Zurück auf Anfang: Für zwölf Spiele ziehen die Münchner Löwen wieder ins vom Abriss bedrohte Stadion an der Grünwalder Straße. Beim 2:2 gegen Unterhaching lief noch nicht alles nach Plan. Von Thomas Becker

Enger und kuscheliger ist es, klar. Keine Chance, die Nachbarn vorne, hinten, rechts und links nicht kennenzulernen. Aber bei so manchen Verrichtungen wäre etwas mehr Platz durchaus wünschenswert: So musste man sich schon arg zusammenreißen, um im Herrenpissoir dem Kurzzeit-Nachbarn im leuchtgelben Trikot nicht die Meinung zu seiner mäßigen Schiedsrichter-Leistung in der ersten Halbzeit zu geigen.

Anzeige

Nicht nur dabei, sondern mittendrin ist der Besucher der Zweitligapartien des TSV 1860 München. Mit dem 2:2 zum Auftakt gegen die SpVgg Unterhaching hat für die Sechziger eine neue, wenn auch kurze Ära begonnen: In einem Jahr zieht der TSV mit dem FC Bayern in die Allianz-Arena am Stadtrand. Bis dahin: zwölf Spiele in Giesing, fünf im Olympiapark. Am Sonntag aber hieß es: Endlich raus aus der Anonymität des von Beginn an ungeliebten, für die Löwen viel zu großen Olympiastadions, wieder daheim im vom Abriss bedrohten Stadion an der Grünwalder Straße. Jener Stätte, an der die Löwen einst die Meisterschale reckten, wo Franz Beckenbauer seine ersten Bundesligaspiele bestritt. Das war in den Sechziger Jahren. Seitdem hat sich zwar viel im Münchner Fußball getan, aber recht wenig im Grünwalder Stadion. Die Nachkriegs-Patina hat einerseits natürlich Charme, wirkt aber bei einem Verein mit mindestens Bundesliga-Ambitionen doch etwas deplaziert.

Seit dem Umzug ins Olympiastadion vor neun Jahren hatten hier die Regionalliga-Teams der Bayern Amateure und die Jugendmannschaften der beiden großen Klubs gespielt. Den Zweitliga-Profis aus Unterhaching und München-Giesing waren die beengten Verhältnis in den Uralt-Umkleidekabinen wohl suspekt: Beide Teams kamen schon fertig umgezogen ins Stadion und verließen es auch wieder im selben, mittlerweile reichlich verschwitzten Hemd, ungeduscht - ist ja nicht weit bis nach Hause. Die nächsten Gäste aus Trier und Duisburg müssen sich etwas anderes überlegen.

Doch was juckt es den Fan, wo die Kicker duschen. Dass es im Presseraum Spezi aus Kaffeetassen gibt, weil Gläser fehlen. Dass die Pressekonferenz im Wohnzimmer-Idyll samt Blümchengardinen noch mit Mikro verstärkt wird. Alles Nebensache. Schon Stunden vor dem Spiel brodelt ein ganzes Stadtviertel, quellen Kneipen und Biergärten über vor vorfreudigen, sangeswilligen Löwen-Fans. Sogar Anhänger des Klassenfeindes FC Bayern München sollen sich um Karten für das schon lange ausverkaufte Spiel bemüht haben. Ein Journalist quält sich gar mit Gipsarm zur Arbeit. An diesem Tag sehr gefragt: ältere Semester, die "von früher erzählen" können, von den Stürmern Brunnenmeier und Pacult, von den Trainern Wettberg und Lorant.

Ein Meer von weißblauen Plakaten weht ("Heyho, let's go!"), nicht nur in der Westkurve mit der berühmten manuell betriebenen Anzeigetafel, sondern auch auf den Dächern und Balkonen der Häuser mit dem perfekten Panorama-Blick ins Stadion. Keine TV-Reportage ohne Wally Blendinger, die fidele 90-Jährige, die den Löwen seit 1934 vom Küchenfenster aus beim Kicken zuschaut: "Der Radenkovic ist mir jetzt zu dick." Stadionsprecher Stefan Schneider, seit 15 Jahren im Dienst und Dauersieger im Rod-Stewart-Look-alike-Contest, ist schon vor der Mannschaftsaufstellung heiser. Da stehen noch Hunderte vor dem Stadion, mit zehn Minuten Verspätung geht es erst los, 21.272 Zuschauer singen den "Sechzger-Marsch": "Siemunfümbfzick, achtunfümbfzick, neununfümbfzick, sächzick - ja, so klingt's im Chor." In Liverpool würden sie sagen: "Football's coming home." Der gegen Haching reichlich indisponierte Löwen-Keeper Michael Hofmann sagt: "Die Fans sind die absoluten Könige im Stadion." Sein Trainer Rudi Bommer fasst zusammen: "Das Stadion ist wie ein Sechser im Lotto."

Jetzt muss es nur noch ein paar Tore schießen.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...