Triathlon Der Ironman und seine seltsamen Geschäfte

Bekränzt und bejubelt: Jan Frodeno nach seinem Sieg beim Ironman auf Hawaii im Oktober.

(Foto: Bruce Omori/dpa)

Jan Frodeno hat viel für den Triathlon getan. Doch die Ironman-Marke ist das Machwerk einer problematischen Firmenpolitik, bei der auch der Neffe von Sepp Blatter auf obskure Art mitmischt.

Von Frank Hellmann

Australische Sonne statt deutsches Schmuddelwetter, Babybauch statt Weihnachtsbaum: Für Jan Frodeno stand das diesjährige Weihnachtsfest unter anderen Vorzeichen als gewöhnlich. Bewusst hatte sich der Ironman-Weltmeister schon vor Heiligabend in den Flieger gesetzt, um nach Noosa an die Sunshine Coast in die australische Heimat seiner Frau Emma Snowsill zu reisen. Dort, im Malibu Australiens, soll im Februar das erste gemeinsame Kind zur Welt kommen. Ein entspannter Abend unter Sportlern mit gutem Essen - das war für Deutschlands Sportler des Jahres die weihnachtliche Prämisse.

Der 34-Jährige blickt auf ein unvergleichliches Jahr zurück, das seine Titelsammlung im Triathlon perfekt machte. Der Coup beim Ironman Hawaii über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen, Europameister beim Ironman Frankfurt und Weltmeister beim Ironman 70.3 in Zell am See über die halb so lange Strecke. Und das alles nach dem Olympiasieg 2008 in Peking, wo Frodeno über die Kurzdistanz bereits ein Stück Sportgeschichte schrieb. Der derzeit medial besonders präsente Ausdauerspezialist hat die Grenzen in seiner Sportart neu definiert und ist genau zum richtigen Zeitpunkt auf die Langdistanz gewechselt. Den Konkurrenten (und Kumpel) Sebastian Kienle gleich dreimal zu düpieren, nötigte allen Respekt ab. In den Sport-Jahresrückblicken wird wieder jenes Bild vom 10. Oktober auftauchen, bei dem der Hawaii-Sieger im Zielkanal zärtlich den Bauch seiner schwangeren Frau küsste.

Chinesischer Mischkonzern zahlt 650 Millionen Dollar für die Übernahme

Der in Köln geborene, in Südafrika aufgewachsene und oft in Spanien trainierende Triathlon-Kosmopolit weiß sehr wohl, dass seine Erfolge nicht nur ihm selbst dienen. Sondern vor allem auch der Marke Ironman. Eher unbemerkt ging ja vor dem heroenhaften Showdown auf Big Island ein sagenhafter Deal über die Bühne, als der chinesische Mischkonzern Dalian Wanda für die Übernahme der Marke Ironman und seiner Dachorganisation World Triathlon Corporation (WTC) unglaubliche 650 Millionen Dollar bezahlte. "Als eine global denkende Firma mit dem gleichen Streben nach Qualität und Wachstum, speziell in Asien, ist Wanda der ideale Partner", teilte WTC-Boss Andrew Messick mit. Das Geld floss aber direkt an das amerikanische Private-Equity-Unternehmen Providence, das 2008 wiederum für 85 Millionen Dollar die WTC aufgekauft hatte.

Ende November dieses Jahres gab der neue Besitzer sodann die Gründung von Wanda Sports bekannt, um den mächtigen Sportvermarkter Infront Sports & Media mit der Ironman-Marke zu verschmelzen. Dieses Unternehmen wird nunmehr von Philippe Blatter geleitet. Der Neffe des suspendierten Fifa-Präsidenten Sepp Blatter sah sich in der Vergangenheit immer wieder Vorwürfen ausgesetzt, er sei bei Vergaben des Weltfußballverbands bevorteilt worden. Der nach noch mehr Einfluss im Sportbusiness strebende Philippe Blatter ließ nun verlauten: "Die Integration von Infront und WTC mit seiner Kultmarke Ironman unter dem Dach Wanda Sports ist ein wichtiger Schritt für die Wanda Gruppe." Man wolle strategischen Investitionen bündeln und weitere Expansion vorantreiben.

Der anspruchsvollen Sportart Triathlon, deren Teilnehmer zumeist keine Kosten und Mühen scheuen, um sich der Herausforderung zu stellen, fällt dabei offenbar eine wichtige Rolle zu. Dazu passte die Pressemitteilung gleich am ersten Weihnachtstag: "Ironman freut sich, ein neues Rennen in China bekanntgeben zu dürfen. Es handelt sich dabei um den ersten Ironman 70.3 in der Hafenstadt Xiamen an der Südostküste des Landes." Renndatum 6. November 2016. Dort können dann direkt 15 Startplätze für den Hawaii Ironman 2017 ergattert werden. Mittelfristig könnten zu den 2016 geplanten 41 Langdistanz- und 136 Halbdistanz-Veranstaltungen unter Ironman-Label wohl noch 20 oder 30 neue Rennen in Fernost kommen, vermuten Insider. Vor allem China ist auf der Triathlon-Landkarte bisher fast ein weißer Fleck.

Blatters Firma entlässt kurz vor Weihnachten den alten Europa-Chef

Wer bei dem von seinem mächtigen Verwandten protegierten Philippe Blatter für den Triathlon nicht viel Gutes vermutet, liegt richtig: Obwohl die neue Firma mit Sitz in Zug zunächst verkündete, sie wolle das erfahrene Ironman-Management nicht verändern, trennte sich das Unternehmen kurz vor Weihnachten von dem aus Frankfurt operierenden Europa-Chef Thomas Dieckhoff. Der 58-jährige Wiesbadener hatte drei Jahre lang die europäische Firmenpolitik verantwortet - die dürre Presseerklärung ließ viele Fragen offen. Ironman-Kommunikationschef Stefan Jaeger teilte auf Anfrage lapidar mit, mehr müsse nicht gesagt werden - ein Nachfolger werde doch zeitnah bestimmt.

Dem Vernehmen nach hatte sich die WTC-Zentrale in Tampa/Florida unter Dieckhoffs Regie vor allem deutlich höhere Sponsoringeinnahmen auf dem deutschen Markt erhofft. Bedenken, dass die deutschen Standorte - neben dem Ironman Frankfurt als Aushängeschild noch die Halbdistanz-Rennen (Ironman 70.3) in Wiesbaden, Kraichgau und Rügen - gefährdet sein können, zerstreut der zuständige Geschäftsführer Björn Steinmetz: "Die vier Rennen in 2016 sind nicht betroffen."

Auch ein Anti-Doping-Arzt bekommt die Kündigung - per Mail

Die wichtigen Verträge in Frankfurt oder Wiesbaden laufen jedoch aus, "wir sind diesbezüglich bereits in guten Gesprächen." Avisiert würden neue Abmachungen mit den Städten über eine Laufzeit von drei oder fünf Jahren. Zur Dieckhoff-Trennung ("habe viel von ihm gelernt") möchte sich Steinmetz indes nicht weiter äußern. Aus gutem Grund. Die Personalie fügte sich nämlich in ein schlechtes Bild, denn ähnlich wurde zuvor mit ehrenamtlichen Helfern oder langjährigen Mitarbeitern umgegangen. Selbst der engagierte Triathlon-Arzt Dr. Klaus Pöttgen, der zuvor tatkräftig mithalf, ein umfassendes Anti-Doping-Programm aufzubauen, erhielt in einer formlosen E-Mail seine Kündigung. Mittlerweile erfreut sich der Mediziner als Mannschaftsarzt beim Bundesliga-Aufsteiger SV Darmstadt 98 einer hohen Wertschätzung. Pöttgen hat mit dem neuen Ironman-Machwerk abgeschlossen.

Denn wie verträgt sich eine an amerikanische Unternehmenskultur angelehnte Kommunikations- und Personalpolitik mit den Idealen einer Sportart, die so gerne ihren ideellen Charakter und ihr familiäres Ambiente herausstellt? Für Kurt Denk, der 2002 mit privatem Geld die Ironman-Lizenz aus Roth für Frankfurt erwarb, ehe er nach sieben Jahren seine Anteile verkaufte, steuert die Dachmarke in keine gute Richtung. Nämlich "in ein System, welches nicht mehr überschaubar und transparent ist - weder für die Sportler noch für die Öffentlichkeit", sagt Denk der SZ.

"Defizite beim Umgang mit den Menschen, die dem Sport geholfen haben"

Frankfurts Ironman-Begründer ist überaus skeptisch: "Eine solche Entwicklung dient nicht dem Sport. Geld verdienen ist keine Schande. Eine andere Sache ist aber, wie man dabei mit Menschen umgeht, die diesem Sport geholfen haben. Hier sehe ich große Defizite." Und eine kritische Zukunft. Der 66-jährige hatte die neuen Macher intern wiederholt davor gewarnt, den Ironman zu entwurzeln.

Bereits unter Providences Regie hatte die WTC nichts Besseres zu tun, als allen Ernstes zu versuchen, Lance Armstrong als neues Zugpferd einzubinden. Im Mai 2012 gewann der gefallene Radstar sogar den Ironman 70.3 Florida und träumte vom Hawaii-Start. Immerhin stellten sich mündige Athleten wie Kienle wegen der Doping-Vergangenheit Armstrongs verbal dagegen. Kurz darauf versank das auserkorene Aushängeschild endgültig in seinem Lügengebilde. Die Causa offenbarte, wie beim Ironman die Gier nach mehr PR und Profit wuchs. Steinmetz weist diesen Vorwurf von sich. "Wir sind nicht gewinnorientierter als ein normaler Wirtschaftsbetrieb."

Querdenker Timo Bracht startet lieber bei der Konkurrenz

Einige wie der Querdenker Timo Bracht starten seitdem lieber bei der Konkurrenz-Serie Challenge - er gewann 2014 in Roth. Die meisten Top-Athleten aber schlucken ihren Unmut herunter, so wie sie beim Wettkampf die Schmerzen unterdrücken. Auch Frodeno äußerte sich nur vorsichtig zur Tatsache, dass sein ausgesuchtes Segment zum Spekulationsobjekt verkommen ist. "Ironman ist ein Geschäft. Ich bin Profi, insofern ist Triathlon, wenn ich ehrlich bin, in gewisser Weise für mich auch ein Geschäft. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit", sagte er vor seinem Hawaii-Sieg der Frankfurter Rundschau.

In der Szene ist der Ruf der Marke Ironman angekratzt. Beim "Triathlon Award des Jahres" im hessischen Langen, wo alljährlich alle aus der Nische Triathlon zusammenkommen, gab es Ende November die Quittung: Bei der Wahl zum beliebtesten Rennen hängte Challenge Roth den Konkurrenten Ironman Frankfurt mit Riesenvorsprung ab. Steinmetz verweist auf die regelmäßig in Windeseile ausgebuchten 3000 Startplätze für eine Teilnahmegebühr von mittlerweile deutlich mehr als 500 Euro. Doch der Grund ist denkbar einfach: Nur bei einem offiziellen Ironman-Event können die nötigen Punkte und Platzierungen erreicht werden, die Profis wie Altersklassenathleten erst die Teilnahme am Mythos Hawaii ermöglichen. Die Legenden, die sich um die ultimative Herausforderung ranken, sind das millionenschwere Faustpfand der Ironman-Besitzer. Damit haben sie die Allmacht über alle leidensfähige Triathleten dieser Welt, die einmal in ihrem Leben auf der Pazifik-Insel starten wollen. Oder sich wie Jan Frodeno die Krone aufsetzen.