Urs Meier im SZ-Gespräch "Das Ziel ist der Mann"

Neymar liegt erneut auf dem Rasen, wieder gefoult.

(Foto: REUTERS)

Der ehemalige Schiedsrichter Urs Meier beklagt, dass die Referees bei der WM fast alles durchgehen lassen. In der SZ spricht er über die Umstände, die zur Attacke auf Neymar führten - und fordert die Einführung von Profischiedsrichtern.

Von Claudio Catuogno, Rio de Janeiro

Es war im Jahr 2005, als aus dem Fußballschiedsrichter Urs Meier auch der Fernsehschiedsrichter Urs Meier wurde. Während der Weltmeisterschaft 2006 analysierte er für das ZDF zusammen mit Jürgen Klopp die Spiele, er tat das auch bei allen Turnieren danach, nur nicht mehr mit Jürgen Klopp. Meier konnte sich schon immer gut aufregen, was okay ist, als Fernsehexperte gehört es zur Jobbeschreibung, sich auch mal emotionaler über einen Sachverhalt zu äußern.

So sauer wie bei dieser WM war der Schweizer aber selten im Fernsehen. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Montagsausgabe), sagt er: "Die Attacke gegen Neymar und damit auch die Verletzung sind jetzt die Folge von dem, was die Schiedsrichter in den 57 Spielen vorher haben durchgehen lassen."

Der ehemalige Fifa-Schiedsrichter ist insgesamt mit der Linie der Schiedsrichter bei dem Turnier nicht zufrieden. "Der Ball ist oft gar nicht mehr das Ziel, wenn Spieler in Zweikämpfe gehen. Das Ziel ist der Mann", sagt Meier. "Es kann immer mal sein, dass du eine Zehntelsekunde zu spät kommst. Aber es muss die Absicht erkennbar sein, den Ball zu spielen." Das sei aber bei der WM oft nicht der Fall.

"Die WM verkommt zu einem Treter-Festival"

Die Fußballwelt bedauert das WM-Aus des Brasilianers Neymar und gibt die Schuld dem Schiedsrichter. Zu viele harte Fouls werden nicht geahndet - ein genereller Trend, der bei diesem Turnier zu vielen Verletzten führt. Ex-Referee Urs Meier macht die Fifa mitverantwortlich. mehr ...

Vor allem gebe es sehr viele sogenannte taktische Fouls, also Fouls, bei denen aussichtsreiche Angriffe des Gegners in der Entstehung unfair unterbunden werden. In der Bundesliga und in der Champions League gibt es für solche Fouls normalerweise Gelb. "In der Vergangenheit war es ein absoluter Konsens, dass das Gelb gibt. Das war klar! Bei der WM werden solche Fouls zwar gepfiffen, der Freistoß-Schaum wird versprüht - aber es hat keine Folgen", sagt Meier. Das sei "eine Einladung an die Trainer, es als taktisches Mittel einzusetzen." Bei der WM habe man das Gefühl "es ist alles erlaubt, es ist alles egal".

Meier vermutet außerdem, dass einige Schiedsrichter von der Mentalität einiger Nationen überrascht waren. Dass beispielsweise der Spanier Velasco, der das Foul von Zúñiga an Neymar nicht ahndete, nicht mit der körperlichen Spielweise der Südamerikaner rechnete. Deswegen fordert Meier erneut: "Wir brauchen bei einer WM Profi-Schiedsrichter. Und Profi-Schiedsrichter heißt unter anderem, dass diese Leute - Europäer, Asiaten, Afrikaner - zum Beispiel in Südamerika immer mal wieder Spiele leiten." Selbst innerhalb Europas gebe es diese Unterschiede zwischen den Ligen. Skandinavier müssten beispielsweise auch in südeuropäischen Ligen pfeifen.

Auch gegen den Videobeweis sei er nicht mehr grundsätzlich. Allerdings ergebe das viele Verfahrensfragen und man könne Fehler nur reparieren. "Man muss aber auch dafür sorgen, dass insgesamt besser gepfiffen wird." Klarer spricht er sich gegen den Verbandsproporz bei der WM aus, nachdem die Schiedsrichter ausgewählt werden. "Bei einer WM erwarte ich, dass man die 25 Besten dabei hat", sagt der Schweizer.

Möglicherweise, vermutet Meier, habe die Fifa die Schiedsrichter bewusst zu einer toleranteren Linie animiert. "Wahrscheinlich hat die Fifa sich blenden lassen. Auf der ganzen Welt hieß es ja: Das ist toller intensiver Fußball bei der WM. Da sind Emotionen drin, die Spiele sind richtige Kämpfe. Aber auf Kosten von wem?" Vor allem Brasilien würde diese Linie ausnutzen. Bereits im Achtelfinale seien viele Fouls vom Gastgeber begangen worden. Eine Erklärung für diese mögliche Vorgabe der Fifa hat Meier jedoch nicht. Vielleicht, so seine Vermutung, dachte man, die Schiedsrichter "sollen sich lieber im Hintergrund halten. Sonst werden bloß wieder irgendwelche Stars gesperrt, und das gibt dann wieder Debatten."

Das komplette Interview lesen Sie in der Montagsausgabe der Süddeutschen Zeitung und auf dem iPad.