Von Von Michael Gernandt

In der Balco-Affäre hat der Staat dem Antidoping-Kampf auf die Sprünge geholfen - eine Skandalbilanz.

München - Die um das Wort des Jahres (Hartz IV) bemühte Gesellschaft für deutsche Sprache hätte 2004 wohl keine Mühe, einen solchen Begriff für den Sport zu finden.

Die amerikanische Damensprintstaffel von 2001: Chryste Gaines, Inger Miller, Marion Jones und Kelli White. Drei von vier stehen unter Doping-Verdacht. (© Foto: AP)

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Denn an dem Begriff Balco, Kürzel für das kalifornische Unternehmen Bay Area Laboratory Co-Operative, führt kein Weg vorbei. Balco, das weiß man seit der Razzia der Spezialagenten von FBI und Finanzbehörden in Büros und Abfalleimern der Firma im September 2003, steht für den größten Doping-skandal des Sports seit dem Urknall 1988 (Fall Johnson), für den Betrug mit der nur durch Zufall enttarnten Designerdroge THG, dem erst seit diesem Sommer nachweisbaren Wachstumshormon HGH und dem künstlichen Sauerstofflieferanten Epo.

Bis jetzt wurden zwölf prominente amerikanische und ein britischer Leichtathlet, Sprint-Europameister Dwain Chambers, mit Strafen bis zu acht Jahren belegt, zwei weitere, die Sprinter Chryste Gaines und Tim Montgomery, erwartet ein Verfahren vor dem internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne.

"Marion ist eine verzweifelte Frau"

Die fünffache Medaillengewinnerin von Sydney 2000, Marion Jones, von Balco-Chef Victor Conte im Fernsehen unter anderem durch detailgenaue Schilderung ihres Drogenkonsums schwer belastet, aber bisher nicht angeklagt, muss im schlimmsten Fall mit einer Verurteilung wegen Meineids bei ihrer Aussage vor der Grand Jury rechnen.

Gegen Conte ("Marion ist eine verzweifelte Frau") reichten Jones' Anwälte eine Verleumdungsklage ein (Streitwert: 25 Mio. Dollar), zudem wollen sie, dass Conte sich einem Test am Lügendetektor unterzieht.

An den Überprüfungen der Beschuldigungen Contes beteiligt sich neuerdings auch eine IOC-Kommission. Fachleute sehen im Gegenangriff der Jones-Seite lediglich eine Public Relation-Taktik.

Neue Anstrengungen erhofft

Der Ausgang dieser juristischen Schlammschlacht zweier Parteien, die laut Conte ehedem zusammenarbeiteten, ist wohl abhängig vom Gerichtsurteil, das im Frühjahr ergeht, wenn die Drahtzieher, Victor Conte, Balco-Vize James Valente sowie die beiden Trainer Remi Korchemny und Greg Anderson, sich wegen illegaler Weitergabe verbotener Drogen und Geldwäsche verantworten müssen.

Schließlich: Zwei Ikonen des US-Sports, die Baseballmillionäre Jason Giambi und Barry Bonds, gestanden unter Eid, Balco-Drogen verwendet zu haben. Bonds behauptet, nicht gewusst zu haben, dass er illegale Mittel zu sich nahm.

Dergestalt präsentiert sich die vorläufige Skandalbilanz 2004. Es mag irritieren, aber es ist eine gute Bilanz. Die Balco-Affäre könnte sich als hilfreich für die künftigen Antidoping-Bemühungen erweisen.

Vermutete auch Dick Pound, der kanadische Chef der Weltantidopingagentur Wada: "Ich hoffe, dass durch die Balco-Geschichte jetzt allseits Aufmerksamkeit für das Dopingproblem zustande kommt und neue Anstrengungen unternommen werden, den Sport wegzubringen von den Drogen. Vor allem in den USA."

Ausgerechnet dieses wegen seiner laschen Dopingabwehr viel gescholtene Land indes, das Probleme wie Drogenkonsum und Waffenbesitz meist unreflektiert zu behandeln pflegt, geht im Balco-Fall mit bemerkenswerter Stringenz vor.

So verbannte die unabhängige nationale Antidopingagentur Usada nach einer Empfehlung der Amerikanischen Schiedsgerichts-Vereinigung (AAA) die Hallenweltmeisterin über 200 m, Michelle Collins, als erste Sportlerin überhaupt allein mit Hilfe nicht-analytischer Beweise für acht Jahre aus den Stadien: Ein außergewöhnliches Strafmaß für Ersttäter, dem ein verräterischer E-Mail-Wechsel mit Victor Conte zugrunde liegt.

Mit Indizienbeweisen, nicht mit einer positiven Urin- und Blutprobe, war zuvor schon die Zweifach-Weltmeisterin 2003, Kelli White, konfrontiert worden, die Verurteilung zu zwei Jahren basierte letztlich auf dem Geständnis der US-Athletin.

Obwohl die Vorgehensweise von Usada vom Doping-Code der Wada gedeckt wird, stellen sie die Verteidiger des eben-falls nur über Indizien belangten 100-m-Weltrekordlers Montgomery in Frage.

Letzte Woche versuchten sie in Montreal CAS-Richtern näher zu bringen, worum es ihnen geht: keine Strafe ohne Positivtest. Die AAA hatte im Fall Collins keine Bedenken. Hat sie auch der CAS nicht, kann von einer Errungenschaft im Kampf gegen Doping gesprochen werden.

Wada-Chef Dick Pound spricht von einer neuen Ära, die initiiert zu haben aber vorrangig staatlichen Behörden und nicht den Sportorganisationen zu verdanken ist.

"Es gibt noch Athleten mit Moral"

Unbescholtene US-Leichtathleten sehen eine Chance, mit Hilfe des Falles Balco die Dopingwende in den USA einzuleiten. Die Olympiamedaillen-Gewinner Dwight Phillips ("Unsere Botschaft an Kinder und Fans: Es gibt noch Athleten mit Moral"), Adam Nelson ("Ich will nicht in einen Topf mit denen, die in Skandale verwickelt sind") und Bryan Clay riefen ihre Landsleute auf, sich endlich mit dem Problem zu befassen.

"Und die Regierungsspitze muss damit beginnen", forderte der Athener ZehnkampfZweite Clay, "Doping muss ein Teil sein von Bushs Krieg gegen Drogen."

Tatsächlich hat der Präsident am 8. Dezember noch einmal, wie vor seiner Wahl, "energische Schritte gegen Drogen" angemahnt. Seine Forderung erging an Führung und Spielergewerkschaft der Baseball-Profiliga MLB, die sich, aufgeschreckt von den Geständnissen Bonds' und Giambis, fünf Tage später zu einer Diskussion um Verschärfungen ihrer läppischen, erst 2004 eingeführten Dopingstrafen trafen.

Baseball ist der Schlüssel

Beim Baseball, der Nummer eins bei den US-Sportfans, liegt der Schlüssel für eine bessere Zukunft. In Sachen Antidoping gilt die MLB als ignorant. 85 Prozent der Profis, schätzt man, nehmen unbehelligt Drogen.

Die Balco-Kunden Bonds und Giambi können nicht mal bestraft werden, weil ihre Verfehlungen 2003 stattfanden. Änderte die MLB ihre Politik, hätte das Signalwirkung für den gesamten US-Spitzensport. Gary Wadler von der Wada: "Die Profiligen müssten das olympische Modell von Wada und Usada übernehmen."

Die Aussicht auf Besserung indes ist eher gering. Es fehlt der öffentliche Druck. "Ich bezweifle, dass die Fans besorgt sind wegen der Dopingpraxis", sagt der Autor des Buchs The Steroids Game, Charles Yesalis. Er registrierte 2004, im Jahr der Gerüchte um Barry Bonds und Co., einen Zuschauerrekord für Baseball.

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(SZ vom 22.12.2004)