Verletzung auch hätte geschehen können?
Ist die Verletzung durch den Fortgang des Kampfes tatsächlich bedeutend schlimmer georden und hätte tatsächlich, wie im Artikel prostuliert, weit schlimmeres geschehen können? (bitte von FACHLeuten beantworten lassen)
Und, hier mal Hand aufs Herz, man stelle sich selber vor an der Schwelle zur Weltmeisterkrone - und nebenbei an der Schwelle zu sehr, sehr viel Reichtum - zu stehen. Wie weit ist da jeder, sei es in seinem eigenen Metier bereit zugehen? Also mir einmal den Kiefer brechen lassen, dafür nie wieder erwerbsabhängig sein....?
usw....
Natürlich kann man den Sinn des Boxens, vor allem als Sport, infrage stellen. Doch das tut man überall auf der Welt immer und immer wieder - und das Profiboxen hat es immer und immer wieder überlebt und wird es auch weiterhin tun. Das mag einem schmecken oder nicht.
Und wem es eben nicht schmeckt, oder wer sich gar vom Sport im Fernsehen terrorisiert fühlt - da lässt sich helfen:
Abschalten! Geht ganz einfach und schont die Nerven ;)
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