Von Jürgen Schmieder

Was kann man sich nicht alles antun, um bei Olympia immer live dabei zu sein? Ein Abend mit zwei Fernsehsendern, einer Mediathek und zig Internetseiten.

Es gab einmal eine Zeit, da waren Olympische Spiele für den Zuschauer eine ziemlich entspannte Veranstaltung. Es gab nur drei Fernsehprogramme, der Mensch sah sich das an, was ihm vorgesetzt wurde. Und wenn Harry Valérien oder Ernst Huberty mit majestätischer Güte versicherten, die Welt sei in Ordnung und es doch schön wäre, wenn sich der Kollege an der Langlauf-Loipe nun melden würde, dann war die Welt in Ordnung.

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Katarina Witt, das schönste Gesicht der ARD. (© Foto: dpa)

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Im Jahr 2010 ist das freilich anders. Leute, für die Multitasking eine Form der Körperverletzung darstellt, dürften sich mächtig unwohl fühlen bei dem, was sich ein Sportfan angesichts von Olympia in Vancouver antun kann. Wenn er nicht mehr fragen muss, wo denn Behle ist - der steht meist beim Kollegen an der Langlauf-Loipe -, sondern sich fragen darf, wo sich die omnipräsente Katarina Witt gerade herumtreibt. Er darf sein eigener Regisseur sein und bestimmen, was er sehen will. Und er kann einen Olympia-Abend locker mit zwei Fernsehsendern, einer Mediathek und acht Internetseiten füllen.

Der Abend beginnt unspektakulär, im Fernsehen läuft Fußball, gerade hat Pizarro ein bizarres Tor gegen Leverkusen geschossen. Zeit also, sich bei "Meine Olympiaschau" von ard.de anzumelden. Es gibt Livestreams, MP3s zum Mithören und das persönlich zusammenstellbare Programm mit den Lieblingssportarten - die ARD schickt eine E-Mail, wenn sich dort was tut. Das ist prima, ist doch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern live nicht immer live - manchmal bekommt man Konserven. Anmoderiert werden sie nicht majestätisch von Ernst Huberty, sondern von Michael Antwerpes.

Hinüber zur Twitter-Seite von Lindsey Vonn. "Ich bin verliebt in meinen neuen Freund", ist da zu lesen. Uiuiui, brandheiße Promi-News? Schnell auf den Eintrag geklickt. Enttäuschung. Vonn meint ihre Goldmedaille. Na dann. Der aktuellste Eintrag lautet übrigens: "Gehe jetzt ins Bett." Es steht zu befürchten, dass sie das mit ihrem neuen Freund tut.

Schnell bei Facebook geschaut, ob sich Andrea Schöpp wirklich bei Maria Riesch entschuldigt hat. Hat sie. Der Zickenkrieg ist vorbei. Eine Zickerei zwischen Magdalena Neuner und Katarina Witt wäre ohnehin schöner gewesen. Apropos Witt: Witt? Ja, wo ist Witt? Noch nichts zu sehen vom schönsten Gesicht des Sozialismus, des Kapitalismus und überhaupt. Kein Facebook-Eintrag, keine Twitter-News, nicht einmal neue Bilder.

Ab zum Liveticker Curling. Die deutschen Frauen haben verloren, 5:6 gegen Dänemark. Spannend soll es gewesen sein, aber die ARD hat es nicht gezeigt - und Olympia im Liveticker gucken, ist wie die Speisekarte eines tollen Restaurants zu lesen: Man bekommt alle Informationen, aber satt wird man davon nicht. Sofort nachgeguckt auf der iPhone-App mit dem Zeitplan, ob Riesch etwas gewonnen hat - weil dann verlieren die Curlerinnen ja immer, was bekanntlich Auslöser des Zickenkriegs war.

Nein, Riesch fährt heute gar nicht. Schöpp könnte doch nun bitte behaupten, Kati Witt sei schuld. Tut sie nicht. Schade.

Ab zu Eurosport, weil bei denen live so gut wie immer live ist. Da läuft Skifahren, na ja. Dafür soll es auf eurosport.de im "Eurosport Player" drei Kanäle, die alles zeigen sollen. Sofort eingeloggt. Enttäuschung. Man will 4,90 Euro im Monat. Paid Content nennt man sowas. Nein, muss nicht sein. Keine großartige Idee.

Auf der nächsten Seite: Welcher Sport mit sechs Stunden Verspätung kommt und wer das schlechteste Wortspiel des Jahres liefert.

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