Von Katja Petrowskaja

Bayerns nächster Uefa-Cup-Gegner Zenit St. Petersburg hatte einen sehr berühmten Fan: Der russische Komponist Dmitrij Schostakowitsch fieberte sein Leben lang für den Klub - und träumte wohl davon, einen Fußball-Marsch zu schreiben.

Man stelle sich vor: Uli Hoeneß wird Intendant der Münchner Philharmoniker. Vergleichbares ist geschehen bei Zenit Sankt Petersburg, dem Uefa-Cup-Gegner des FC Bayern an diesem Donnerstag: Vor zwei Jahren wurde Ilja Tscherkassow, Manager von Zenit, Intendant der St. Petersburger Philharmoniker. Die Philharmonie trägt den Namen des Komponisten Dmitrij Schostakowitsch, Tscherkassows Wechsel fand just im Jahr 2006 statt, in dem man Schostakowitschs 100.Geburtstag feierte. Dabei spielte eine Rolle: Zenit war Schostakowitschs Lieblingsmannschaft. Im Russischen ist man nicht "Fan" einer Mannschaft. Man ist, wörtlich übersetzt, "krank" (bolejet) für seine Mannschaft, man "fiebert" für sie. Schostakowitsch fieberte sein Leben lang für Zenit. "Diese Anhängerschaft bringt manchmal mehr Frustration als Freude", schrieb er einem befreundeten Sportjournalisten, als Zenit eine Zeitlang im Mittelfeld der sowjetischen Liga dümpelte.

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Der russische Komponist Dmitrij Schostakowitsch war sein Leben lang ein begeisterter Fan von Zenit St. Petersburg. (© Foto: dpa)

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Zu Lebzeiten Schostakowitschs (1906 - 1975) errang Zenit nur einen einzigen Titel, im August 1944. Zu diesem Pokalfinale fuhr Schostakowitsch nach Moskau und telefonierte kurz vor dem Spiel mit Trainer Konstantin Lemeschew, um ihm Mut zuzusprechen. Der sagte: "Wir werden uns bemühen", und Zenit gewann den "Pokal der UdSSR".

Am Anfang standen Fabrikarbeiter

Der Fußballklub Zenit wurde im Jahr 1925 in der Leningrader "Stalin"-Metall-Fabrik gegründet und bestand am Anfang nur aus Fabrikarbeitern. 1936, in dem Jahr der ersten Fußball-Meisterschaft der UdSSR, wurde der Club umbenannt in "Stalinez" (Anhänger Stalins), von 1940 an nannte er sich Zenit. Fußball war noch keine Vollzeit-Beschäftigung. Die Fußballer arbeiteten in der Fabrik, und einige Spieler haben zusätzlich in der Feldhockey-Mannschaft gespielt.

Schostakowitsch schrieb schon 1929 das Ballett "Das goldene Zeitalter" auf ein politisches Fußball-Libretto. Im Mittelpunkt steht ein Fußballduell zwischen zwei Systemen: dem kapitalistischen und dem sowjetischen. Für den Film "Maxims Jugend" (1935) orchestrierte er ein frivoles Fußball-Chanson, und 1944 komponierte er die Musik zur Revue "Russischer Fluss", in der es eine Fußball-Nummer gibt. Er ging ins Stadion, wann immer er konnte, studierte Sportzeitungen, hörte Fußballreportagen im Radio, machte Bekanntschaften mit Sportjournalisten und Spielern. Mehr noch: Er wollte selbst auf dem Rasen dabei sein und besuchte 1935 die Schiedsrichterschule.

Vom Ende der dreißiger Jahre an konnte er es sich dank seines Erfolgs als Musiker leisten, auch zu Auswärts-Spielen zu fahren. "Schostakowitschs Aufopferung im Stadion war beeindruckend", erinnerte sich ein Fußballspieler. "Er fuhr der Mannschaft hinterher und nicht nur nach Moskau - eine Nacht im Expresszug - , sondern auch nach Kiew und sogar nach Tbilisi. Er wollte uns inspirieren, vielleicht aber auch sich selbst."

Auf der nächsten Seite: Warum das Fußballfeld wurde für Schostakowitsch zu einem utopischen Raum wurde und wie er seine "Wahrheit" dokumentiert.

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