Bislang war es keine allzu große Kunst, die Aufstellung der Nationalelf richtig vorherzusagen. Das taktische System war immer das etablierte 4-2-3-1-Modell, und Fragen nach dem Personal ergaben sich allenfalls bei der Besetzung des zweiten Außenverteidigerpostens neben Philipp Lahm und des zweiten Innenverteidigers. Das hat sich etwas geändert. In der Defensive gibt es immer noch keine Stammbesetzung, und wenn alle fit sind, können im Mittelfeld und im Angriff wohl nur Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil und Thomas Müller Stammplätze für sich reklamieren; daneben balgen sich Sami Khedira, der gegen die Ukraine überzeugende Toni Kroos, Andre Schürrle, Mario Götze, Lukas Podolski, Miroslav Klose und Mario Gomez um drei Positionen.

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Wahrscheinlich war auch das Wissen um diese vielen guten Offensivkräfte ein Grund für Löws Dreierketten-Test - denn mit einem Abwehrmann weniger lässt sich je nach konkretem Spielsystem ein zusätzlicher Startelfplatz für ein Mitglied der Kreativabteilung schaffen.

Für Löw ist es nur logisch, diesen experimentellen Weg einzuschlagen. Das 4-2-3-1 bleibe zwar das Hauptsystem, aber "eine gute Mannschaft muss Varianten kennen", sagt er. Die Dreierkette müsse sie beispielsweise beherrschen, wenn sie in einem Turnier in Rückstand gerät und hinten aufmachen muss, wie das im Fußball-Deutsch so schön heißt. Zudem glaubt der Bundestrainer, dass die deutsche Mannschaft bei der EM öfter selbst das Spiel machen muss als es noch bei der Weltmeisterschaft in Südafrika der Fall war. Und dass sie ihren dort gezeigten Überfall-Spielstil modifizieren und erweitern muss. Schließlich vermittelt Löw mit taktischen Varianten vielen Spielern die Hoffnung, auch mal dabei sein zu dürfen.

Mit mehr taktischer Flexibilität löst sich der Bundestrainer zudem vom Vorbild Spanien. Eine Zeitlang war der deutsche Fußball wie gefesselt von dessen Prinzipien. Es schien, als legten es der Bundestrainer und sein Stab darauf an, dass ihre Mannschaft am Ende wie eine Kopie des Welt- und Europameisters spielt. Mit derselben Geschwindigkeit, mit demselben System, mit derselben Perfektion - um dann beim nächsten Aufeinandertreffen endlich, endlich zu gewinnen.

Doch schon kürzlich entschärfte Löw die Zuspitzung auf das Duell Deutschland versus Spanien, indem er auch noch ein paar Nationen zum EM-Favoriten ernannte. Nun probiert er etwas, was in Spanien schwer vorstellbar erscheint; dort käme niemand auf die Idee, am 4-3-3 zu rütteln, zu tief sitzt das in den antrainierten Genen.

Der Weg, den Löw einschlägt, hat aber auch seine riskanten Seiten. Denn zum einen könnten sich manche Spieler schon fragen, warum sie denn überhaupt etwas Neues testen sollen, wenn das Bewährte doch so gut klappt.  Zum anderen bleibt dem Bundestrainer nicht mehr viel Zeit, um seine diversen taktischen und personellen Vorstellungen auszuprobieren. Bis zum Beginn der EM im Juni 2012 gibt es nur noch vier Testspiele: am Dienstag gegen die Niederlande, Ende Februar gegen Frankreich sowie im Rahmen des letzten Trainingslagers Ende Mai zwei Partien gegen noch nicht feststehende Gegner.

Eine Dreierkette, so viel deutete Löw schon an,  wird es gegen die Niederländer eher nicht geben. Doch wenn Miroslav Klose bis zum Dienstag wieder fit ist, sollte sich niemand über ein deutsches System mit zwei echten Stürmern wundern.

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  1. Unberechenbar, vorne wie hinten
  2. Sie lesen jetzt Noch vier Testspiele bis zur EM
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(sueddeutsche.de/hum)