Von Gerald Kleffmann

Bei der Fußballabteilungssitzung des TSV 1860 München wird deutlich: In diesem Klub klafft kein Graben, sondern ein Grand Canyon.

Der erste Eindruck? Wie bei einem Nato-Treffen. Vor dem Ballhausforum in Unterschleißheim weisen Gitter den Weg, im Inneren der Halle sind Dutzende Security-Leute postiert, es herrscht eine Stimmung des Beäugens. Nur vor dem Podest, an dem die Mitglieder Wahlunterlagen abholen, flippt einer aus. Also doch, man ist bei Sechzig. "Ich hau' dir auf die Fresse", brüllt ein zottelig wie das frühere Löwen-Maskottchen aussehender Mann.

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Viele Fans des TSV 1860 München wollen raus aus der Arena, die heute dem FC Bayern gehört. (© Foto: dpa)

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Warum, geht im Stimmenwirrwarr unter. Es ist 11.30 Uhr, in eineinhalb Stunden beginnt die Fußballabteilungssitzung des TSV 1860. Schon jetzt ist die Anspannung zu spüren. Es geht um viel. Um personelle Entscheidungen, aber auch um die Fragen, wie Sechzig funktioniert, warum die Sorgen sind, wie sie sind, kurzum: um ein Spiegelbild dieses skurrilen Klubs.

Die Arge-Busse kommen nicht

Ein Nachfolger für Wolfgang Hauner wird gesucht, der nach 15 verdienstvollen Funktionärsjahren hinwirft, nun tritt er als Abteilungsleiter ab, gefrustet von permanenten Lagerkämpfen. Wieder hat Sechzig einen zermürbt. Und nach drei Jahren Amtszeit sind wieder 174 Fußballdelegierten-Posten neu zu besetzen, jene Klubvertreter, die jedes Jahr im Herbst über Präsidiums- und Aufsichtsratsmitglieder den Daumen heben oder senken. 2006, in der Kleinen Olympiahalle, kam es zum Putsch, die Faninitiative Pro 1860 fuhr volle Mannesstärke auf, sicherte sich die Mehrheit und bestimmt seitdem mit, zum Leid der Arbeitsgemeinschaft der Fanklubs ("Arge"), einst als Wildmoser-treu bekannt. Nochmal, schwor die Arge, sollte das nicht passieren. Somit ist die Sitzung auch ein Clash of Cultures, auf Löwen-Art eben. Loser, unpolitischer Fangruppenverbund gegen straff zentralistisch organisierte Fanpartei, so lautet der Zweikampf.

Während vor der Halle letzte Pro-1860-Flugblätter verteilt werden ("Wählen gehen") und Pro-1860er wie Sprecher Hans Vonavka rätseln, ob die Arge 22 Busse voll mit Stimmberechtigten ankarren würde (was nicht passierte), nehmen in der Halle die Granden des Klubs Platz. Fast alle sind da, Präsident Rainer Beeck, die Vizes Michael Hasenstab und Franz Maget, Geschäftsführer Manfred Stoffers, Aufsichtsräte (Mantel, Waggershauser, Öfele). Hauner erhofft sich in seiner Eröffnungsrede, dass die Presse "morgen nur Positives berichten kann". Die 948 anwesenden Mitglieder klatschen. Hauners Wunsch währt fünf Minuten, er merkt das selbst, nach ersten Pfiffen: "Langsam wird's warm, wie im Stadion." Was war geschehen?

Unterschleißheims Bürgermeister Rolf Zeitler hatte in der Begrüßungsrede gewünscht, dass die Arena Heimat der Sechziger bleibe. "Buuuh", "Heeeyy", gellte es sofort aus einer Ecke, der Pro-1860-Ecke. Die Befürworter des Grünwalder Stadions, aktuell im Aufwind durch die vereinsinterne Gründung einer "Projektgruppe Stadionzukunft", fühlten sich prompt provoziert. So ist Sechzig. Jeder fühlt sich permanent von anderen provoziert. Und provoziert zurück.

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