Von Raphael Honigstein

Manchester United gehört nun Amerikanern - offen ist, ob die Fans akzeptieren, dass sie die Übernahme finanzieren müssen.

Die Finanzstrategie von Malcolm Glazer, des neuen Eigentümers von Manchester United, verlangt nach enormen Umsatzsteigerungen. Besonders beim Merchandising - und da sollen in Zukunft die Fan-Artikel verstärkt auf einem neuen Markt vertrieben werden: in den USA. Am vergangenen Donnerstag wurden diesbezüglich bereits erste Erfolge verbucht. Trotz Sommerpause bummelten drei New Yorker mittleren Alters vergnügt durch den Megastore von Old Trafford und nahmen drei T-Shirts, zwei Trikots, einen Schal und einen Rucksack mit. Die fälligen 70Pfund zahlten Avi, Joel und Bryan Glazer artig, obwohl es nicht nötig war - der Laden gehört jetzt ihrem Papa.

Roy Keane

Er spielt bal für einen Amerikaner: Roy Keane (© Foto: ap)

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Die Glazer-Söhne wurden bei ihrer Charme-Offensive nicht von verärgerten Fans gestört - das Geschäft war eigens für das Trio vorübergehend geschlossen worden. Konfrontationen mit dem ManU-Anhang blieben aus, anders als am Tag zuvor: Bei ihrem ersten Besuch des Stadions seit der feindlichen Übernahme des Vereins durch die Glazer-Familie hatten die Brüder in einem Polizeiwagen vor rund 200 erbosten Fans fliehen müssen, die mit Sprechchören ("Stirb Glazer, stirb!") und Sitzblockade protestierten. "Die Glazers sind die Feinde von Manchester United", sagte Sean Bones von der Fangruppe Shareholders United, "sie sind widerlich und ekelhaft. Sie haben den Klub übernommen, aber nur vorläufig. Vielleicht wird es drei, vier Jahre dauern, aber wir zeigen ihnen, dass wir nicht aufgeben."

Der harte Kern der Anhängerschaft träumt auch nach der Reprivatisierung der jüngst von den Glazers von der Börse genommenen AG (die Familie besitzt nahezu hundert Prozent der Anteile) davon, die Amerikaner durch öffentlichen Druck zur Aufgabe zu zwingen. Eine kleine Gruppe hat das alte United gar für tot erklärt und einen neuen Verein, FC United of Manchester, gegründet, der bald in einer unteren Amateurliga spielt. Selbst weniger militante Fans analysieren argwöhnisch das Modell der Glazers für den Kauf des einst finanzstärksten Vereins der Welt.

Die Preise für Jahreskarten sollen steigen

Im Kern sieht es so aus: United selbst muss nun die Gelder erwirtschaften, mit denen den Glazers die feindliche Übernahme gelang. So hat United plötzlich Verbindlichkeiten von knapp 600 Millionen Euro. Diese dürften sich erhöhen, wenn Glazer demnächst teure Kredite von Hedge Funds in Bankdarlehen umwandelt und auf den Verein überträgt. Allein die Zinstilgung soll im ersten Jahr bei 90 Millionen Euro liegen. Damit sich das alles für die New Yorker rechnet, sollen bis 2011 die Preise für Jahreskarten jährlich um neun Prozent steigen. Zum angedrohten Massenboykott scheint es dennoch nicht zu kommen, im Gegenteil: United verkündet für kommende Saison einen Jahreskarten-Rekord, erstmals seien bereits 42500 Plätze belegt. "Weniger als hundert Jahreskarten wurden nicht verlängert", sagte ein ManU-Sprecher.

Neben dem Großteil der Anhängerschaft scheint sich das Klubmanagement mit den neuen Eignern arrangiert zu haben. Geschäftsführer David Gill, der anfangs gegen die Übernahme votiert hatte, blieb im Amt und zeigte sich nach dem ersten Treffen mit den Glazers positiv überrascht. Auch United-Legende Sir Bobby Charlton ist offenbar beruhigt worden: "Nachdem, was ich gehört habe, muss ich mir weniger Sorgen machen. Die Glazers kennen die Geschichte und die Bedeutung des Vereins und haben zugesichert, keine größeren Veränderungen vorzunehmen."

Glazer nimmt die Fans sehr ernst

Ebenfalls zufrieden äußerte sich der Fußballverband. Die Glazers haben angekündigt, nicht aus der kollektiven Fernsehvermarktung aller Klubs der Premier League auszuscheren. Ein regelrechter Freund ist offenbar Sir Alex Ferguson geworden. "Das Treffen war sehr entspannt und sehr gut", sagte der Trainer, "sie unterstützen die Mannschaft und wissen, dass wir erstklassige Erfahrung haben." Das Eigenlob verrät die wahren Gründe für den Meinungsumschwung, denn Ferguson war unter Druck geraten, nachdem er zum zweiten Mal nacheinander nur Platz drei belegt hatte. Jetzt wird er ein Gewinner der neuen Verhältnisse: die Glazers brauchen ihn für die Beschwichtigung der Fans und haben ihm Gelder für Neueinkäufe zugesichert. Neben dem Südkoreaner Park Ji-Sung (PSV Eindhoven, 7,3 Mio. Euro) soll auch Englands Nationalstürmer Michael Owen (Real Madrid) und ein Mittelfeldspieler gekauft werden.

Joel Glazer hat in einer diplomatischen, bezüglich der Finanzen aber vagen Ansprache im Klubfernsehen MU-TV betont: "Die Fans sind unser Lebensblut, wir nehmen sie sehr ernst. Auch ich will, dass wir auf dem Platz Erfolg haben. Das hat Priorität." Das Gerücht, man wolle das Klubwappen ändern, nannte er "lächerlich". Der Guardian hatte scherzhaft vermutet, United werde bald "MU Galaxy Soccerball Kickers" heißen.

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(SZ vom 5.7.2005)