Turnen Flug zum Mond

Zweimal scheiterte Andreas Bretschneider bisher an seiner Kreation, einem Doppelsalto mit doppelter Drehung - übernimmt er sich? Oder erreicht er neue Höhen?

Von Volker Kreisl

Wieder dieses versteinerte Gesicht. Leer wie der Bildschirm eines Laptops, der abrupt ausgeschaltet wurde. Andreas Bretschneider steht auf, er springt noch einmal hinauf ans Reck und turnt seine Übung zu Ende, wie es sich gehört. Dann haut er ab auf die andere Seite des Geräts, raus aus dem Rampenlicht, und verkriecht sich vor den Zuschauern und den Kameras.

Er wollte in die Weltspitze. Da ihm die Eleganz fehlt, probiert er es mit Trotz und Mut

Am Montag war er also wieder an seiner Kreation gescheitert, dem Bretschneider, den er selber so nicht nennt, weil er es doof findet, den eigenen Namen zu verwenden, als wäre dieses waghalsige Turn-Element ein Wiedergänger seiner selbst. Er sagt lieber: "Doppel-Doppel." Im Team-Finale wollte er es zum zweiten Mal bei diesen Spielen vorführen, und wieder hatte er nach seinem komplizierten Flug über die 2,60 Meter hohe Reckstange danebengegriffen. Das machte einen kurzen Rumms, und dann lag er wieder in der Matte.

Andreas Bretschneider, 27, aus Chemnitz wollte eigentlich ins olympische Reckfinale, aber daran ist er ja wegen des ersten Sturzes gescheitert. Und doch hat sich nun eine weitere Chance aufgetan, sein Lebenswerk zu präsentieren, nämlich im Mehrkampf. Und irgendwie passt das verzweifelte Vorhaben in diese Tage, in denen die Deutschen mit viel Leidenschaft die Herzen der Zuschauer erobert hatten. Bretschneider klatschte also einmal in die Hände, und damit war klar: Am Mittwoch riskiert er es wieder.

Weiter oben, über den Presseplätzen der Rio-Olympic-Arena, sitzen die Fernseh-Kommentatoren und ihre Experten. Einer von ihnen ist Igor Cassina, der Reck-Olympiasieger von Peking 2008. Cassina sagt: "Wenn Du heute den Turnern vorschlägst, das zu versuchen, was Bretschneider macht, würden sich die allermeisten abwenden. Es kostet zu viel Überwindung." Der Italiener hatte zu seiner Zeit selbst ein Novum geschaffen. Er war der Erste, der beim Flug über die Reckstange den Doppelsalto plus ganzer Drehung mit gestrecktem Körper vorführte. Diese Grundlage baut Bretschneider gerade aus: Erst hat er eine zweite Drehung angefügt, und nun will er dieses Doppel-Doppel auch noch gestreckt statt gehockt zeigen. Das ist ein Haufen Bewegung in der Luft, "dazu", sagt Cassina, "brauchst du einen viel höheren Radius über die Stange". Und obwohl Bretschneider am Montag bereits mit der einfacheren gehockten Version scheiterte, sagt er: "Ich habe am Mittwoch nichts zu verlieren, ich zeige beide Elemente."

Es ist wie ein Flug zum Mond. In diese Reckregionen hat sich noch niemand vorgewagt, und manche Experten vermuten schon, Bretschneider übernehme sich. Schon für die gehockte Version, die ihm bereits im Wettkampf gelang, musste eine neue Schwierigkeits-Klasse eröffnet werden, die bisherige A-, B-, C-, D-, E-, F-, G-Skala wurde um eine H-Kategorie erweitert. Gelingt ihm am Mittwoch vor Publikum auch die gestreckte Version, wäre Bretschneider in der I-Kategorie angelangt, und dort bliebe er wohl auch sehr, sehr lange alleine.

Schon als Jugendturner war ihm klar, dass seine Fähigkeiten limitiert sind

Weil niemand vor ihm diesen Weg beschritten hatte, sagt er, "gibt es kein Leitbild, an dem man sich orientieren kann". Bretschneider kommt es deshalb entgegen, dass er ein Gefühlsmensch ist, der intuitiv arbeitet, der sich vortastet und neue Methoden ausprobiert, und der sich in etwas "festbeißen" kann, wie er sagt. Andere hätten womöglich längst aufgegeben, oder eben erst gar nicht damit angefangen.

Egal, was passiert - er will keinesfalls aufgeben.

(Foto: Damir Sagolj/Reuters)

Schon als Jugendturner war ihm klar, dass seine Fähigkeiten limitiert sind. Abzulesen ist das zum Beispiel an Bretschneiders Schulter-Arm-Winkel. Er kann die Schulter kaum nach hinten überdehnen, und aus seinem Körper entstanden nie die runden, geschmeidigen Bewegungen, was immer einen halben Punkt Abzug bewirkte. Bretschneider wollte aber in die Weltspitze, und das macht er nun statt mit Eleganz mit Trotz und Mut. Zusammen mit Bundestrainer Andreas Hirsch machte er sich nach den Olympischen Spielen von London 2012 an die Arbeit und tüftelte daran, wie sich der Cassina weiter veredeln ließe. Das Problem war die Sicht, sagt er. In einer bestimmten Phase sieht er die Stange nicht, sie zu greifen, wurde zur Intuition. Schließlich brauchte er anderthalb Jahre, bis er die zweite Drehung angehängt und das Element komplett geturnt hatte.

Igor Cassina sagt: "Die FIG sollte Bretschneider ein Denkmal bauen." Was er riskiere und einsetze, zeuge von Leidenschaft und sei Werbung für den Sport. Doch steckt der ja immer noch in der Schleife zwischen Probieren, Verzweifeln und Wiederaufstehen. Mehr als 20 Mal, sagt Bretschneider, habe er den Doppel-Doppel in Rio geturnt, im Training ist er ihm stets gelungen, die beiden Male im Wettkampf nicht. Aber er hat sich ja festgebissen. Und er kämpft am Mittwoch einen eigenen Kampf, nicht den gegen einen anderen Gegner, sondern den gegen seinen eigenen störrischen "Doppel-Doppel", ein Element, das wirkt wie er selbst, und das er auch "Bretschneider" nennen könnte.

"Egal, was passiert am Mittwoch", sagte er nach dem Team-Finale, "ich mache weiter, und wenn es bis zu den nächsten Olympischen Spielen dauert: Ich gebe nicht auf".