Nicht der Mittelfeldspieler Diego, sondern der Angreifer Claudio Pizarro ist die Symbolfigur dieser interessanten Bremer Saison - und noch immer ist unklar, ob er bleiben darf und will.
Es ist bis heute nicht überliefert, ob es im Stadion des AS Saint-Étienne tatsächlich so laut war wie während des Abspielens der Nationalhymne vor dem spanischen Pokalfinale. Claudio Pizarro zumindest verstand kein Wort. Reporter Tom Bartels wollte nach dem 2:2 im Uefa-Cup-Achtelfinale wissen, ob ihn denn die Vorwürfe belasten würden, die gegen ihn erhoben werden; die Vorwürfe, dass er illegalerweise an einer Spieleragentur beteiligt sei. Pizarro zog einen Mundwinkel nach oben: "Ja wir haben viele Spiele hintereinander." Auf dreifaches Nachhaken reagierte Pizarro zuerst verwirrt: "Die?" Dann gab er sich schwerhörig: "Ich verstehe nicht!" Und schließlich verständnislos: "Was denn? Die?" Als Bartels nicht aufgeben wollte, sagte er lächelnd: "Aaaah, das Ding vom ... Nene, da spreche ich nicht drüber, Tschuldigung."
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Claudio Pizarro nach seinem Tor im Uefa-Cup-Spiel gegen den Hamburger SV. (© Foto: AP)
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Vielleicht hat Pizarro wirklich nichts verstanden, vielleicht wollte er aber auch nichts verstehen - zuzutrauen ist ihm beides. "Er ist ein grundehrlicher Mensch, aber auch ein Schlawiner", urteilt der ehemalige Vereinskamerad Mehmet Scholl, der Pizarro attestierte, er wäre "der beste Stürmer, mit dem ich jemals zusammengespielt habe".
Er ist ein fußballerischer wie menschlicher Widerspruch, dieser Claudio Pizarro. Wenn er nach instinktiv richtig gelaufener Route einen Ball fein mit der Sohle annimmt, dann ist zwischen brillantem Abschluss und schlampigem Abspiel vieles möglich. Er tut sich nicht nur als eiskalter Spielzug-Beender hervor, sondern auch als aktiver Spielzug-Teilnehmer. Er kann eine Begegnung aber auch aufgrund einer Undiszipliniertheit verpassen oder sie aufgrund einer noch größeren Undiszipliniertheit eher verlassen müssen - und er kann durch eine womögliche Beteiligung an Spielertransfers für Unruhe sorgen in einem Verein, der dieses Wort vor der laufenden Spielzeit gar nicht kannte.
Pizarro ist die Symbolfigur dieses in dieser Saison so merkwürdig auftretenden Vereins, der in der Bundesliga auf dem zehnten Tabellenplatz darbt und dessen Präsident zurücktreten musste - und dennoch zwei Titel gewinnen kann. "Unglücklicherweise haben wir in der Champions League und Bundesliga nicht so gut gespielt, aber wir haben das Uefa-Pokal-Finale und das DFB-Pokal-Endspiel erreicht, was großartig ist", sagt der Peruaner.
"Es ist eine schwierige Spielzeit, weil wir immer wieder Ausfälle zu beklagen hatten", sagt Thomas Schaaf - und meint damit nicht nur Verletzungen, sondern auch Sperren und Suspendierungen vor allem auch von Pizarro, der zwar in 43 Pflichtspielen 29 Tore erzielte, aber oftmals in entscheidenden Momenten dieser Saison fehlte. Zu Beginn der Rückrunde etwa, die Bremer hatten gerade durch einen Treffer des Stürmers in Dortmund das Viertelfinale im DFB-Pokal erreicht, waren sowohl Pizarro als auch Diego wegen Tätlichkeiten während des Spiels gegen Karlsruhe gesperrt. Werder Bremen unterlag zuerst Bielefeld und danach Schalke.
Zwei Spieltage später leistete sich der Peruaner einen weiteren Fauxpas, als er einen Flug, einen Interviewtermin und das Abschlusstraining verpasste. Schaaf suspendierte ihn für das Spiel in Cottbus, die Mannschaft unterlag mit 0:1 - und die erhoffte Aufholjagd nach der Winterpause erübrigte sich, weil innerhalb von vier Spieltagen der Rückstand auf den dritten Platz von sieben auf 13 Punkte angewachsen war. "Im Moment ist nichts gut hier", sagte Pizarro damals.
Was folgte, war eine geradezu groteske Konzentration auf die Ausscheidungswettbewerbe. In der Bundesliga unterlag Bremen in Berlin, Köln und zuletzt Karlsruhe, im DFB-Pokal gewann die Mannschaft nach dem Sieg in Dortmund noch zwei weitere Auswärtsbegegnungen in Wolfsburg und Hamburg. Ebenso spielte sich die Mannschaft in das Finale des Uefa-Cups am heutigen Mittwoch in Istanbul gegen Schachtjor Donezk.
Freilich wäre es zu einfach, den Wert eines einzelnen Spielers daran zu bemessen, wie viele Punkte seine Mannschaft mit ihm und wie wenige ohne ihn erreicht hat - bei Pizarro sind das in der Bundesliga 1,5 Punkte pro Spiel mit und 0,8 Punkte ohne ihn. "Für mich ist es nur wichtig, dass der Trainer mir vertraut, und Schaaf hat genau das getan", sagt Pizarro.
Es ist auffällig, wie sehr Thomas Schaaf das Spiel seiner Mannschaft um seine Fixpunkte Pizarro und Diego herumbastelt, es scheint bisweilen, als würde er zu seinen beiden Stars neun sorgfältige Arbeiter aufs Feld schicken, damit es eben elf Spieler sind. Es gibt zwei typische Angriffe im Spiel von Werder Bremen: Entweder inszenieren sie einen Angriff mit einem kurzen Pass auf Diego, der danach kreativ tätig werden soll - oder mit einem langen Ball auf Pizarro, der auf nachrückende Kollegen ablegt.
Ungewisse Zukunft
Der brasilianische Mittelfeldspieler fehlt nicht nur an diesem Mittwoch (Pizarro: "Das ist ein schwerer Schlag, aber Dinge wie diese passieren im Fußball, wir werden bereit sein"), sondern wird den Verein am Ende der Saison verlassen. Das wirft nicht nur die Frage auf, ob Pizarro als einzige prägende Figur ausreicht in diesem Endspiel, sondern macht auch die Zukunftsplanungen des Angreifers interessant. "Das Finale zu gewinnen, wäre für mich und meine Karriere extrem wichtig", sagt Pizarro. Natürlich würde er sich gerne in der Champions League präsentieren, diese Gelegenheit sei für ihn auch ein Grund gewesen, nach Bremen zu wechseln - nun spielt Werder in der kommenden Saison höchstens im Uefa-Cup.
Weder der FC Chelsea, dort steht Pizarro noch unter Vertrag, noch Werder Bremen wollen sich derzeit konkret äußern. "Wir setzen uns nach der Saison mit Claudio zusammen, so ist es mit ihm besprochen", sagt Allofs. Und Pizarro selbst? Es ist gemeinhin sehr leise in Bremen, deshalb sagt Pizarro nicht: "Ich verstehe nicht!" Er sagt einfach gar nichts.
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(sueddeutsche.de/hum)
Dann sollten Sie sich viell. Werders Weg in's Finale nochmal anschauen. Also ich fand Pizzaro da ziemlich überzeugend.
Die Bemerkung von Mehmet Scholl, die im Artikel kolportiert wird, überrascht mich schon sehr; vor allem, weil Scholli ja auch mit Giovane Elber zusammen spielte. Wie oft - vor allem im Europapokal - schlug ich vor dem Fernseher die Hände vors Gesicht, wenn der "Pizza-Express" wieder mal schlampig-schludrig-pommadig eine 100%-Chance versiebt hatte ... Vor allem das Ausschieden in der CL gegen Chelsea sei hier erwähnt, da waren Chancen genug da, die Hinspielniederlage wettzumachen - aber Pizarro (ok, auch andere) war immer einen Schritt zu langsam oder besser einen Gedanken lang zu wenig konzentriert. Ottmar Hitzfeld hätte in seiner ersten Amtszeit schon gut daran getan, ihn auszusortieren. Felix Magath hat's dann endlich geschafft.
Diese Saison in Bremen hatte er wohl einfach Lust, mal wieder was aus seinen zweifellos vorhandenen Talenten zu machen. Schaun' mer mal, wie das in der nächsten wird...
Auf europäischer Ebene hat mich persönlich Claudio Pizarro bisher noch nicht so überzeugt, wie scheinbar Herrn Schmieder. Bei Chelsea ist er darüber hinaus auch grandios gescheitert.