In ihrer Biografie hat sich Franziska van Almsick so einiges von der Seele geschrieben.
Berlin - Und dann war das Fernsehen dran, setzte Franziska van Almsick, 26, in einen Sessel aus Leder und richtete die Kamera auf sie, sowie das mit blauer Folie abgemilderte Licht.
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Nicht viel Zeit, mit ihr zu reden, wie bei den Star-Interviews der Berlinale stehen die Reporter Schlange vor der Tür, und sie hatte sich auch noch im Stau verspätet.
Was wird die Zukunft bringen, hetzt sie der TV-Mann, Kinder? Hochzeit? Er schlägt den Ton an, den man hat, wenn man nach dem Urlaub fragt: "Die Magersucht - wie war das für sie?" Es ist erstaunlich, wie wenig überrumpelt Franziska van Almsick wirkt. "Nicht so schön", antwortet die immer noch junge Frau van Almsick.
Andererseits: Was soll sie noch überraschen? Sie hat von ihrem 14. Lebensjahr bis gerade eben Schwimmsport betrieben, ist dem Traum vom olympischen Gold letztlich vergebens nachgejagt, hat böse Überschriften hinnehmen müssen und ist auf Euphoriewellen geschwommen.
Sie hat, zusammengefasst, genug erlebt, um zu meinen, ein Buch darüber vorlegen zu können: Aufgetaucht heißt es (Gustav Kiepenheuer Verlag). Es soll "keine Biografie" sein, wird aber doch so wahrgenommen.
"Jetzt beichtet sie alles", titelte die BZ - alles über "Alkohol, Disco" und die einstigen Ess-Störungen. Zum Thema Alkohol schreibt Franziska van Almsick in ihrem Buch, dass sie in ihrem Leben "dreimal fast betrunken" war; zum Thema Discos, dass sie in Berlin "vielleicht drei"kenne.
Die Wahrnehmung ihres Buches sei ihr "nicht egal", sagt sie, nervös sei sie nicht. Einen Zweck scheint das schließlich eigenhändige Schreiben (der Ghostwriter hatte den gewünschten Ton nicht getroffen) schon erfüllt zu haben: "Ich habe mir ein bisschen was von der Seele geschrieben."
Ein Wissenschaftler hat im 19. Jahrhundert mal behauptet, die Seele wiege 21 Gramm, und vielleicht ist sie bei van Almsicks wirklich leichter; sogar dem Rummel, der mit ihrem Debütwerk verbunden ist, kann sie etwas abgewinnen: "Vielleicht ist es gut, dass ich nicht die Ruhe habe, nachzudenken, wie groß der Schritt eigentlich ist, den ich getan habe."
Der Schritt: Einen neuen Alltag zu suchen, "das ist nicht immer angenehm". Einerseits freue sie sich, aufgehört zu haben, ist "neugierig und voller Pläne" - eine Schwimmakademie will sie aufbauen und fairen Handel von Drittweltprodukten unterstützen.
"Andererseits ist es eine ganz neue Erfahrung, keinen Trainingsplan mehr zu haben. Ich habe mich von meiner Schwimmfamilie mehr oder weniger getrennt. Ich habe keinen Trainer, keine Schwimmgruppe mehr..."
Aber die Erinnerungen an Athen, die sie mit ihrem Lebensgefährten, dem Handballer Stefan Kretzschmar, welken lässt. Allmählich: "Er hat Silber, ich zweimal Bronze. Wir brauchen uns nicht zu verstecken."
Von einer Abschiedsgala in Berlin im Januar ist die Rede. Sie sagt: "Ich habe meine sportliche Karriere beendet, mein letzter wichtiger Wettkampf war in Athen."
Sollte der SC Neukölln, ihr Verein, fragen, ob sie für eine Mannschaftsmeisterschaft zur Verfügung stehe, würde sie es sich überlegen.
"Aber nur irgendwo 'reinspringen und winken, das mache ich nicht." Zumal sie Katja Seizinger bewundere und Steffi Graf; dafür, dass die "so rigoros" aufgehört haben, mit dem Skifahren, mit dem Tennis.
"Ich hänge ja auch noch am Sport und merke ab und zu, wie mir der Gedanke kommt: ,Naja, vielleicht doch noch?' Aber ich hasse es selbst viel zu sehr, wenn Leute gehen und 10.000 Mal ein Comeback feiern."
Zuletzt schien es, als hätte der Schwimmverband DSV mehr an Athen zu knabbern als sie. Hannah Stockbauer und Thomas Rupprath hatten öffentlich Kritik an den Verantwortlichen geübt - und waren dafür abgemahnt worden.
Die Aussprache ist noch frisch. "Es war sehr mutig von Hannah und Ruppi, und ich kann sie sehr gut verstehen", sagt Franziska van Almsick. "Aber der Zeitpunkt war nicht optimal, und über die Presse sollte man das nicht machen."
Auch sie "könnte Sachen sagen, aber ich habe mir vorgenommen, das nicht öffentlich zu tun". Jetzt, da sie nicht mehr aktiv sei, fühle sie sich bereit und befähigt, die vergangenen Jahre mit dem Schwimmverband aufzuarbeiten.
Sie hat das Gefühl, der Verband sei "sehr interessiert", die bereits laufenden Diskussionen "werden deshalb auch weitergehen". Ein größeres Interesse an Strukturen dürfe man daraus aber nicht ableiten: "Der Sport soll Teil meines Lebens bleiben. Aber mich in den Verband stürzen? Nee."
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(SZ vom 2. Oktober 2004)