Klischees und Kalauer im ZDF, Phrasendrescherei und Mode-Fauxpas auf RTL - da lohnt sich ein Blick ins Netz. Umgeben von Twitter, Live-Streams und Vuvuzela-Simulator entwickelt ein WM-Abend eine ganz eigene Dynamik.
Oliver Kahn hat einen Favoriten: "Die Dehnen". Dänemark, vom ehemaligen Nationaltorhüter mit dem langgezogenen Favoriten-E ausgesprochen, sei fußballerisch reifer als die Japaner. Die wiederum seien dafür immerhin höflich. "Toll, die Mentalität", schwärmt der ZDF-Expertentitan. Und so geordnet, im Leben wie auf dem Fußballplatz, behauptet Moderationspartnerin Katrin Müller-Hohenstein.
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Ein Fußballabend mit dem Microblogging-Dienst Twitter kann durchaus zur Erheiterung beitragen. (© dpa)
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Im Kampf um die Quote scheut das ZDF keine Klischees, um den Fußballfan bei der Stange und weg von der Konkurrenz RTL zu halten, die an diesem Abend das bedeutungslos gewordene Spiel Niederlande gegen Kamerun zeigt. Doch seien wir ehrlich: Die Gruppe E ist an diesem letzten WM-Spieltag ungefähr das, was Hannover 96 oder der VfL Bochum für die Bundesliga sind.
Um die Begegnungen etwas spannender zu gestalten, will ich deshalb auch die Live-Reaktionen im Netz verfolgen. Im Idealfall kann ein WM-Spiel beim Microbloggingdienst Twitter wie ein Fußballabend mit virtuellen Bekannten sein: Alle reißen Sprüche und die Nervensägen werden nicht der Wohnung, sondern des Bildschirms verwiesen.
Doch beim Bildschirm beginnt das Problem bereits: Die beiden Live-Streams der Partien und die aktuellen Nachrichten aus dem Netz erfordern eigentlich mehrere Monitore. Als ich gerade überlege, ob ich vielleicht die alte Dame in der Wohnung unter mir fragen soll, ob ich ihren Röhrenfernseher an meinen Computer anschließen kann, taucht bereits das nächste Problem auf. Die Zuschauer, so erklären die Kommentatoren bei ZDF und RTL stolz, können die Texte der Hymnen per Videotext einblenden. Ich stelle fest: An alles wird in diesem Internet gedacht, nur nicht an Videotexteinblendungen.
Videotext im Netz?
Weil bei zwei Streams gleichzeitig meine Internetverbindung einen fairen Kompromiss schließt und beide ruckeln lässt, sind die ersten Minuten ein eher zähes WM-Vergnügen. Auch die Twitter-Nachrichten unter dem Schlagwort "worldcup" überfordern mich, laufen doch in wenigen Sekunden tausende Nachrichten ein, viele davon aus Japan.
Halb vier Uhr morgens ist es dort gerade, erfahre ich, doch die Google-Übersetzung mancher Kurznachrichten ist recht eigenwillig. "Wünschen Ihnen einen schönen Tag (und auch gestern Morgen)" heißt es da zum Beispiel. Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn fänden das bestimmt allerliebst - anders als die "Dehnen", die mit den flinken Japanern auf dem Rasen deutliche Probleme haben.
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WM-Webcam
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"...um den Fußballfan bei der Stange und weg von der Konkurrenz RTL zu halten." ???!
Das Niveau der Spiele ist nicht allzu hoch. Die Reihen stehen sich gegenüber und schauen sich einander beim Hin-und Herkullern zu. Das Schielen nach der Livetabelle tut ein Übriges, Strategieüberlegungen sind wichtiger als wirklicher Einsatz für gute Spiele. Na ja, die Medien machen was draus. Sie gaukeln uns ein Großereignis vor und haben Erfolg mit ihrer Masche: Die Menschen glauben daran große Fußballkunst zu sehen.
Dabei könnte die Einführung eines KO-Systems bei der WM-Endrunde dazu beitragen, dass wir endlich wieder wirklich spannenden Fußballsport zu sehen bekämen. Wer verliert fliegt raus -basta. Wir würden ganz andere, deutlich bessere Spiele zu sehen bekommen. Vielleicht sogar wirklich intressante und hochklassige Matches.
Das Produkt FIFA-WM lebt von seiner genialen Vermarktung und nicht von seiner der Qualität der gezeigten Spiele. Dazu gehört die Einbindung der Fernsehanstalten, die horrende Gelder für die Übertragungsrechte bezahlt haben und hohe Einschaltquoten brauchen. Kontraproduktiv wären daher kritische Töne wie Niveaulosigkeit ( im Vergleich zur Championsleague ), Langeweile durch Betonfussball oder regelrechte Arbeitsverweigerung durch etablierte Teams wie Frankreich und Italien.