Usada gegen Lance Armstrong "Das professionellste Dopingsystem, das der Sport je gesehen hat"

Die US-Anti-Doping-Agentur Usada legt ihre Ermittlungsakten im Fall Lance Armstrong offen. Das Ergebnis ist für den Radsport ein Desaster: Beweise und 26 Zeugen zeichnen das Bild einer ausgeklügelten Dopingverschwörung. Nun könnten Gerichtsverfahren unter Eid folgen.

Von Andreas Burkert und Thomas Kistner

Ungeduldig wurde Lance Armstrong zuletzt, vor der avisierten Überstellung der Urteilsschrift zu seiner lebenslangen Sperre durch die US-Anti-Doping-Agentur (Usada) an den Radweltverband (UCI) hatte er die Ankläger zur vollständigen Offenlegung ihrer Akten aufgefordert. Der einstige Rekordsieger der Tour de France ließ über seine Anwälte einmal mehr verbreiten, die Dopingfahnder hätten ihre Beweise "einseitig verfälscht" und lieferten "eine ungeprüfte Version der Ereignisse".

Abgesehen davon, dass Armstrong sich ja weigerte, in einem Prozess vor einem unabhängigen Sportschiedsgericht seine Version darzulegen, kommt die Usada nun seinem Begehr nach. Ob dem 41-Jährigen das recht ist, muss bezweifelt werden. Schon der erste Extrakt der mehr als 1000 Aktenseiten, welche die Usada am Mittwoch an die UCI verschickte und komprimiert online stellte, darf als Beleg für einen gigantischen Schwindel gedeutet werden: Elf frühere Kollegen in Armstrongs Team gaben Doping zu, insgesamt bestätigen 26 Personen, darunter 15 Fahrer, das Usada-Urteil einer jahrelangen Doping-Verschwörung.

Kurz nach dem Posteingang bei der UCI, die nun wohl auch formal die Aberkennung von Armstrongs sieben Tour-Erfolgen bestätigen dürfte, veröffentlichte Usada-Chef Travis Tygart eine erste Inhaltsangabe zu den Ermittlungsergebnissen. Bei den elf früheren Teamkollegen, die Doping gestanden und Details zum Betrugssystem des einstigen Kapitäns offenbarten, handelt es sich zumeist um schon benannte Personen: Frankie Andreu, Michael Barry, Tom Danielson, der zuletzt offensiv an die Öffentlichkeit getretene Kronzeuge Tyler Hamilton, Armstrongs einstiger Freund George Hincapie (der sich am Mittwochabend öffentlich für Doping entschuldigte), Floyd Landis (der Auslöser der ursprünglichen Ermittlungen), Levi Leipheimer, Stephen Swart, Christian Vandevelde, Jonathan Vaughters und David Zabriskie.

Der Kanadier Barry fährt im Sky-Team des aktuellen Toursiegers Bradley Wiggins, kündigte aber jüngst seinen Rücktritt zum Saisonende an. Noch aktiv sind zudem Leipheimer (QuickStep), Vandevelde, Danielson, Zabriskie sowie deren Garmin-Teamchef Vaughters. Diese Profis sind vorerst gesperrt, vermutlich für sechs Monate.

Neben den Geständnissen, betonte Tygart, zählen zu den übersandten Unterlagen auch "direkte Beweise über Dokumente wie Banküberweisungen, E-Mails, wissenschaftliche Daten und Testresultate, die den Gebrauch, den Besitz und die Verteilung leistungssteigernder Dopingmittel durch Lance Armstrong und somit die enttäuschende Wahrheit der betrügerischen Aktivitäten des US-Postal-Teams - eines Teams, das Millionen amerikanischer Steuergelder erhielt - belegen".

Tygart resümiert, es handele sich bei Armstrongs Betrug um das "ausgeklügeltste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm, das der Sport jemals gesehen hat". Auch Vorwürfe, die über den Dopingtatbestand hinaus strafrechtliche Relevanz haben, finden sich: "Die Dopingverschwörung war professionell entworfen, um die Athleten unter Druck zu setzen, gefährliche Dopingmittel zu nutzen."

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