Die Allwissenheit des Internets und die Experten-Chats verraten, mit welchem Sportler sich bei Olympia Geld verdienen lässt. Oder? Ein Selbstversuch von Johannes Kuhn.

Nein, ich bin kein Spieler. Gut, ich gebe zu, ich habe Dostojewskis gleichnamigen Roman mit Faszination gelesen. Einen Lottoschein habe ich auch schon einmal ausgefüllt und auch Fußballtipps sind mir nicht fremd - doch wenn es um Geld geht, liege ich stets daneben. Nein, ein Spieler bin ich also nicht. Oder doch?

Bild vergrößern

Zu oft vorbeigeschossen: Simon Fourcade. (© Foto: AFP)

Anzeige

Von vorne: Die Sportkollegen haben mich gebeten, etwas über den Olympia-Fernsehabend zu schreiben. Nun schätze ich Wintersport, habe aber - unter uns gesagt - keine Ahnung davon. Was liegt also näher, als die Gelegenheit zu nutzen, um zu beweisen, dass das keine Rolle spielt: Die notwendige Sport-Expertise lässt sich spielend leicht im Internet erwerben.

Und wenn die These stimmt, wieso soll ich nicht gleich ein bisschen Geld damit verdienen, indem ich auf den Sieger wette?

Die Disziplin meiner Wahl sind die 20 Kilometer Biathlon der Männer, dort sind ungefähr 70 Teilnehmer am Start. Setzen will ich 20 Euro, was ungefähr dem Wochengehalt eines Online-Journalisten entspricht. Deshalb muss ich mich genau vorbereiten: Während Maria Riesch die Abfahrtsstrecke hinunterrast, studiere ich also alle wichtigen Informationen zu den Athleten, Beiträge in Sportforen, Wettquoten, Wikipedia-Einträge, die Anzahl der Facebook-Freunde.

Außenseitersiege haben Tradition

Eine genaue Analyse von YouTube-Videos berühmter Wettszenen macht mir klar: Außenseitersiege haben Tradition. Zumindest in Hollywood. Meist setzt der geldlose Vater beim Pferderennen seine letzten Dollars auf einen Klappergaul mit einem Wundernamen wie Magic, der gewinnt mit einer Quote von 70:1 und so kann Papa dem lungenkranken Sohn den Kuraufenthalt finanzieren.

Olympia ist ein bisschen wie Hollywood, deshalb heißen meine Klappergäule Tim Burke und Simon Fourcade. Der US-Amerikaner Burke ist nicht nur in der Nähe aufgewachsen, er vertritt zudem die USA in einem Sport, in dem das Land ungefähr so erfolgreich ist wie Deutschland im Baseball. Er wäre also der ideale Kandidat, um mit einem Außenseitersieg den amerikanischen Traum wahr zu machen - zumal seine Freundin die deutsche Ausnahmebiathletin Andrea Henkel ist. Ein deutsch-amerikanisches Märchen, wie einst bei Steffi Graf und Andre Agassi - das hätte was.

Simon Fourcade ist aus Frankreich und ihm gelang die Kunst, im gelben Trikot des Weltcupspitzenreiters zu den Spielen anzureisen, ohne in dieser Saison ein einziges Rennen gewonnen zu haben. Im Sprint belegte er den 71. Rang, was ich natürlich als Schonung für das heutige Rennen auslege. Vielversprechend ist auch seine Herkunft aus Perpignan im Süden Frankreichs, die mir Wikipedia verrät. Zwar sind die Skigebiete in den Pyrenäen von dort nur etwa 60 Kilometer entfernt, doch vor meinem geistigen Auge sehe ich den kleinen Simon, wie er in mediterranen Gefilden auf Asphalt Langlauf lernen muss, um viele Jahre später seinen Traum vom olympischen Gold wahr zu machen.

Im Video: Das Heimatdorf von Biathlon-Olympiasiegerin Magdalena Neuner fiebert kollektiv mit, wenn die Athletin in die Loipe geht.

Weitere Videos finden Sie hier

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Mein Franzose - Zockerparadies Biathlon
  2. Chatroulette mit "Experten"
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...