Von Philipp Selldorf

Bernd Schneider und Sergej Barbarez - passen zwei solche Individualisten ins Team von Bayer Leverkusen?

Über seinem Kopf brauste der Verkehr auf der A 3 Richtung Ruhrgebiet, ein nasser, kalter Wind fegte über den Trainingsrasen, doch Bernd Schneider, 34, ließ sich in seinem Eifer nicht irritieren. Acht Exemplare des neuen EM-Balls kickte er in Position, weit, weit weg vom Trainer und den Mitspielern. Sensibel, als wären es Hühnereier, legte er sich die Bälle zum Torschuss zurecht, und als er das in aller Ruhe getan hatte, ging er mit der gleichen Muße daran, die Gegenseite als Hindernisparcours zu formieren: vier gelbe Männer aus Plastik und mit Rädern unter dem Sockel bildeten die Mauer, ein weiteres Objekt markierte den Torwart auf der Linie. Dann legte Schneider los: Einen Ball nach dem anderen beförderte er über die gelbe Wand, schon der dritte landete oben links im Toreck, und nachdem alle Kugeln abgeschossen waren, sammelte er sie ein und begann die Prozedur von vorn. Insgesamt ergab die stille, schöne Szene das Bild der Meditation eines Profifußballers - aber das wäre aus Schneiders Sicht eine grobe Überzeichnung.

Die zwei "alten Herren" bei Bayer: Barbarez (Nr. 36) und Schneider (© Foto: ddp)

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Aus Schneiders Sicht ist das private Freistoßtraining nichts als Arbeit gewesen, eine gewöhnliche Überstunde, denn - man glaubt es ihm kaum - nach elf Wochen verletzungsbedingten Entzugs vermisst der Nationalspieler von Bayer Leverkusen "das Feinfeeling". Sogar als "grobmotorisch" bezeichnet er seine Annäherung an den Ball - die wahren Grobmotoriker der Liga werden es als Hohn empfinden. Doch Schneider behauptet: "Wie beim Fahrradfahren muss man erst wieder seine Runden drehen."

Elf Wochen war er außer Dienst, nachdem er sich beim Uefa-Cup-Spiel gegen Leiria am Knie verletzt hatte, in einer für ihn "atypischen" Szene, wie Rudi Völler festhält: "Er geht einem Ball nach, den er eigentlich nicht mehr erreichen kann." Das Fernbleiben in solchen Momenten ist für den Leverkusener Sportchef Völler der Grund, warum Schneider all die Jahre trotz Dauerverwendung in Klub und Nationalteam von Verletzungen verschont geblieben ist. "Er macht nicht diese Kamikaze-Zweikämpfe." Diesmal schon, und so tauchte der Mittelfeldspieler zum ersten Mal in seiner Karriere an einem klassischen Treffpunkt der Branche auf: in Klaus Eders Reha-Zentrum in Donaustauf. "Das kannte ich bisher noch nicht, jetzt kann ich mitreden", sagt Schneider lakonisch. Die letzte ernsthafte Verhinderung hatte er vor 14 Jahren erlebt, in der zweiten Liga beim FC Carl Zeiss Jena, und danach waren drei Wochen Pause das höchste Unglück gewesen, "aber da war ich ohnehin gesperrt", wie er triumphierend bemerkt. Diesmal traf ihn die Absenz hart: "Blöd" sei es gewesen, druckst er herum, "man kann die Tätigkeit, die einem lieb ist, nicht ausüben". Völler beschreibt es als eine Art Krankheit: "Wenn er das Spiel und den Ball nicht bekommt, dann ist das für ihn natürlich furchtbar."

Schneiders Fehlen wurde bei Bayer Leverkusen einstimmig als Katastrophe gewertet. Doch dann betrat aus der Reserve Sergej Barbarez, 36, die Bühne und füllte die Lücke mit brillanten Auftritten. Für das Leverkusener Publikum, das den Bosnier bis dahin nicht sonderlich geliebt hatte, waren dessen Spiele eine Entdeckung wie eine Offenbarung, für Völler ergab sich dagegen keine Überraschung. "Das Schöne ist ja", sagt er, "jetzt wird er überall abgefeiert, und ich freu' mich auch für ihn - aber wir wussten das vorher, dass er ein Riesenfußballer ist."

Der andere Irrtum der Leute in Leverkusen ist der, dass sie nun bang die Frage stellen, wie es weitergehen soll, schon heute beim womöglich entscheidenden Uefa-Cup-Gruppenspiel gegen Sparta Prag: Mit Schneider ODER Barbarez? Oder mit Schneider UND Barbarez? Schneider kann sich darüber nur wundern: "Die zwei können nicht miteinander - diese Diskussion kommt ja jetzt öfter. Aber wir haben doch letztes Jahr schon zusammengespielt, und da haben wir Platz fünf erreicht." Man mag ja glauben, dass für zwei so profilierte Künstler in einem einzigen Fußballteam kein Platz sei, doch das trifft hier nicht zu. Hört man die beiden übereinander reden, dann klingen sie wie zwei Nobelpreisträger im Dienst der Menschheit. "Immer menschlich und ohne Allüren" sei der Kollege, sagt Schneider. "Bernd ist immer eine Bereicherung", gibt Barbarez das Kompliment zurück. Zum jungen Gros der Bayer-Mannschaft bilden die beiden Individualisten die treffende Ergänzung. "Jung und dynamisch ist okay", sagt Schneider, "aber Erfahrung spielt auch eine wichtige Rolle."

Die Chefplaner im Klub haben an der Verträglichkeit der einzigartigen Alten sowieso keinen Zweifel. Während sie Schneider längst angeboten haben, den laufenden Vertrag um ein Jahr bis ins Jahr 2010 zu verlängern ("gucken wir mal", lautet derzeit dessen Antwort), wollen sie nun auch Barbarez' Anstellung fortsetzen. "In der Winterpause setzen wir uns zusammen und klären, ob er noch ein Jahr dranhängt oder nicht", erläutert Völler, "denn wir brauchen sie beide." Trainer Michael Skibbe wird das am Donnerstagabend belegen, wenn er Schneider UND Barbarez auf den Platz schickt.

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(SZ vom 6.12.2007)