TSV 1860 Ismaik will gegen 50+1-Regel klagen

Im Machtkampf mit Vereinsvertretern des TSV 1860 kündigt Hasan Ismaik an, gegen die Anti-Investoren-Regel im deutschen Fußball vorzugehen. Er will den Klub ganz übernehmen.

Von Markus Schäflein, Philipp Schneider und Thomas Hummel

Hasan Ismaik und seine Mitarbeiter kämpfen um ihren Einfluss beim TSV 1860 München. Der Machtkampf zwischen dem jordanischen Geschäftsmann und dem TSV München von 1860 als eingetragenem Verein (e.V.) als Gesellschafter der in einer "Kommanditgesellschaft auf Aktien" (KGaA) ausgegliederten Profiabteilung ist nun offen ausgebrochen und spitzt sich immer mehr zu. Am Freitagabend gegen 23 Uhr teilte Ismaik der Süddeutschen Zeitung per Telefon mit, nun gegen die 50+1-Regel im deutschen Fußball vorgehen zu wollen. "Ich wollte das nie machen, aber jetzt werde ich gegen 50+1 klagen." Möglicherweise sieht man den 40-Jährigen also demnächst nicht am Spielfeldrand in Buchbach oder Illertissen, sondern in Luxemburg vor dem Europäischen Gerichtshof.

Die 50+1-Regel im deutschen Fußball besagt, dass bei ausgegliederten Profiabteilungen der ursprüngliche Verein das letzte Wort haben müsse, was verhindern soll, dass Investoren oder andere Geldgeber die Macht im Klub übernehmen. Es gibt allerdings bereits Ausnahmen, etwa für Bayer Leverkusen (100 Prozent Bayer AG) und den VfL Wolfsburg (100 Prozent VW) sowie für die TSG Hoffenheim (96 Prozent hält Dietmar Hopp) oder für Hannover 96 (Martin Kind hält hier eine knappe Mehrheit). Sie nutzen eine Sonderregel der Deutschen Fußball-Liga, wonach Investoren, die mehr als 20 Jahre einen Klub aktiv fördern, die Mehrheit übernehmen dürfen.

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Offenbar war Hasan Ismaik davon ausgegangen, dass in der vierten oder fünften Liga die 50+1-Regel nicht gilt. "Red Bull hat in der fünften Liga angefangen, richtig?" hatte er am Freitagnachmittag der SZ gesagt. Er wolle eine Mitgliederversammlung am 2. Juli dazu nutzen, seine Macht auszuweiten. Zum Beispiel solle die gesamte Jugendabteilung des Klubs aus dem e.V. herausgelöst und der Profiabteilung zugeteilt werden. Das würde erklären, warum er sich weigerte, am Freitag die nötigen elf Millionen Euro für eine Lizenz für die 3. Liga bereitzustellen.

Der BFV beschließt am Donnerstag eine Satzungsänderung

Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) reagierte allerdings schnell. Vorsitzender Rainer Koch erklärte während einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz mit den Vizepräsidenten des TSV 1860 e.V., dass es vom Verband keine Zustimmung zu Ismaiks Forderungen geben werde. Zur Überführung der kompletten Jugendabteilung in die KGaA erklärte Koch: "Ich möchte Herrn Ismaik in aller Deutlichkeit sagen: So lange 1860 in der Regionalliga Bayern spielt, wird das nicht passieren. Wer solche Forderungen stellt, hat keinen Platz." Der BFV werde es "auf keinen Fall dulden, dass 1860 unter Druck gesetzt oder von außen rechtlich beherrscht werden soll. Das würde zur Verweigerung der Lizenz führen. In allen Ligen gilt 50+1."

Weil dem Verband offenbar schwante, dass hier eine Angriffsfläche in den Statuten besteht, hatte der BFV erst am Donnerstag eine Satzungsänderung in einem sogenannten Umlaufverfahren beschlossen. Aspekte der 50+1-Regel, die bislang lediglich über einen Verweis im Zulassungsvertrag zur Regionalliga für die vierte Spielklasse Bestand hatten, wurden nun auch noch in die BFV-Satzung aufgenommen. "Wir haben die aktuelle Diskussion zum Anlass genommen, dieses Thema noch deutlicher zu machen, um keinen Interpretationsspielraum zuzulassen", sagte BFV-Pressesprecher Thomas Müther der SZ zu diesem Vorgang.

Hasan Ismaik erzürnt das, er fühlt sich offenbar hinters Licht geführt. "Es ist ein großer Skandal im deutschen Fußball passiert", erklärte er am Telefon, "ich bin mir sicher, dass die, die die Satzung geändert haben, gegen mich arbeiten." Er verdächtigt demnach wohl den Bayerischen Fußball-Verband und die Vertreter des TSV 1860 e.V., gemeinsame Sache zu machen, um ihn loszuwerden. Und sieht den einzigen Ausweg in einer Klage gegen die 50+1-Regel.

Im Beirat der KGaA, der den Geschäftsführer bestimmt, herrscht eine Pattsituation

Die heutige Konstellation könnte es dem e.V. ermöglichen, die KGaA in die Insolvenz zu treiben und so den offensichtlich ungeliebten Jordanier aus dem Klub zu treiben. Rainer Koch betonte am Freitag zwar einerseits, dass der Verband den TSV 1860 nach dem Absturz aus dem Profifußball gerne in der Regionalliga Bayern aufnehme. Allerdings forderte er, dass der Klub "schnellstmöglich wieder einen Geschäftsführer als Ansprechpartner hat, der uns gegenüber einen Antrag stellen kann, in welcher Liga der Verein spielen möchte". Für den Antrag werde sicher eine Frist gesetzt werden. Verpasst der Klub die Frist, kann der TSV 1860 wohl für überhaupt keine Liga gemeldet werden.

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Doch im Beirat der KGaA, der den Geschäftsführer bestimmt, herrscht eine Pattsituation. Die e.V.-Vertreter können die Vorschläge von Ismaik blockieren, am Ende könnte ein Notvorstand berufen werden. Da die KGaA überschuldet ist, müsste dieser dann eine Fortführungsprognose stellen. Unter ligalosen Umständen kann diese nur negativ ausfallen und die KGaA müsste Insolvenz anmelden. Anschließend könnte dann der e.V. eine Fußballmannschaft in den Spielbetrieb schicken und mit dem BFV verhandeln, in welcher Liga diese antreten darf.

Die Klage gegen 50+1 ist nun Ismaiks Gegenmittel. Kritiker befürchten schon seit einiger Zeit, dass die Regel gegen EU-Recht verstoßen könnte. Vielleicht führt der Niedergang des TSV 1860 nun dazu, dass der deutsche Fußball bald Geldgebern und Investoren aus aller Welt die Türen öffnen muss.