Razzia in der DFB-Zentrale 20 Schiedsrichter unter Verdacht

Die Staatsanwaltschaft verdächtigt 20 Schiedsrichter der Steuerhinterziehung. Sie sollen Einnahmen und Ausgaben bei Spieltagen nicht ordnungsgemäß versteuert haben. Losgetreten hat die Ermittungen der Prozess von Michael Kempter gegen Manfred Amerell.

Von Claudio Catuogno und Thomas Kistner

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise haben sie am Montagvormittag eilig eine Stellungnahme des Generalsekretärs Wolfgang Niersbach verschickt, um die Öffentlichkeit zu beruhigen: "Es gibt keinerlei Vorwürfe gegen den DFB", so wurde Niersbach in einer knappen Presseerklärung zitiert, und weiter: "Wir werden die Steuerbeamten bei den Ermittlungen selbstverständlich mit all unseren Möglichkeiten unterstützen."

Fünf Ermittler waren am Montagmorgen in der Geschäftsstelle des weltgrößten Sportfachverbandes eingerückt und hatten begonnen, Unterlagen zu beschlagnahmen. Und selbst wenn der DFB in dem Ermittlungsverfahren nur als Zeuge, als sogenannter "unbeteiligter Dritter" geführt wird, trifft die Polizeiaktion ihn doch wieder einmal an einer der sensibelsten Stellen des Fußballbetriebs: bei den Schiedsrichtern.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung werden rund 20 Personen im Zusammenhang mit ihrer Schiedsrichter-Tätigkeit der Steuerhinterziehung verdächtigt, vor allem Unparteiische und Assistenten, unter ihnen einige prominente Namen aus dem Bundesligabetrieb. "Die korrekte Versteuerung seiner Einnahmen obliegt jedem Schiedsrichter selbst", stellte der DFB eilig klar. Allerdings spricht die enge Verzahnung von Steuerfahndungen und Staatsanwaltschaften des ganzen Landes dafür, dass die Ermittler hier gerade jenen sachlichen Zusammenhang vermuten, den der DFB in Abrede stellt.

Denn zeitgleich wurden am Montag nach SZ-Informationen auch die Wohnungen und Büros mehrerer Schiedsrichter durchsucht, die meisten im Raum Süddeutschland. So bestätigte Barbara Stockinger, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft München, der SZ Razzien im Zusammenhang mit drei Ermittlungsverfahren, die in der bayerischen Landeshauptstadt anhängig sind.

Worum geht es konkret? Die Unparteiischen stehen unter Verdacht, über Jahre Einnahmen aus Freundschaftsspielen oder internationalen Einsätzen nicht ordnungsgemäß versteuert zu haben. Auch bei angeblichen Ausgaben soll die Kreativität einzelner Betroffener womöglich in den strafrechtlich relevanten Bereich hinein lappen: Fahrten zu Einsätzen sollen doppelt abgerechnet worden sein, bei DFB und Finanzamt; auch von Verköstigungsabrechnungen ist die Rede, abgesetzt als Bewirtungskosten.

Während im Amateurfußball viele Tausend Freiwillige Wochenende für Wochenende für Kleinstbeträge pfeifen, kommen im Spitzenbereich schnell hohe Beträge zusammen: Pro Bundesliga-Einsatz kommen die Unparteiischen auf insgesamt 4315 Euro, wer auch in der Champions League eingesetzt wird, kommt inklusive Bonuszahlungen und Tagespauschalen auf fast 5000 Euro pro Spiel. Viel Geld lockt auch bei Privatspielen und Turnieren im Ausland. Wegen ihrer Vorbildfunktion, aber auch wegen möglicher Erpressbarkeit und dem großen Einfluss, den sie auf das Spiel ausüben, stellt der DFB an seine Schiedsrichter hohe moralische Anforderungen.

Im Raum stehen deshalb nun vorläufige Sperren der Betroffenen - jedenfalls empfiehlt der DFB-Schiedsrichter-Ausschuss so ein Vorgehen für den Fall, dass gegen einen Schiedsrichter Ermittlungen im Zusammenhang mit Wettbetrug aktenkundig werden. Das "Aussprechen von Schutzsperren" habe immer dann zu erfolgen, heißt es dazu in einem Gesprächsprotokoll von Januar 2010, "wenn durch die Staatsanwaltschaft ein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wird". Nun sieht sich der DFB gleich mit einem ganzen Stapel Ermittlungsverfahren konfrontiert, die Frage ist daher, ob dem Profibetrieb wegen der Steuer-Affäre ein Teil seiner profiliertesten Spielleiter auf einen Schlag abhanden kommen.

Außerdem dürfte in der Verbandszentrale für Unruhe sorgen, dass auch dieser neue Vorgang in den gerichtlichen Auseinandersetzungen gründet, die der ehemalige DFB-Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell mit dem jungen Unparteiischen Michael Kempter führt, welcher Amerell sexuelle Belästigung vorwirft.