Eine Nachtkritik von Merlin Scholz

Ein Jahr unter Bayern: Der geschasste Trainer Klinsmann erinnert sich bei Günther Jauch erstmals öffentlich. Schuld waren die Anderen.

Staatstragender hätte man ihn nicht inszenieren können, den ersten Auftritt von Jürgen Klinsmann. Schon bei seiner Ankunft waren die Kameras von "Stern TV" zur Stelle und hielten drauf, als der gescheiterte Bayern-Trainer vor dem Studio in Köln aus dem Wagen stieg. Der Zuschauer sollte sich gleich an die Bilder von Klinsmanns Entlassung vor 23 Tagen erinnert fühlen: Auch da waren etliche Fernsehstationen live dabei, als der Coach die Tiefgarage an der Säbener Straße zum letzten Mal verließ.

Bild vergrößern

Ex-Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann war am Mittwochabend zu Gast bei "Stern TV". (© Foto: dpa)

Anzeige

Bis es dann aber endlich soweit war, mussten sich die Leute vor dem Fernseher in Geduld üben. Moderator Günther Jauch versuchte zwar schon früh, das Publikum bei der Stange zu halten und verkündete: "Auch wenn Sie mit Fußball nichts am Hut haben, sollten sie das hier nicht verpassen", um dann in Anspielung an das ebenfalls am Abend stattfindende Uefa-Pokalfinale zwischen Bremen und Donezk nachzulegen: "Es könnte das spannendere Programm werden."

Doch so ganz war RTL von der Strahlkraft des schwäbischen Fußball-Lehrers scheinbar selbst nicht überzeugt. Man wartete ab, bis die Bremer Niederlage perfekt war, wohl auch um möglichst viele Zuschauer von Sat 1 mitnehmen zu können. Bis zum Interview vertröstete Jauch sein Publikum immer wieder: Gleich sei es endlich soweit. Von wegen.

Bis Klinsmann um 23.27 Uhr endlich das Studio betrat, musste der Zuschauer Beiträge über ein "prolliges Giraffenbaby" (Tiere ziehen immer) und Reiner Calmunds Abspeckprogramm beim Halbmarathon durchs Ruhrgebiet (ein fitter Pfundskerl) über sich ergehen lassen.

Damit dennoch niemand entnervt zur Fernbedienung griff, kündigte der Sender seinen Gast immer wieder per Laufband am unteren Bildrand an, wie man das sonst nur von den Breaking News der Nachrichtensender kennt. Man hätte meinen können, das Gespräch mit Klinsmann sei gleichbedeutend mit einem Rücktritt der Bundeskanzlerin.

Die Botschaft, die vermittelt werden sollte, war klar: Hier findet gleich Großes statt.

Und es war in der Tat nicht uninteressant, was Klinsmann in dem Gespräch mit Jauch zu erzählen hatte - wenngleich er sich selbst mit seinen Worten keinen Gefallen getan haben dürfte.

Schon als Klinsman auf die der erste Frage, warum es denn beim FC Bayern nicht geklappt habe, lapidar antwortete: "Da müssen sie den FC Bayern fragen", wird seine eindimensionale Sicht auf die Dinge deutlich: Schuld habe nicht ich, sondern die Anderen.

Es waren "Alpha-Tiere" um ihn herum

Klar, auch er habe Fehler gemacht, zum Beispiel bei der Zusammenstellung des Kaders, den er fast unverändert von Vorgänger Hitzfeld übernommen hatte. Doch ließ Klinsmann keinen Zweifel, daran, dass er aus diesem "Prozess", wie er seine 302-tägige Amtszeit als Bayern-Trainer immer wieder bezeichnete, als zu unrecht Angeklagter hervorging.

Schuld waren ja immer wieder die Anderen: Die Medien, die eine "Hetzjagd" gegen ihn veranstalteten - inklusive der tageszeitung, die ihn in Monthy-Python-Manier am Kreuz zeigte ("Always look on the bright side of life"). Dann die Vereinsführung, die ihm einfach nicht die nötige Zeit gegeben habe und noch nicht einmal, anders als zunächst versprochen, mit ihm gegen die taz-Satire vorgegangen war. Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge und Breitner seien halt "Alphatiere", an denen er sich reiben musste.

Und da waren nicht zuletzt die Spieler. Die seien zwar "auch nur Menschen", wollten aber einfach nicht wahrhaben, dass auch sie sich noch "um 20, 30 Prozent verbessern können". Bei der Nationalmannschaft hatte dieser - ja, klar - "Prozess" zwei Jahre gedauert, und vielleicht wäre es in München dann auch so weit gewesen, wunschgemäß wie Barcelona, Chelsea oder Arsenal kicken zu können.

Direkt nach seiner Entlassung am 27. April hatte Klinsmann noch verkündet, er bedanke sich "von Herzen" beim FC Bayern München, seinen Fans, den Trainern, den Spielern und den Mitarbeitern für eine "ereignisreiche Zeit" - bei "Stern TV" klang das dann ganz anders.

Und so vollführte Klinsmann, ruhig und wie gewohnt mit einem Lächeln auf den Lippen, in seinem 24-minütigen Auftritt bei einen Rundumschlag gegen so ziemlich alles und jeden. Er brachte dabei das Kunststück fertig, irgendwie lässig und doch kritisch zu wirken, ohne seinen einstigen Arbeitgeber zu verletzen, was arbeitsrechtlich Folgen hätte. Der FC Bayern zahlt wie gehabt pro rata jeden Monat das fürstliche Klinsmann-Gehalt - solange keine Einigung über die Ausbezahlung der Restlaufzeit des Vertrages da ist.

Die Quintessenz kann nach diesem Abend nur lauten: Die Klinsmannsche Philosophie und die Gegebenheiten der Bundesliga - das passt noch nicht zusammen. Den von ihm geforderten Mut zum Risiko sei man in Deutschland und speziell beim FC Bayern einfach nicht bereit zu gehen.

Er wäre Meister geworden, ganz klar

Nein, der Trainerbewerber Klinsmann wird sich mit seinen Worten die austehenden Millionen des FC Bayern nicht verspielt haben - bei interessierten Vereinen jedoch dürfte er sich nicht gerade beliebter gemacht haben. Was aber will er auf Dauer machen? Die wunderschönen bayerischen Berge besteigen?

Von seinem eigenen Können ist Klinsmann, das wurde deutlich, jedenfalls immer noch vollkommen überzeugt: Er traue sich den Job nach wie vor zu - und sei überzeugt gewesen, dass er die Bayern zur Meisterschaft hätte führen können. Fast hätte man glauben können, er habe seinen Rauswurf immer noch nicht realisiert. Dabei sei auch ihm klar gewesen, dass der Tribünen-Aufenthalt von Jupp Henyckes bei seinem letzten Spiel als Trainer gegen Schalke 04 kein Zufall war.

Zum Schluss gab Klinsmann dann doch noch eine Bewerbung ab, die vielleicht bald Erfolg haben könnte: Und zwar als Werbeträger des bayerischen Tourismusverbandes. Er lebt weiter an dem Ort, der ihm als Trainer kein Glück brachte.

München sei eine wundervolle Stadt, schwadronierte der ehemalige Bundestrainer. Seine Familie und er fühlten sich hier sichtlich wohl: "Auch im Umland, generell in Süddeutschland, haben wir viele Ausflüge gemacht, und deswegen haben wir auch vor, in Deutschland zu bleiben", widersprach Klinsmann all jenen, die ihn schon längst auf der Flucht in Richtung Huntington Beach gewähnt hatten.

Und dann hatte der Motivator noch einen Schlüsselsatz übrig: "Diesen Prozess", gemeint war das Leben in Bayern, "wollen wir weitergehen."

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/jja)