Von Raphael Honigstein

Ruud van Nistelrooy von Manchester United ist einer der besten Stürmer der Welt, aber gegen den cholerischen Manager Ferguson steht er auf verlorenem Posten.

Kurz nach zehn am Donnerstagmorgen war die Verwirrung perfekt. Ruud van Nistelrooy war in Manchester brav zum Training erschienen, dabei hatten ihn spanische Radiostationen und AS schon als Neuverpflichtung bei Real Madrid angekündigt. Auf 15 Millionen Euro hätten sich die "Königlichen" mit Manchester geeignet, hieß es. Merkwürdig, am Abend zuvor hatte Alex Ferguson genau diese Summe als unzureichend abgelehnt, nur um "two bob" hätten die Spanier ihr erstes Gebot von 14 Millionen erhöht, grantelte der Schotte. "Two bob" ist Umgangssprache für  zwei Schilling - vor der Umstellung auf das Dezimalsystem im Jahre 1971 entsprach das 33 Pfennig.

Strafraumkünstler als Schnäppchen im Schlussverkauf

Wer bekommt van Nistelrooy? (© Foto: dpa)

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"Wir kennen seinen wahren Wert", sagte Sir Alex, auch Bayerns 17-Millionen-Euro-Offerte sei "weit weg" davon. 22 Millionen Euro hätten die Red Devils gern, zumindest jedoch 20. Am Donnerstag schaltete sich auch noch Tottenham in den Poker ein. Die Londoner sind gerade dabei, Mittelfeldspieler Michael Carrick für etwa 23Millionen Euro an United zu verkaufen. Ein Tausch mit dem Holländer ist jedoch unwahrscheinlich.

Der Ausgang dieser Saga ist weiter offen. Allein wie es dazu kam, dass ein Superstürmer wie van Nistelrooy zum (relativen) Schnäppchen im Sommerschlussverkauf wurde, gilt als gesichert. Der 30-Jährige hat sich gründlich mit Ferguson überworfen. Alles begann im Februar an der Anfield Road in Liverpool: Manchester United liegt kurz vor Schluss mit 0:1 in Rückstand. Ein letzter Steilpass findet van Nistelrooy nicht, er setzt nicht nach, er dreht ab. An der Linie geht Ferguson vor Wut in die Luft. 85 Jahre hat United im Pokal nicht gegen Liverpool verloren. Jetzt ist man ausgeschieden. Sir Alex verzeiht mangelnden Einsatz nicht. Die kleine, an sich unbedeutende Szene von Van Nistelrooy bleibt ihm in Gedächtnis. Das erzählt er später einem befreundeten Journalisten.

Ferguson ist Choleriker. Es gibt selten ein Zurück. Acht Tage später muss Uniteds erfolgreichster Torschütze im Ligapokalfinale gegen Wigan zusehen. Trotz des 4:0 seiner Mannschaft kommt dem Holländer kein Lächeln auf die Lippen, auch nicht auf dem Siegerpodest. In den nächsten vier Spielen wird der Mann aus dem Brabant drei Mal spät eingewechselt. Van Nistelrooy macht noch zwei Tore, dann kommt es vor dem letzten Saisonspiel gegen Charlton zum Eklat. Van Nistelrooy steht nicht im Kader. Drei Stunden vor dem Anpfiff reist er unerlaubt ab und fliegt nach Hause. "Unter der Woche sind ein paar Dinge vorgefallen, die den Teamgeist betreffen, deswegen war Ruud heute nicht dabei", erklärt Alex Ferguson.

Bald kommt heraus, dass van Nistelrooy im Training mit Cristiano Ronaldo aneinander geraten war. Die Effekthascherei des portugiesischen Flügelstürmers ist dem Torjäger schon lange ein Dorn im Auge; er hat sich oft beschwert, dass der 21-Jährige gerne den letzten Grashalm umdribbelt, anstatt früh und scharf nach innen zu flanken. Die beiden stritten sich auf dem Vereinsgelände, der Holländer rief Cristiano Ronaldo "Geh doch zu deinem Papa" hinterher. Damit meinte er Assistenztrainer Carlos Queiroz, der seinen Landsmann protegiert. Doch der Junge verstand van Nistelrooy falsch. Sein Vater ist erst kürzlich in Portugal verstorben, er glaubte, der Holländer beleidige den Toten. "RvN" muss gehen. 150 Tore in 219 Spielen lautet seine unglaubliche Bilanz in fünf Jahren im Old Trafford.

Ganz Europa müsste sich im Grunde um seine Dienste streiten, nicht nur Real, Bayern und Spurs. Dass sich die Nachfrage in Grenzen hält, hat nicht nur mit den Konsequenzen des Serie-A-Skandals zu tun. Auch eventuelle Bedenken, die seine Teamfähigkeit betreffen, spielen nicht die Hauptrolle. Die Frage, die sich viele Vereine stellen, ist vielmehr, ob der 30-Jährige seine besten Tage noch vor sich hat. 2004/05 fiel Nistelrooy lange aus, nach seiner Achillessehnenverletzung schien er ein wenig Antrittsschnelligkeit verloren zu haben; 2005/06 war er trotz 19 Treffern kein Stammspieler.

Der Eindruck täuscht jedoch. Van Nistelrooy ist nicht schlechter geworden, er litt von allen United-Spielern nur am stärksten unter der stetig abnehmenden Qualität des Kaders. Im Fußball-Lexikon müsste unter "Strafraumspieler" ein Bild von ihm stehen, denn von den 150 Toren für ManU hat er tatsächlich nur ein einziges außerhalb des Sechzehners erzielt. Er lebt von den Flanken, für Konter ist er nicht zu gebrauchen. Seine Mannschaft muss dominant spielen und das Mittelfeld kontrollieren; genau dies gelang der nicht ausreichend verstärkten United-Truppe Jahr für Jahr weniger gut. Van Nistelrooy zahlte als letztes Glied in der Kette nur den Preis. Dafür ist er jetzt ein echtes Sonderangebot. Mal sehen, wer es mit ihm zuerst an die Kasse schafft.

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(SZ vom 28.7.2006)