Ein Loblied von Jürgen Schmieder

Was wurden ARD und ZDF gescholten. Völlig zu Unrecht. Wir sahen die Zukunft des Sportfernsehens - und freuen uns schon auf die WM.

Es ist nun - am letzten Tag dieser Olympischen Spiele - endlich an der Zeit, einmal die gebührenfinanzierten Berichterstatter zu loben. Was sind sie gescholten worden, die öffentlich-rechtlichen Sender: zu wenig live, zu viele Konserven. Langweilige Moderationen. Nervige Kommentare. Doch die Kritik ist unberechtigt. ARD und ZDF sind ihrem Auftrag nachgekommen, die TV-Konsumenten umfassend und journalistisch korrekt zu informieren - und haben darüber hinaus eine interessante Vorschau auf die Zukunft des Sportfernsehens geliefert.

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Bei ARD und ZDF können die Zuschauer die Stimmen der Sieger gefühlte 0,3 Sekunden nach Überquerung der Ziellinie hören. (© Foto: dpa)

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Es war am Samstagabend zur üblichen Sportschau-Sendezeit, als die ARD darauf verzichtete, die Zusammenfassung der Bundesliga-Partie Mainz gegen Bremen zu senden, weil in Vancouver Großes zu erwarten sei. Aha, dachte sich der Zuschauer, da wird es wohl gleich spannend bei den Olympischen Spielen. Live-Schaltung nach Vancouver. Es geht um den Slalom der Herren. Erster Durchgang. Klar: Felix Neureuther. Spannung garantiert. Los geht's! Und da dieser Text ein Loblied werden soll, wird nun auch nicht gemotzt, dass zuerst eine langweilige Homestory übers Klettern gesendet, dann die Meinung des Experten Markus Wasmeier eingeholt und danach noch einmal ins Studio geschaltet wurde, ehe es wirklich losging.

Neureuthers Rennen war schneller vorbei, als der Zuschauer "Rosi Mittermaier und Christian Neureuther" sagen konnte - doch die Arbeit der ARD ging an diesem Moment erst los. Schneller als der Zuschauer "Rosi" sagen konnte, lieferte Wasmeier die Erklärung, was bei Neureuther denn falsch gelaufen war - und ein gefühltes "Mittermaier" später hatte Neureuther ein Mikrofon vor der Nase und musste erklären, was denn falsch gelaufen war. Und schwupp, Live-Schaltung zu Rosi Mittermaier, die sogleich erklären musste, was bei ihrem Sohn denn falsch gelaufen war.

Umfassender kann ein Zuschauer nicht informiert werden, das öffentlich-rechtliche Mikrofon ist omnipräsent. Der dritte Läufer der Langlauf-Staffel muss keuchend eine Auskunft geben, ob er noch auf eine Medaille hofft - obwohl der Kollege gerade am Anstieg kämpft. Die Olympiasiegerin im Biathlon muss Sekunden nach dem Rennen ihre Gefühlswelt preisgeben, und eine andere Olympiasiegerin muss nach dem ersten Lauf im Slalom einschätzen, wie denn ihre Chancen auf den Sieg sind, obwohl sie sich gerne auf den zweiten Lauf vorbereiten würde.

Die unprofessionelle Frau Friesinger

Dass die eine Olympiasiegerin davon sprach, sie fühle sich wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird, ist natürlich arg pingelig. Das hier ist Olympia und kein Kindergeburtstag, Whistler Creek ist schließlich kein Ponyhof. Der Zuschauer muss alles wissen, das ist sein Recht und auch seine Pflicht: von den Gefühlen beim Zieleinlauf über die Konsistenz des Frühstücks-Müslis bis hin zur Anzahl der Flaschen Bier, die im Heimatort des Olympiasiegers getrunken werden. Die Sportler heutzutage dürfen da auch nicht zimperlich sein und schnippisch antworten wie einst die Tennisspielerin Billy Jean King.

Die wurde nach ihrem Erfolg in Wimbledon gefragt, wie sie das geschafft und wie sie sich dabei gefühlt habe. Ihre Antwort: "Ich sage es Ihnen, wenn Sie mich verdammt noch mal ausreden lassen: Als ich hierher gefahren bin, bin ich hierher gefahren. Als ich mich umgezogen habe, habe ich mich umgezogen. Als ich Tennis gespielt habe, habe ich Tennis gespielt. Und als ich Matchball hatte, wollte ich den verdammten Matchball verwandeln. Sonst nichts. Gefühlt habe ich gar nichts. Aus."

So geht das heutzutage freilich nicht! Dass Eisschnellläuferin Anni Friesinger nach ihrer artistischen und dramatischen Einlage im Halbfinale der Teamverfolgung nicht sofort zum Mikrofon eilt, sondern sich erst auf dem Eis liegend freut, danach in die Besprechung geht und anschließend den Kolleginnen Mut zuspricht und sie anfeuert, spricht natürlich nicht für Teamgeist, sondern für Unprofessionalität im Umgang mit den Medien.

Wenn Ballack twittert

In Zukunft werden wir Zuschauer noch umfassender informiert, weil wir das zu wissen wollen haben. Es war nur ein Vorgeschmack, welch grandiosen Momente uns während der WM in Südafrika an öffentlich-rechtlicher Berichterstattung erwarten könnten.

Beim Einlaufen muss Torwart Manuel Neuer erklären, wie viele Scheiben Nutella-Toast er gegessen hat. Während der Pause erläutert nicht mehr Hansi Flick, sondern Joachim Löw höchstselbst der Nation die Taktik, die Kabinenansprache hat er vorher aufzuzeichnen. In der 70. Minute muss Michael Ballack vom Feld aus über den öffentlich-rechtlichen Twitter-Account die Chancen seines Teams einschätzen. Und nach dem Spiel hat sich das Heimatdorf des Torschützen auf dem Marktplatz zu versammeln, kollektiv in die Kamera zu winken und einen Umzug inklusive Blaskapelle zu veranstalten.

Für die Zuschauer wird das einfach nur großartig. Wir freuen uns! Bis in 103 Tagen in Südafrika.

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(sueddeutsche.de/aum)