Trend in der Bundesliga Ballungsraum Abstiegszone

Hamburgs Ronny Marcos: Vorletzter mit dem HSV, aber nur knapp hinter dem Neunten

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Unterhalb des FC Bayern steuert die Liga auf eine kuriose Saison zu: Den Neunten trennen nur vier Punkte vom Siebzehnten. Niemand ist sicher: Wer heute aufatmet, dem kann morgen schon wieder der Atem stocken.

Ein Kommentar von Christof Kneer

Die Frage ist natürlich, ob Viktor Skripnik und Huub Stevens überhaupt gelten. Viktor Skripnik ist zwar der neue Trainer in Bremen, aber neu ist insofern relativ, weil er ungefähr schon so lange in der Stadt ist wie die Stadtmusikanten. Und Huub Stevens ist zwar der neue Trainer beim VfB Stuttgart, aber auch bei ihm ist "neu" ein bisschen relativ. Er hat die Stadt ja erst im Mai verlassen, bevor er sie im November wieder betrat.

Den Statistikern werden solche kleinlichen Einwände egal sein, und Freunde der Trainerwechsel-Theorie werden nach den Siegen von Bremen und Stuttgart stolz den nächsten Strich auf ihre Listen malen: Ja, Trainerwechsel bringen was! Allerdings werden Gegner der Trainerwechsel-Theorie dieses Wochenende ebenfalls als gelungen verbuchen. Sie werden mit genauso viel Berechtigung sagen: Sieht man doch am HSV, dass Trainerwechsel überschätzt werden.

Wer neutral ist und außerdem Bayern-Siege langweilig findet, dem dürfte es einerlei sein, welche Trainertheorie nun verfängt. Unterhalb des FC Bayern steuert die Liga tatsächlich auf eine Saison zu, die es so schon lange nicht mehr gegeben hat. Den Neunten (Mainz 05) trennen vom Siebzehnten (Hamburger SV) gerade mal vier Punkte, der Abstand ist nicht viel größer als ein einziger Sieg.

Vorübergehend gelungene Trainerwechsel, vorübergehend nicht gelungene Trainerwechsel oder gar keine Trainerwechsel: Im Mittelbau der Liga, der gleichzeitig der Unterbau ist, vermischen sich die unterschiedlichsten Klubgeschichten, und jeder Trend hat eine garantierte Haltbarkeit von exakt einem Spieltag. Wer heute aufatmet, dem kann morgen schon wieder der Atem stocken.

Dramatischer Kontrast zu den Vorjahren

Nach 13 Spieltagen ist die Liga auf einem guten Weg, ein totgeglaubtes Klischee wiederzubeleben. Der Satz "Wir müssen erst mal 40 Punkte holen" hatte in den vergangenen Jahren immer etwas Rührendes; er wurde mit treuherzigem Augenaufschlag in allen Mixed-Zonen der Liga gesagt, gerade so, als stünde dieser Satz als Pflichtaussage im Muster-Arbeitsvertrag eines Fußballprofis. Dabei wusste jeder dieser Musterprofis, dass im Zweifel auch 36 oder 34 Punkten genug sind, um Sechzehnter oder vielleicht sogar Fünfzehnter zu werden. In der vergangenen Saison war der ausgeleierte 40-Punkte-Refrain besonders grotesk, weil dem HSV bejammernswerte 27 Punkte für den Relegations-Rang reichten.

Wenn Bremen, Stuttgart und all die anderen in den nächsten Wochen nur ein bisschen weiterpunkten mit ihren neuen, nicht mehr ganz neuen oder sogar alten Trainern, dann könnten selbst die Tabellenletzten schon mit 17, 18 Punkten in die Winterpause gehen - was ein dramatischer Kontrast zu den vergangenen Jahren wären, in denen sich Teams wie Eintracht Braunschweig und Greuther Fürth souveräne Start-Ziel-Niederlagen leisteten. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lagen Braunschweig und Nürnberg nach 17 Spieltagen bei elf Punkten; vor zwei Jahren hatten Fürth und Augsburg zur Winterpause nur neun Punkte gesammelt.

In dieser Saison hat aber partout niemand Lust, den natürlichen Abstiegskandidaten zu geben. Die ehemals kleinen Klubs wie Mainz oder Augsburg sind mit unbeugsamer Kontinuität und pfiffiger Personalpolitik inzwischen an den Hamburgs, Stuttgarts, Bremens und Frankfurts vorbeigewachsen, aber die ehemals Großen haben immer noch genügend Qualität, um sich nicht abhängen zu lassen. Gemeinsam mit konkurrenzfähigen Aufsteigern (Köln, Paderborn) und tapferen Außenseitern (Freiburg) treffen sich all diese Klubs in einem massiven Ballungsraum, in dem sich die Qualitäten der Teams oft nur durch die Tagesform (oder natürlich die Trainerwechsel-Effekte) unterscheiden.

Es könnte sein, dass man diesmal 40 Punkte braucht, um nicht abzusteigen.