Uli Hoeneß im Interview "Dann kommt der Wasserfall"

Im Vorfeld des Finales in Madrid: FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß über den modernen Jugendstil des Champions-League-Finalisten und die komplizierte Annäherung an Lehrmeister Louis van Gaal.

Interview: Klaus Hoeltzenbein und Ludger Schulze

SZ: Herr Hoeneß, warum hat man das Gefühl, dass fast das ganze Land im Champions-League-Finale dem FC Bayern die Daumen drückt? Warum polarisiert der FC Bayern am Ende dieser Fußballsaison in Deutschland nicht mehr?

Hoeneß: Wir polarisieren nach wie vor. Das ist jetzt nur etwas abgemildert durch den Fußball, den unsere Mannschaft zeigt. Jetzt sagen ja sogar unsere größten Kritiker: Mögen tu' ich sie nicht besonders, aber kicken tun sie gut!

SZ: Wie erleben Sie diese plötzliche Welle der Sympathie?

Hoeneß: Ein Schalke-Fan wird nie Bayern-München-Fan, aber er sagt jetzt: Sieht ganz gut aus! Oder die Reaktion der Bremer Zuschauer beim Pokalfinale: Die Bremer Fans sind stehengeblieben bei der Feier; normalerweise geht der Gegner, wenn der FC Bayern geehrt wird. Darin erkenne ich schon Respekt.

SZ: Der Offensivfußball ist der gemeinsame Nenner, hinter dem sich alle versammeln können?

Hoeneß: Ich glaube, dass es mehr ist. Schauen Sie in die Gesellschaft, da gibt es ja gerade wenig, woran die Leute Spaß haben können. Es gibt die Sorge um den Arbeitsplatz, um den Euro, um die gesamte politische Situation in unserem Land, in Europa. Wie geht das alles weiter? Da sind so viele Fragezeichen. Jetzt kommt ein Fußballverein daher, und wenn die kicken, kann ich mich freuen.

SZ: Das ist schon alles?

Hoeneß: Ich glaube, es hängt auch damit zusammen, dass viele den FC Bayern als eine Bastion sehen: für seriöses Wirtschaften, für Erfolgsstreben, für den Spaß, aber auch für die Darstellung von Visionen. In einer Zeit, in der die Firmen nicht mehr so viel Geld verdienen, die Banken Probleme verursachen, die Politik in Berlin, Paris und London, um ehrlich zu sein, wahrscheinlich nicht mehr weiter weiß, kommt so ein Verein daher, der wie ein Schiff geradeaus fährt. Das verkörpert, was die Leute gerne hätten.

SZ: Durch freche Pässe, schöne Tore?

Hoeneß: Zum Beispiel im Pokalfinale; dass unser Trainer Louis van Gaal trotz einer 3:0-Führung nicht sofort zwei, drei Leute auswechselt, obwohl er eine Woche später das Champions-League-Finale spielen muss. Nein, er lässt Mark van Bommel drin, obwohl der rotgefährdet war. Er holt Arjen Robben nicht raus. Sie kombinieren einfach weiter. Sie wollen weiter sich und ihr Publikum begeistern.

SZ: Dann ist es mit dem FC Bayern ein bisschen wie im alten Rom: Brot und Spiele als gesellschaftliche Ablenkung?

Hoeneß: Ja, das ist auch ein bisschen wie Zirkus ...

SZ: ... wie Staatszirkus.

Hoeneß: Aber das ist nur eine Erklärung, das ist nicht unser Ziel. Wir wollen doch jetzt nicht die Heilsbringer der Nation sein, es wirkt nur so.

SZ: Vor vier Jahren, zur WM 2006, hatten Sie gesagt, es sei Ihr Ziel, dass der FC Bayern eine Art FC Deutschland werde.

Hoeneß: Das war nur ein Wunsch. Darauf haben wir nicht hingearbeitet, und es hat auch nicht geklappt. Und jetzt, wo wir es gar nicht so im Programm hatten, ist es durch die Hintertür passiert. Es ist aber kein Zufall, dass der Herr Seehofer sagt, für uns als CSU ist es wichtig, dass der FC Bayern oben steht, denn das ist auch gut für die CSU. Die CSU steht fürs Land, der FC Bayern steht fürs Land.

SZ: Was hat Sie persönlich am meisten begeistert an der Saison?

Hoeneß: Dass wir jetzt einen Trainer haben, der jungen Leuten eine Chance gibt. Er kann Spieler starkreden. Er ist sehr streng, aber er hat aus diesen jungen Burschen, nehmen Sie das Beispiel Thomas Müller, Männer gemacht, die an sich glauben. Das war jahrelang ein Problem. Die jungen Spieler haben gesagt: Ich würde ja gerne zum FC Bayern kommen, aber da habe ich doch keine Chance. Jetzt wird vieles relativiert: dass es ein Podolski bei uns nicht geschafft hat, dass es viele nicht geschafft haben, lag weniger am FC Bayern, sondern an den Spielern selbst. Man kann es hier schaffen, das beweisen Badstuber, Müller, die jetzt mit zur WM nach Südafrika fahren.

SZ: Der FC Deutschland ist also durch einen Niederländer realisiert worden.

Hoeneß: Ja. Absolut. Das ist sehr eng mit Louis van Gaal verbunden. Nach der Trennung von Jürgen Klinsmann habe ich gesagt: Wir suchen einen Fußballlehrer - den haben wir jetzt. Jürgen hat anfangs gesagt: Ich will jeden Spieler jeden Tag besser machen - das ist total misslungen. Van Gaal hat's nicht gesagt, aber er macht's. Er hat die Spieler en gros verbessert. Damit hat er das Kapital des FC Bayern erheblich vermehrt. Das ist der Unterschied. Jürgen hat die Infrastruktur geschaffen durch dieses neue Gebäude an der Säbener Straße, dafür brauche ich aber keinen Trainer, dafür kann ich einen Architekten nehmen. Jetzt haben wir den Trainer, der aus dieser Infrastruktur das rausholt, was man aus ihr rausholen kann.

SZ: Für die Innovationen sind Sie Jürgen Klinsmann immer noch dankbar?

Hoeneß: Für die Infrastruktur. Aber was daraus gemacht wurde, das hat auch der neue Trainer geschafft. Unter Jürgen Klinsmann war eine Missstimmung in der medizinischen Abteilung, jeder gegen jeden. Das war ein Chaos, und van Gaal hat das jetzt alles strukturiert. Ich höre nie von einem Problem. Wir können uns um das wahre Geschäft kümmern.

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