Von Jörg Marwedel

Den Hamburger SV erwartet im Achtelfinale gegen Galatasaray Istanbul ein feuriges Uefa-Cup-Spiel - auf Sportchef Dietmar Beiersdorfer wartet Familien-Zwist.

Die familiäre Situation von Dietmar Beiersdorfer, dem Sportchef des Hamburger SV, ist in diesen Tagen keine einfache. Zwar ist seine türkische Ehefrau Olcay längst "zum HSV konvertiert", wie er es ausdrückt. Doch Schwiegervater Ocun, der ein Restaurant in der Nähe vom Millerntor-Stadion des Lokalrivalen FC St. Pauli besitzt und ihre beiden Brüder Ergün und Cevahir sind nicht nur Fans von Galatasaray Istanbul, sondern in Hamburg auch noch Anhänger der St. Paulianer.

Dietmar Beiersdorfer

Dietmar Beiersdorfer: Immerhin die Frau ist zum HSV konvertiert. (© Foto: dpa)

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Leichter ist es da schon für Hamburgs Ersten Bürgermeister Ole von Beust, der vor dem Achtelfinal-Hinspiel im Uefa-Cup zwischen dem Hamburger SV und Galatasaray Istanbul (Donnerstag, 18 Uhr/live in der ARD) ein auch ins Türkische übersetztes Grußwort aufsetzte, in dem er "allen Fans von Galatasaray und HSV ein deutsch-türkisches Fußballfest der Extraklasse" wünscht.

Knapp 15.000 Türken werden dabei sein in der Arena, obwohl es offiziell nur 5000 Karten für Galatasaray-Fans gab. Auf dem Schwarzmarkt wurden Preise bis zu 440 Euro verlangt. Wann können die 60.000 in Hamburg ansässigen Türken in der quasi zweitgrößten türkischen Stadt außerhalb der Landesgrenzen schon einmal den 17-maligen türkischen Meister sehen?

Das Spiel, sagt HSV- Nationalspieler Piotr Trochowski, habe "Champions-League-Charakter". Dabei findet es zu einem Zeitpunkt statt, in dem die Hamburger mitsamt Trochowski in ein sportliches Loch zu fallen scheinen. 1:3 gegen Wolfsburg, 1:4 in Mönchengladbach waren die letzten Bundesliga-Resultate, die den HSV von Rang eins auf Platz fünf absacken ließen. Zum ersten Mal muss Trainer Martin Jol in dieser Saison mit dem Wort Krise umgehen. Er erwarte eine "Trotzreaktion, das ist immer so bei guten Mannschaften".

Interessant ist dennoch, wie Jol, zweieinhalb Wochen nachdem sein Team bei Bayer Leverkusen 2:1 siegte und zu einem der deutschen Titelfavoriten erklärt wurde, den Druck von seinen Spielern zu nehmen versucht. "Dieses Jahr", sagt er plötzlich, "ist bei uns Entwicklung das Motto." Die Botschaft: Ein Titel für das einzige Bundesliga-Team, das theoretisch noch in drei Wettbewerben siegen kann (Bundesliga, DFB-Pokal, Uefa-Cup), wäre eher ein Überraschungs-Coup. Wie solle es auch anders sein, nachdem Rafael van der Vaart, Vincent Kompany und Nigel de Jong für viel Geld abgegeben wurden und derzeit mit Guy Demel sowie den Langzeitverletzten Bastian Reinhardt und Thimothee Atouba drei wichtige Abwehrspieler fehlen.

Und so hat Jol mit den Profis zu Wochenbeginn nicht nur Videos angeschaut mit den vielen Abwehrfehlern der vergangenen Spiele. Er hat auch während des Trainings immer wieder das Spiel unterbrochen, um die Abwehr zu organisieren. "Aggressiver", brüllte der Coach zuweilen und rieb die Hände aneinander. Es könne ja nicht sein, dass man, wie in Mönchengladbach, nur 40Prozent der Zweikämpfe gewinne.

Während eine Zeitung vom "Schmuse-Kurs" Jols berichtete, sagte Stürmer Mladen Petric: "Es gibt Situationen, in denen man auch mal auf den Tisch hauen muss. Das ist jetzt passiert." Petric selber hatte einigen Kollegen zuletzt fehlende Siegermentalität vorgeworfen, was ihm intern gewiss keine neuen Freunde gebracht hat. Womöglich aber ist es genau das, was die Mannschaft derzeit braucht: Einen Profi, der die Mitspieler an ihrer Ehre kitzelt. Natürlich gibt es Gründe für den zeitweiligen Abfall des Teams. Martin Jol etwa zählte auf, dass es wegen Verletzungen und Vereinswechseln schon zehn verschiedene Profis im Defensivbereich spielen mussten. Diesmal muss der geleaste und noch nicht überzeugende Abwehrspieler Michael Gravgaard trotz Problemen an der Leiste spielen. Aber natürlich gibt es auch interne Kritik an Jols taktischer Ausrichtung. Frank Rost etwa wies öffentlich darauf hin, dass man im vergangenen Jahr nach 23 Bundesliga-Spieltagen erst 17 Gegentore kassiert hatte, nun aber schon 35.

Galatasaray muss diesmal auf etliche Profis verzichten. Etwa auf Stürmer Milan Baros (Gelb-Sperre). Oder auch auf den früheren Stuttgarter Fernando Meira, der diese Woche kurzerhand für sieben Millionen Euro nach St. Petersburg verkauft wurde. Auch deshalb hat der HSV Hoffnung, dass es nicht passiert wie nach der Gruppenphase in Berlin: Da siegte Galatasaray mit 1:0 bei HerthaBSC in der größten türkischen Stadt außerhalb der Landesgrenzen. Danach haben die Türken das Zentrum von Berlin lahmgelegt.

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(SZ vom 12.03.2009/jüsc)